»Zügle Deine kecke Zunge, Bursche,« sagte Leicester; »wie bald kannst Du Deinen Herrn eingeholt haben?«
»In einer Stunde, Mylord, wenn Mann und Pferd stand halten,« sagte Lambourne, indem er an Stelle seiner mißglückten Vertraulichkeit die tiefste Ehrfurcht annahm.
»Bring diesen Brief rasch und zuverlässig in Ritter Richard Varneys Hände!«
»Reicht mein Auftrag nicht weiter?« fragte Lambourne.
»Nein,« antwortete Leicester, »aber es liegt mir sehr viel daran, daß er sorgfältig und rasch vollzogen werde.«
»Ich will es weder an Sorgfalt fehlen lassen, noch Pferdefleisch schonen,« antwortete Lambourne und verabschiedete sich sogleich.
»Das ist also das Ende meiner Privataudienz, von der ich so viel erhofft habe!« brummte er vor sich hin, als er durch den langen Gang ging und die Treppe hinunter stampfte. »Gott verdamm mich! ich hatte darauf gerechnet, daß der Graf sich in irgend einem geheimen Anschlag meiner bedienen wollte – und die ganze Sache ist weiter nichts wie die Bestellung eines Briefes. Na, gemacht werden solls trotzdem, Das Kind muß kriechen, ehe es laufen kann, und der Neuling im Hofdienst auch. Ich will doch aber mal einen Blick in den Brief hineinwerfen, den er so nachlässig gesiegelt hat.«
Als er es getan hatte, schlug er die Hände zusammen und rief entzückt:
»Die Gräfin! die Gräfin! – Nun hab ich das Geheimnis, das mein Glück machen oder mich ruinieren soll!«
Lambourne und der Kammerdiener hatten kaum das Zimmer verlassen, so begann Leicester seine Kleidung gegen ein ganz schlichtes Gewand umzutauschen, warf den Mantel um, ergriff eine Lampe und ging durch den geheimen Verbindungsgang nach einer kleinen Hinterpforte, die in den Hof führte, ganz in der Nähe des Eingangs zum Lustgarten. Der Vollmond warf jetzt sein Licht herab, daß es fast tageshell war. Die weißen Marmorstatuen glänzten in dem blassen Licht, wie weiß verhüllte, den Gräbern entstiegne Geister, und die Springbrunnen sandten ihre Wasserstrahlen empor, als trachteten sie, ihr Wasser von dem Mondlicht bestrahlen zu lassen, ehe sie in Schauern von funkelndem Silber in ihre Becken niedersanken.
An ganz andre Dinge als an Mondlicht und Wasserfall denkend, schritt der erhabne Leicester langsam von einem Ende der Terrasse zum andern, dicht in den Mantel gehüllt, das Schwert unterm Arme.
Endlich erblickte er eine männliche Gestalt, die langsam auf ihn zukam. Als sie sich gegenüber standen, machte Tressilian eine tiefe Verbeugung, die der Earl mit stolzem Kopfnicken erwiderte, wobei er begann:
»Ihr habt mich um eine Unterredung gebeten, Herr, hier bin ich und bin ganz Ohr.«
»Mylord,« sagte Tressilian, »es ist mir so sehr ernst um das, was ich zu sagen habe, und es liegt mir soviel daran, ein geduldiges, nein, günstiges Ohr zu finden, daß ich mich dazu bereit finde, mich gegen all das zu verteidigen, weshalb Euer Lordschaft mir unfreundlich gesonnen sein möchte. Ihr haltet mich für Euern Feind?«
»Habe ich dazu nicht triftigen Grund?« antwortete Leicester, da er sah, daß Tressilian innehielt und auf eine Antwort wartete.
»Ihr tut mir unrecht, Mylord. Ich bin wohl ein Freund des Earls of Sussex, doch mit nichten ein Anhänger seiner Partei, und seit einiger Zeit kümmre ich mich um das Hofleben und seine Intrigen nicht mehr, da sie weder meinem Temperament noch meinem Geiste zusagen.«
»Glaubs gern,« antwortete Leicester; »es gibt andre Beschäftigungen, die eines Gelehrten würdig sind – und für einen solchen hält ja die Welt den Junker Tressilian. Schließlich hat, wie der Ehrgeiz, auch die Liebe ihre Intrigen.«
»Ich bemerke, Mylord,« entgegnete Tressilian, »Ihr legt noch immer großes Gewicht auf mein früheres Verhältnis zu der unglücklichen jungen Dame, von der ich sprechen will, und Ihr denkt vielleicht, ich nähme mich ihrer Sache mehr aus Eifersucht als aus bloßem Gerechtigkeitssinne an.«
»Einerlei, was ich denke,« sagte der Earl, »fahrt fort. Ihr habt bisher nur von Euch selber gesprochen – ohne Zweifel – – ein wichtiges und würdiges Thema, das aber doch am Ende mich nicht so tief interessieren kann, daß ich mir deshalb die Nachtruhe soll entgehen lassen. Erspart mir weitre Vorreden, Herr, und kommt zur Sache, wenn Ihr in der Tat etwas zu sagen, habt, was mich angeht. Wenn Ihr fertig seid, habe ich meinerseits ein Wörtchen zu reden.«
»So will ich denn ohne weitres zur Sache kommen, Mylord,« antwortete Tressilian; »und da es Eurer Lordschaft Ehre betrifft, werdet Ihr Eure Zeit nicht für vergeudet achten, indem Ihr mir zuhört. Ich habe ein Gesuch an Eure Lordschaft wegen der unglücklichen Amy Robsart, deren Geschichte Euch nur zu wohl bekannt ist. Ich bedaure es tief, daß ich nicht von vornherein gleich diesen Weg eingeschlagen und Euch zum Richter zwischen mir und dem Schurken aufgerufen habe, von dem sie beleidigt worden, geschändet worden ist. Mylord, sie hat sich selber aus einer widerrechtlichen und mit Gefahren für sie verbundnen Einkerkerung befreit im Vertrauen auf den Eindruck, den ihr persönlicher Widerspruch auf ihren unwürdigen Ehemann machen würde, und sie hat mir ein Versprechen abgenommen, daß ich nicht zu ihren Gunsten mich einmischen wolle, in dem Bemühen, ihre Rechte geltend zu machen.«
»Ha!« sagte Leicester, »denkt daran, mit wem Ihr sprecht.«
»Ich spreche von ihrem unwürdigen Mann, Mylord,« wiederholte Tressilian, »und bei aller Hochachtung kann ich nicht geringre Worte brauchen. Die unglückliche junge Frau ist jetzt versteckt worden, wohin weiß ich nicht, aber jedenfalls an irgend ein einsames Versteck, wo sich besser schlimme Pläne ausführen lassen. Das muß geändert werden, Mylord, – ich sage das als Bevollmächtigter ihres Vaters – und diese unglückselige Heirat muß vor der Königin anerkannt und nachgewiesen werden, die Dame muß von jedem Zwange befreit und ihr wieder volle Selbständigkeit eingeräumt werden. Und erlaubt mir zu sagen, daß an der Erfüllung dieser höchst gerechten Forderungen die Ehre Eurer Lordschaft in hervorragendem Maße, mehr als die irgend eines andern unter den Beteiligten, interessiert ist.«
Der Graf stand wie versteinert, als er den Mann, von dem er sich so tief beleidigt wähnte, mit so großer Gelassenheit die Sache seiner strafbaren Geliebten verfechten hörte, als wäre sie ein unschuldiges Weib und er der uneigennützige Fürsprecher. Es nahm ihn im höchsten Maße wunder, daß Tressilian mit solcher Wärme den Rang für sie forderte, den sie entehrt hatte, die Vorteile für sie in Anspruch nahm, die sie ohne Zweifel mit dem Liebhaber teilen sollte. Tressilian hatte ein Weilchen schon geschwiegen, ehe der Graf sich von seiner Verblüffung erholte.
»Ich habe Euch angehört, Junker Tressilian,« sagte dieser jetzt, »ohne Euch zu unterbrechen, und ich danke Gott, daß meine Ohren noch nie zuvor von den Worten eines so dreisten, abgefeimten Schurken geklungen haben. Freilich kommt es eher der Geißel eines Henkers zu, Euch zu züchtigen, als dem Schwerte eines Edelmannes, doch trotzdem – Schurke, zieh und wehr Dich Deines Lebens!«
Mit diesen Worten ließ er den Mantel fallen, versetzte Tressilian mit dem noch in der Scheide steckenden Degen einen heftigen Stoß, zog blank und ging sofort in Fechterstellung. Die wilde Wut seiner Rede erfüllte zuerst Tressilian seinerseits mit ebenso großem Erstaunen, wie es Leicester über seine Worte empfunden hatte. Aber das Erstaunen wich auf der Stelle dem Zorn, als den unverdienten Beleidigungen ein Schlag folgte, der sofort jeden andern Gedanken, als den an augenblicklichen Zweikampf verjagte. Tressilians Schwert war im Nu aus der Scheide, und wenn er vielleicht auch im Gebrauch der Waffe Leicester nicht gewachsen war, so verstand er doch sie so gut zu führen, daß der Kampf mit hohem Mute begann, um so mehr, als er vorderhand der ruhigere von beiden war, – denn er konnte nicht umhin, Leicesters Verhalten aus tatsächlichem Wahnsinn oder einer schweren Täuschung zu erklären.
Ein paar Minuten kämpften sie mit gleicher Gewandtheit und gleichem Glück, bis bei einem heftigen Ausfall, den Leicester erfolgreich parierte, Tressilian sich eine Blöße gab. Der Graf schlug ihm den Degen aus der Hand und streckte ihn zu Boden. Mit einem grimmigen Lächeln hielt er die Spitze seines Rapiers seinem gefallnen Gegner an die Kehle, stellte ihm den Fuß auf die Brust und hieß ihn die an ihm verübten bübischen Schandtaten bekennen und sich zum Tode bereiten.