Выбрать главу

»Ich habe keine Schandtaten, nicht einmal ein Unrecht zu bekennen, das ich an Euch verübt hätte,« antwortete Tressilian, »und bin besser zum Tode bereitet als Ihr. Braucht Euern Vorteil, wie Ihr wollt, und möge Gott Euch vergeben! Ich habe Euch hierzu keine Veranlassung gegeben.«

»Keine Veranlassung!« rief der Graf aus, »keine Veranlassung! – doch warum rede ich erst noch mit solch einem Sklaven? – Stirb als Lügner, der Du Dein Leben lang gewesen bist!«

Er hatte den Arm zurückgezogen, um den Todesstoß zu tun – da wurde er plötzlich von hinten festgehalten.

Voller Wut drehte der Earl sich um, das unerwartete Hindernis abzuschütteln, und sah zu seiner Verwunderung, daß ein seltsamer Knabe ihm in den Arm gefallen war und ihn mit solcher Hartnäckigkeit festhielt, daß er ihn nur mit großer Anstrengung von sich abwehren konnte. Inzwischen hatte Tressilian sich erhoben und seine Waffe wieder ergriffen. Leicester wandte sich mit einem Ausdruck ungeschwächter Wildheit gegen ihn, und der Kampf hätte mit größrer Verzweiflung auf beiden Seiten wieder begonnen, hatte nicht der Junge sich an Leicesters Knie geklammert und ihn in schrillem Tone beschworen, ihn nur einen Augenblick anzuhören, ehe er weiter föchte.

»Steh auf und laß mich los!« sagte Leicester, »sonst beim Himmel durchstoß ich Dich mit diesem Rapier! Wie kommst Du dazu, meiner Rache in den Weg zu treten!«

»Ich muß! ich muß!« rief der unerschrockne Knabe. »Meine Torheit hat ja den Anlaß zu diesem blutigen Streite zwischen Euch herbeigeführt. Und vielleicht gar noch schlimmeres Unheil. O, wenn Ihr je wieder den Frieden eines unschuldigen Gemüts zu genießen hofft, wenn Ihr je wieder in Ruhe und ohne die Qual der Gewissensbisse zu schlummern hofft, dann nehmt Euch nur soviel Zeit, diesen Brief zu lesen, und dann handelt, wie Ihr es für gut haltet.«

Mit diesen Worten, die er in ernstem, dringendem Tone vorbrachte, und die durch das Mienenspiel seines absonderlichen Gesichtes einen gespenstischen Nachdruck erhielten, hielt er Leicester ein Päckchen hin, das mit einer langen Flechte von schönem, hellbraunem Frauenhaar zugebunden war. Außer sich vor Ingrimm, ja fast blind vor Wut, seine geplante Rache so seltsam vereitelt zu sehen, konnte doch der Earl of Leicester diesem absonderlichen Bittsteller nicht widerstehen. Er riß ihm den Brief aus der Hand, sah die Aufschrift und erblaßte – löste mit zitternder Hand den Knoten, der das Schreiben zusammenhielt, – überflog den Inhalt und taumelte zurück und wäre hingestürzt, hätte nicht ein Baumstamm ihm Halt gegeben. Hier lehnte er ein Weilchen, das Auge auf den Brief geheftet, die Schwertspitze gegen den Boden gekehrt, als habe er ganz die Gegenwart eines Gegners vergessen.

Tressilian indessen erkannte in dem Knaben seinen alten Bekannten Nickie, dessen Gesicht niemand so bald vergaß, der es einmal gesehen hatte; aber wie er hierher kam in einem so kritischen Moment, warum er in so energischer Weise eingegriffen hatte, und vor allem, wie es kam, daß seine Einmischung einen so mächtigen Eindruck auf Leicester machte, das waren Fragen, die er nicht enträtseln konnte.

Aber der Brief war an sich mächtig genug, noch wunderbarere Wirkung zu tun. Es war derselbe, den die unglückliche Amy an ihren Gatten geschrieben hätte, in welchem sie ihm erklärte, aus welchem Grunde und in welcher Weise sie aus Cumnorplace geflüchtet war, ihm mitteilte, daß sie nach Kenilworth gekommen sei, um sich seines Schutzes zu erfreuen, und ferner die Umstände anführte, die sie gezwungen hätten, in Tressilians Zimmer Zuflucht zu suchen, ihn gleichzeitig ernstlich bittend, ihr unverzüglich ein passenderes Obdach anzuweisen. Der Brief schloß mit den ernsthaftesten Versicherungen innigster Liebe und gänzlicher Unterwerfung unter seinen Willen in allen Dingen und mit der flehentlichen Bitte, nicht wieder unter die Obhut oder in die Gewalt Varneys gegeben zu werden.

Der Brief entfiel Leicester, als er ihn gelesen hatte.

»Nehmt meinen Degen,« sagte er, »Tressilian, und durchbohrt mir das Herz, wie ich eben jetzt das Eure habe durchbohren wollen.«

»Mylord,« sagte Tressilian, »Ihr habt mir schweres Unrecht getan, aber etwas in meiner Brust hat mir stets zugeflüstert, daß es aus grundsätzlichem Irrtum geschah.«

»Ja, aus Irrtum in der Tat!« rief Leicester und reichte ihm den Brief. »Man hat mich dahin gebracht, daß ich einen Ehrenmann für einen Schurken hielt und das reinste, beste Geschöpf für eine falsche, verworfne Metze! – Unglücksknabe, woher kommt dieser Brief jetzt erst, und wo hat der Ueberbringer sich herumgetrieben?«

»Ich getrau mich nicht, es Euch zu sagen, Mylord,« sagte der Junge und zog sich zurück, wie um sich seinem Bereich zu entziehen. – »Aber hier kommt der Bote selber.«

In diesem Augenblick kam Wieland herbei, und von Leicester befragt, berichtete er in Eile über die Flucht mit Amy, – die bübischen Taten, die sie zur Flucht getrieben hatten, – ihr dringendes Verlangen, sich unter den Schutz ihres Mannes selber zu begeben.

»Die Schurken!« rief Leicester. »Doch o! der schlimmste von allen, Varney! – und eben jetzt ist sie in seiner Gewalt!«

»Doch nicht – ich hoffe es zu Gott,« fiel Tressilian ein, »mit irgendwelchen Befehlen gefährlicher Art?«

»Nein, nein, nein!« rief der Earl rasch. »Ich sagte wohl etwas im Wahnsinn, aber ich habe es widerrufen, voll widerrufen durch einen Eilboten – und sie ist jetzt – sie muß jetzt in Sicherheit sein.«

»Ja,« sagte Tressilian, »sie muß in Sicherheit sein, und ich muß davon überzeugt sein, daß sie es ist. Mein Streit mit Euch ist beendet, Mylord; aber es hat ein andrer zu beginnen mit dem Verführer Amy Robsarts, der sein Verbrechen unter dem Mantel des schändlichen Varney versteckt hat.«

»Mit dem Verführer Amys?« wiederholte Leicester mit Donnerstimme. »Sagt, mit ihrem Gatten! – mit ihrem mißleiteten, blind gemachten, unwürdigen Gatten! Sie ist so gewiß Gräfin von Leicester, wie ich Graf bin. Gerechtigkeit soll ihr werden in jeder Weise.«

»Mylord,« entgegnete Tressilian ruhig, »ich will Euch nicht beleidigen und bin weit entfernt, Streit mit Euch zu suchen. Aber meine Pflicht gegen Sir Hugh Robsart zwingt mich, diese Sache unverzüglich vor die Königin zu bringen, damit der Rang der Gräfin in ihrer Gegenwart anerkannt werde,«

»Das werdet Ihr nicht nötig haben, Herr,« versetzte der Graf hochmütig. »Erdreistet Euchs ja nicht, Euch da hineinzumischen. Nur Dudleys Stimme soll Dudleys Schmach verkünden. – Elisabeth selber will ich es sagen, und dann nach Cumnorplace – es geht um Leben und Tod!« Mit diesen Worten eilte er davon.

»Nehmt mich mit, Herr Tressilian,« sagte der Knabe, als auch dieser sich zum Gehen anschickte, »meine Geschichte ist noch nicht zu Ende, und ich bedarf Eures Schutzes.«

Unterwegs gestand der Junge mit tiefer Zerknirschung, daß er, um sich an Wieland zu rächen, weil ihm dieser das Geheimnis der Lady nicht offenbart hatte, diesem den Brief entwendet hatte, den er in Amys Auftrag an den Grafen von Leicester hatte abgeben sollen. Er hatte ihn eigentlich bloß bis zum Abend behalten wollen, da er darauf rechnete, dann Wieland wiederzusehen, der ja bei dem Festspiele den Arion hatte spielen sollen. Wieland aber war nicht gekommen, da er ja inzwischen von Lambourne zum Schlosse hinausgejagt worden war. Er hatte weder Wieland noch Tressilian finden können, und da er einen Brief bei sich trug, der an keine geringre Person als den Grafen von Leicester gerichtet war, so begann er ernstlich zu befürchten, sein Streich möchte böse Folgen haben. Ein paarmal hatte er versucht, bei Leicester vorgelassen zu werden, allein sein schnurriges Gesicht und seine unscheinbare Erscheinung bewirkten stets, daß die unverschämten Diener ihn wieder abwiesen. Einmal aber hätte er doch bald das Glück, gehabt, als er beim Umherirren in der Grotte das Kästchen gefunden hatte, das, wie er wußte, der unglücklichen Gräfin gehörte – denn er hatte es auf der Reise in ihren Händen gesehen. Vergebens hatte er es versucht, es Tressilian oder der Gräfin zurückzugeben, und schließlich hatte er es Leicester selber in die Hand gegeben, den er in der Verkleidung unglücklicherweise nicht erkannt hatte.«