»Aus Dir spricht Wahnsinn, Varney,« rief Leicester, »dieweil Du das Gesicht eines Pfaffen zeigst ... . Wo oder wie hätten sie zusammenkommen können?«
»Mylord,« erwiderte Varney, »unseligerweise kann ich darüber nur allzu genau berichten. Kurz vorher, ehe in Tressilians Namen die Bittschrift an die Königin gelangte, traf ich ihn, zu meiner namenlosen Verwunderung, an der Hinterpforte, die aus dem Herrenhause nach Cumnor-Place führt.«
»Du trafst ihn? Schurke! und warum schlugst Du ihn nicht nieder?« schrie Leicester.
»Ich zog mein Schwert, und er auch, Mylord; und wäre nicht mein Fuß ausgeglitten, so wäre der Junker vielleicht kein Anstoß mehr auf dem Pfade Eurer Lordschaft.«
Leicester schien vor Staunen sprachlos. Endlich antwortete er:
»Was für andre Beweise hast Du, Varney, außer Deiner eignen Behauptung?.... denn wie ich schrecklich strafen will, so will ich kalt und nüchtern prüfen. Beim heiligen Himmel! ... doch nein, nein! ich will kalt und nüchtern, kalt und nüchtern prüfen.«
Er wiederholte diese Worte mehr als einmal, als läge in ihrem Klange eine besonders sänftigende Wirkung; dann preßte er die Lippen aufeinander, wie wenn er fürchtete, es könne ihm irgend ein heftiges Wort enteilen ... und dann fragte er zum andern Male:
»Was hast Nu weiter für Beweise?«
»Genug, Mylord,« antwortete Varney, »und mehr! . . . Ich wünschte, ich besäße sie allein, denn bei mir lägen, sie begraben für ewig. Aber mein Diener Lambourne war Zeuge des ganzen Vorgangs und die eigentliche Ursache, daß Tressilian nach Cumnor-Place kam. Eben darum habe ich ihn in meine Dienste genommen und auch im Dienste behalten, trotzdem er ein Lüdrian ist.« Er unterbreitete nun Lord Leicester, wie leicht es sei, durch das Zeugnis von Anthony Foster, dem noch die bekräftigenden Aussagen all der in Cumnor-Place befindlichen Nebenpersonen zur Seite stünden, den Beweis für die Zusammenkunft der Gräfin mit Tressilian zu erbringen. In seiner ganzen Erzählung ließ er sich auf keinerlei Fabel ein, sondern hielt sich an den Sachverhalt, wie er sich zugetragen, bloß daß er durchblicken ließ, die Unterredung zwischen der Gräfin und Tressilian könne wohl langer als ein paar Minuten gedauert haben, wenn es auch in Wahrheit nicht der Fall war.
»Wie kannst Du zweifeln, daß diese Zusammenkunft nicht in allen Ehren stattfand? Mich dünkt, die Gattin des Earl of Leicester dürfe wohl kurze Zeit mit einem Edelmanne wie Tressilian zusammen sein, ohne daß es mich beleidigen müsse oder mein Ansehen benachteiligen könne?«
»Allerdings, Mylord, und wenn ich gemeint hatte, es könne sich anders in dieser Hinsicht verhalten, so würde ich nicht Hüter des Geheimnisses gewesen sein. Aber hier liegt der Hase im Pfeffer! Tressilian verläßt das Schloß nicht, ohne mit einem armen Menschen, dem Gastwirt im Dorfe, einen schriftlichen Verkehr zu verabreden, dessen Zweck kein andrer ist, als Mittel und Wege zu vereinbaren, die Lady von dort wegzuschaffen. Er schickt einen Boten hin, als Hausierer verkleidet, dem es gelingt, sich im Schlosse einzuschleichen; es gelingt dem Boten, die Lady zu sehen und zu sprechen ... und sie fliehen miteinander und erreichen auch dieses Schloß, wo die Gräfin Leicester Zuflucht fand ... ich darf nicht sagen, wo?«
»Rede! ich befehle es Dir!« rief Leicester streng; »sprich, so lange ich noch Verstand besitze, Dich anzuhören!«
»Wenn es denn sein muß,« erwiderte Varney, »nun, die Dame ist sogleich zu Herrn Tressilian geeilt und dort, teils in seiner Gesellschaft, teils allein, mehrere Stunden geblieben. Ich erzählte Euch, Tressilian habe eine Liebste bei sich, ... ließ mir aber wenig träumen, wer diese Liebste sei ...«
»Amy, wolltest Du sagen? wie?« antwortete Leicester, »aber es ist gelogen! es ist falsch! es stinkt nach Höllenqualm!« schrie Leicester, wie außer sich ... »Nimmermehr!! Nimmermehr!! ... Beweise, Beweise! gib mir Beweise!«
»Carrol, der Hausverwalter, hat sie gestern nachmittag auf eignes Begehren dorthin geführt ... Lambourne und der Schließer fanden sie heute morgen dort ...«
»War Tressilian bei ihr?« fragte Leicester wild.
»Nein, Mylord,« entgegnete Varney ... »Eure Lordschaft erinnert sich wohl, daß Tressilian gewissermaßen Stubenarrest hatte unter Obhut von Nikolaus Blunt ...«
»War es Carrol und den andern Kerlen bekannt, wen sie vor sich hatten?« fragte Leicester.
»Nein, Mylord,« versetzte Varney, »Carrol und der Schließer hatten die Gräfin nie zuvor gesehen, und Lambourne hat sie in ihrer Verkleidung nicht erkannt; aber als er sie hindern wollte, das Gemach zu verlassen, blieb ein Handschuh in seiner Hand zurück, den Eure Lordschaft, meine ich, wohl wiederkennen wird ...«
Er gab den Handschuh dem Grafen; er trug das gräfliche Wappen mit dem Bären und dem Knotenstock in Perlen gestickt.
»Ja, den Handschuh erkenne ich als den der Gräfin,« sagte Leicester, »waren sie doch ein Geschenk von mir! der andre saß auf ihrem Arm, den sie heute morgen um meinen Hals legte ...« und wilde Erregtheit sprach aus diesen Worten.
»Eure Lordschaft kann ja die Lady selbst befragen,« fuhr Varney fort, »ob, was ich berichte, auf Wahrheit beruht.«
»Nicht nötig, nicht nötig!« rief der Graf, der, wie auf die Folter gespannt, tief aufstöhnte ... dann rief er: »Wie mit feuriger Schrift steht es vor meinen Augen und blendet mich! Ich sehe ihre Schande ... ich kann nichts andres sehen ... und, grundgütiger Himmel! um dieses schändlichen Weibes willen stand ich im Begriff, das Leben so vieler Freunde in Gefahr zu setzen! das Fundament eines geheiligten Thrones zu erschüttern! ein friedliches Land mit Feuer und Schwert zu überziehen! ... der gnädigen Fürstin, die mich zu dem gemacht hat, was ich bin, Gram und Herzeleid zu bereiten! ... und das alles um eines Weibes willen, das mit meinen Feinden unter einer Decke steckt ... das mich hintergeht mit meinem schlimmsten Widersacher! ... Und Du, Schurke, warum hast Du Dein Maul nicht früher aufgetan?«
»Mylord! eine Träne hätte wohl alles gut gemacht ...« meinte mit leisem Hohne Varney. ...
»Und doch,« klagte der Graf, »so jung, so schön! so wunderschön! so liebevoll, so innig kosend! und so falsch! so falsch!« ... der Graf schlug die Hände vor das Gesicht ... dann schrie er: »Ha! ich sehe alles! alles! den Stand und Titel des ehrlichen Narren mochte sie nicht missen, der sie geheiratet hat! und wenn mich mein Wahnsinn dazu getrieben hätte, Aufruhr ins Land zu bringen ... wenn mein Haupt, wie die Königin heute morgen gedroht hat, auf dem Block gefallen wäre, dann wäre das reiche Wittum ihr in den begehrlichen Schoß gefallen ... dann wäre der bettelarme Tressilian reich und glücklich gewesen. ... Darum, bloß darum wollte sie mich in Gefahr jagen, weil doch alles nur ausfallen konnte nach ihrem Wunsche, nach ihrem Plane! ... Varney, kein Wort mehr von ihr! ... Rede mir nichts von Verzeihung! ... sie ist gerichtet! bloß ihr Blut kann meine Schmach abwaschen ... ihr Blut will ich ... ihr Blut!«
Mit diesem Schrei stürzte er aus dem Zimmer, dessen Tür er hinter sich abschloß und verriegelte.
Einundzwanzigstes Kapitel
Man erinnerte sich später oft, daß während der Schlußfestlichkeiten an diesem ereignisvollen Tage Lord Leicester und Sir Varney die Rollen gewechselt zu haben schienen. Varney, der sonst immer nur als Mann für Rat und Tat, für ernste Verhandlungen und kühne Pläne gegolten hatte, und sich von geselligen Freuden gewissermaßen aus Prinzip fernzuhalten pflegte, war der ausgesprochne »Ladiesman« geworden, der dem Gotte des Frohsinns in so ungebundner Weise huldigte, daß er es dreist mit dem lustigsten Kameraden hätte aufnehmen können, und daß alle Welt sich vor Staunen ob solcher Gemütswandlung gar nicht zu fassen vermochte; aber Varney war nun einmal ein Mann der vielseitigsten Fähigkeiten, der sicher das Zeug in sich gehabt hätte, eine hervorragende Erscheinung seines Zeitalters zu werden, wäre nicht der Hang zur Schlechtigkeit und zu gemeiner Intrige so eigentümlich stark bei ihm ausgeprägt gewesen.