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Zweiundzwanzigstes Kapitel

»Ich wünschte mit Euch unter vier Augen zu sprechen.«

Die Worte waren an sich einfach, aber Lord Leicester war in so fieberhafter Erregung, daß er hinter den alltäglichsten Ereignissen Unheil witterte. Er wandte sich hastig zu dem Manne, der ihn ansprach. Er hatte nichts Absonderliches an sich, trug ein Wams von schwarzer Seide, einen kurzen Mantel und eine schwarze Maske vorm Gesicht.

»Wer seid Ihr, und was wollt Ihr von mir?« fragte Leicester.

»Nichts Böses, Mylord,« antwortete die Maske, »sondern nur etwas, was zum Guten und zur Ehre gedeihen kann, wenn Ihr nur meine Absicht recht versteht. Aber ich muß mit Euch ganz allein sprechen.«

»Ich kann mit keinem namenlosen Fremden sprechen,« antwortete Leicester, von einem geheimen Entsetzen vor dem Verlangen des Fremden erfüllt, »und die mich kennen, müssen sich eine andre gelegnere Zeit zu einer Unterredung aussuchen.«

Er wollte hinwegeilen, aber die Maske hielt ihn zurück.

»Wer mit Eurer Lordschaft von dem spricht, was Eure Ehre erheischt, hat ein Recht über Eure Zeit zu verfügen, was für Beschäftigungen Ihr auch um seinetwillen aufschieben müßt.«

»Wie! Meine Ehre? Wer wagts, sie anzutasten?« sagte Leicester.

»Euer eignes Benehmen könnte Gründe, sie anzuklagen, an die Hand geben, Mylord, und gerade darüber wollte ich mit Euch reden.«

»Ihr seid unverschämt,« sagte Leicester, »und mißbraucht die Freiheit, die die Gastlichkeit allen hier gewährt. Ich will Euern Namen wissen.«

»Edmund Tressilian von Cornwallis,« antwortete die Maske. »Meine Zunge ist vierundzwanzig Stunden lang durch ein Versprechen gebunden gewesen – die Zeit ist um – ich spreche jetzt und erweise Eurer Lordschaft die Gerechtigkeit, mich zuerst an Euch zu wenden.«

Das jähe Erstaunen, das Leicesters innerstes Herz durchdrang, als er diesen Namen von der Stimme des Mannes genannt hörte, den er am meisten haßte und von dem er sich so tief beleidigt wähnte, zwang ihn für einen Augenblick in starre Regungslosigkeit hinein – gleich darauf aber wich es einem so heißen Durst nach Rache, wie der Pilger in der Wüste nach Wasser empfindet. Ihm blieb nur noch so viel Verstand und Geistesgegenwart, dem dreisten Schurken nicht auf der Stelle ins Herz zu stoßen, der ihn ins Verderben gebracht hatte und nun auch noch mit so frecher Stirn sein Spiel mit ihm trieb.... Aber er war entschlossen, für den Augenblick sich seine wilde Erregung nicht merken zu lassen, um Tressilians Vorhaben ganz zu durchschauen und sich seine eigne Rache zu sichern – daher antwortete er mit erzwungner Ruhe:

»Und was begehrt Junker Edmund Tressilian von mir?«

»Gerechtigkeit, Mylord,« antwortete Tressilian, ruhig aber fest.

»Gerechtigkeit,« sagte Leicester, »alle Menschen haben Anspruch darauf, Ihr vor allen, Junker Tressilian, und seid versichert, sie soll Euch werden.«

»Ich erwarte nichts weniger von Eurem Edelsinn,« antwortete Tressilian, »aber die Zeit drängt, und ich muß Euch heute abend sprechen. Darf ich Euch auf Eurem Zimmer aufsuchen?«

»Nein,« versetzte Leicester barsch, »nicht unter einem Dach – und gar unter meinem eignen Dache – wir wollen uns unterm freien Himmelsgewölbe treffen.«

»Ihr seid verstimmt, Mylord, oder schlecht auf mich zu sprechen,« erwiderte Tressilian, »doch liegt kein Anlaß vor, weshalb Ihr mir grollen solltet. Der Ort gilt mir gleich, so Ihr mir nur eine halbe Stunde ungestörter Rücksprache gönnt.«

»Es wird eine kürzere Zeit genügen, glaub ich,« antwortete Leicester. »Trefft mich im Lustgarten, wenn die Königin sich auf ihr Zimmer begeben hat.«

»Einverstanden,« sagte Tressilian und zog sich zurück, während durch Leicesters Seele eine Art Entzücken ging. »Der Himmel,« sagte er zu sich selber, »ist mir wenigstens günstig und gibt mir den Elenden in die Hand, der mich in diese tiefe Schande gestürzt hat!«

An Elisabeths Seite fuhr Leicester fort, seine Rolle geistreich zu spielen, so schwere Seelenangst auch auf ihm lastete. Elisabeth fühlte sich in seiner Gesellschaft so wohl, daß die Schloßglocke Mitternacht schlug, ehe sie sich zurückzog, ein bei ihrer ruhigen und regelmäßigen Zeiteinteilung ungewöhnlicher Vorfall. Ihr Aufbruch war natürlich das Zeichen zu allgemeinem Abschluß des Festtages, und die Gesellschaft begab sich an die verschieden Ruheplätze, um von der Kurzweil des verwichnen oder von den Freuden des morgenden Tages zu träumen.

Der unglückliche Schloßherr und Gastgeber des rauschenden Festes zog sich in ganz andern Gedanken zurück. Er befahl dem Diener, der ihm aufwartete, auf der Stelle Varney zu ihm zu schicken. Der Diener kam zurück und meldete, Sir Richard Varney hatte das Schloß durch die Hinterpforte mit drei andern Personen, von denen eine in einer von Pferden getragnen Sänfte sich befunden habe, verlassen.

»Ich glaubte, er werde bis Tagesanbruch warten,« sagte Leicester; »ist keiner von den Dienern zurückgeblieben?«

»Michael Lambourne, Mylord,« sagte sein Kammerdiener, »war nicht zu finden, als Ritter Richard Varney aufbrach; sein Herr war sehr erzürnt, daß er nicht zur Stelle war. Eben sah ich, daß er sein Pferd sattelte, um ihm nachzugaloppieren.«

»Heiß ihn sofort hierherkommen,« sagte Leicester, »er soll etwas an seinen Herrn bestellen.«

Der Diener verließ das Zimmer und Leicester schritt ein Weilchen in tiefem Sinnen hin und her.

»Varney ist übereifrig,« sagte er, »er hat es allzu eilig. Er liebt mich – aber er verfolgt auch seine eignen Zwecke dabei – und verfolgt sie unerbittlich. – Wohl! sie soll bestraft werden, aber es soll mit mehr Besonnenheit geschehen. Ich fühle schon die Ahnung, übergroße Eile würde die Flammen der Hölle in meinem Busen entfachen. Nein! – ein Opfer ist genug auf einmal, und dieses Opfer harrt meiner schon.«

Er ergriff das Schreibzeug und warf in Eile die Worte hin:

»Ritter Richard Varney! – Wir haben uns entschlossen, die Eurer Sorgfalt anvertraute Angelegenheit, aufzuschieben und befehlen Euch aufs strengste, in Beziehung auf die Gräfin nichts weiter vorzunehmen, bis unsre nähern Befehle einlaufen werden. Wir befehlen ferner Eure augenblickliche Rückkehr nach Kenilworth, sobald Ihr die Euch Anvertraute sicher untergebracht habt. Sollte Euer derzeitiger Auftrag Euch länger zurückhalten, als wir denken, so gebieten wir, uns Siegelring zurückzuschicken durch einen zuverlässigen Eilboten, denn wir brauchen ihn dringend. Strengen Gehorsam in diesen Dingen von Euch fordernd und Euch Gottes Huld anempfehlend, verbleiben wir

Euer guter Freund und Herr R. Leicester.«

Gegeben auf unserm Schlosse Kenilworth, am 10. Juli im Jahre des Heils 1575.

Als Leicester diese Order geschrieben und gesiegelt hatte, trat Michael Lambourne, vom Diener eingelassen, herein, gestiefelt und gespornt, mit einem Reitmantel, einem breiten Gürtel und einer Filzkappe, ganz wie ein Kurier.«

»Was für Dienst hast Du zu versehen?« fragte der Earl.

»Ich bin Stallmeister beim Stallmeister Eurer Lordschaft,« antwortete Lambourne mit seiner gewohnten Unverschämtheit.