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Endlich hatte der Knabe gehofft, sein Ziel zu erreichen, als er den Grafen nach dem Ausgang der Halle hatte gehen sehen. Er hatte ihn eben anreden wollen, als Tressilian ihm zuvorkam, und der Knabe hatte nun gehört, daß sie sich verabredet hatten, sich im Lustgarten zu treffen. So hatte er sich entschlossen, auch dorthin zu gehen, weil er darauf rechnete, dem Grafen beim Hin- oder Rückweg den Brief in die Hand drücken zu können.

Zu seiner großen Verwunderung hatte er während des Festspiels auch Wieland unter der Menge erblickt, zwar tief verkleidet, aber doch nicht geschickt genug, daß das scharfe Auge Dickies ihn nicht hätte erkennen sollen. Sie gingen miteinander und schütteten ihr Herz gegeneinander aus. Wer Junge gestand Wieland den ganzen Sachverhalt ein, und der Schmied erzählte ihm, wie sehr er um die unglückliche Dame besorgt sei und daß er in seiner Angst zurückgekehrt sei, weil er erfahren habe, daß Varney und Lambourne Kenilworth in der Nacht verlassen hätten.

So waren nun beide in den Lustgarten geeilt, und der schnellfüßige Dickie war vorweg gelaufen und kam gerade zur rechten Zeit, um Tressilian das Leben zu retten. Er war mit seinem Bericht gerade fertig, als sie am Galerieturm anlangten.

Dreiundzwanzigstes Kapitel

Elisabeth ging in heftiger Erregung auf und nieder, die zu verhehlen sie sich keinerlei Mühe gab, während einige ihrer klügsten und vertraulichsten Berater ängstliche Blicke miteinander austauschten, aber sich still verhielten, bis ihr Zorn verraucht wäre. Vor dem leeren Staatssessel, in dem sie gesessen hatte und der halb beiseite geschoben worden war, so heftig war sie aufgesprungen, kniete Leicester mit gekreuzten Armen und zu Boden gesenktem Blick, still und regungslos wie ein Steinbild auf dem Grabmal. Neben ihm stand Lord Shrewsbury, zurzeit Marschall von England, den Amtsstab in der Hand – der Degen war dem Grafen abgenommen und lag vor ihm auf dem Boden.

Dieses Bild bot sich den Augen des halb verwunderten, beklommnen Tressilian, als er, von Ihrer Majestät herbefohlen, in die große Halle trat.

»So, Herr!« rief die Königin und ging dicht auf Tressilian zu, auf den Boden stampfend, ganz in der Art ihres Vaters, »Ihr habt um diese saubre Geschichte gewußt – Ihr seid ein Helfershelfer bei diesem Betrug gewesen, der mir angetan worden ist – Ihr seid vor allem daran schuld, daß Wir unrecht getan haben!«

Tressilian ließ sich vor der Königin auf ein Knie nieder, denn sein Verstand ließ ihn erkennen, wie gefährlich es sei, der gereizten Fürstin gegenüber sich jetzt zu verteidigen.

»Seid Ihr stumm?« fuhr sie fort. »Habt Ihr von dieser Sache gewußt – Ihr wißt von dieser Sache – oder etwa nicht?«

»Nicht, gnädige Fürstin, daß diese arme Dame Gräfin von Leicester war.«

»Noch soll sie jemand als solche kennen,« sagte Elisabeth. »Tod meines Lebens! Gräfin von Leicester! – Frau Amy, Dudley, sag ich – und froh soll sie sein, wenn sie nicht bald Ursache hat, sich die Witwe des Verräters Dudley zu nennen.«

»Majestät,« sagte Leicester, »verfahrt mit mir, wie Ihr wollt, doch seid nicht ungerecht gegen diesen Mann, – er hat es in keiner Weise verdient.«

»Und wird es besser um ihn stehen, da Du ein Wort für ihn einlegst?« sagte die Königin, verließ Tressilian, der langsam sich erhob, und stürzte auf Leicester zu, der noch immer kniete, »wird es deshalb besser um ihn stehen, Du doppelt Falscher – Du doppelt Meineidiger? – weil Du ein Wort für ihn einlegst, dessen Schandtat mich lächerlich gemacht hat vor meinen Untertanen und mir selber verhaßt? Ich könnte mir die Augen zerreißen, daß sie so blind gewesen sind!«

Burleigh wagte hier einzusprechen. [William Cecil, Lord Burleigh, der größte Staatsmann dieses Zeitalters, auf dessen Willen vor allem die Größe und die bleibenden Verdienste der Regierung Elisabeths zurückzuführen sind. Er ist trotz des Wankelmutes und der Launenhaftigkeit der Königin auf Grund seiner staatsmännischen Einsicht und Unentbehrlichkeit vierzig Jahre lang leitender Minister geblieben.]

»Hohe Frau,« sagte er, »bedenkt, daß Ihr eine Königin seid – Königin von England – Mutter Euers Volkes. Gebt Euch nicht diesem wilden Sturm der Leidenschaft preis!«

Elisabeth wandte sich zu ihm um, während wirklich eine Träne in ihrem stolzen, zornigen Auge blitzte.

»Burleigh,« sagte sie, »Du bist ein Staatsmann – Du kannst nicht begreifen, was für Schmach, was für Unglück dieser Mann, auf mich gehäuft hat!«

Mit äußerster Behutsamkeit – mit tiefster Ehrfurcht faßte Burleigh sie bei der Hand, da, er sah, daß in diesem Augenblick ihr Herz zum Zerspringen voll war, und führte sie von den andern weg an ein Fenster.

»Hohe Frau,« sagte er, »ich bin ein Staatsmann, aber ich bin auch ein Mensch und ein Mann – ein Mann, in Euerm Dienst ergraut, der keinen Wunsch auf Erden hat, als Euer Glück und Euern Ruhm – ich bitte Euch, faßt Euch.«

»Ah, Burleigh,« sagte sie, »Du weißt nicht –«

Und Tränen fielen ihr auf die Wangen.

»Ich weiß – ich weiß, verehrte Fürstin, doch hütet Euch, daß Ihr nicht andern einen Anlaß gebt, zu vermuten, was sie nicht wissen.«

»Ha!« sagte Elisabeth und hielt inne, als wenn eine neue Gedankenreihe ihr plötzlich durch den Kopf ginge. »Burleigh, Du hast recht, – Du hast recht – alles andre, nur nicht die Schande – alles andre, nur keine Schwäche eingestehen – alles andre lieber, als die Genasführte – die Hintergangne – Gottes Tod! das nur zu denken, macht verrückt!«

»Seid nur Ihr selber, meine Königin,« sagte Burleigh, »und erhebt Euch hoch über eine Schwäche, der nie ein Engländer seine Elisabeth für fähig halten wird, wenn sie nicht selber im Ungestüm ihrer Enttäuschung ihn auf den Gedanken bringt.«

»Was für eine Schwäche, Mylord?« versetzte Elisabeth hochmütig. »Wollt auch Ihr mir zu verstehen geben, daß die Gunst, die ich diesem stolzen Verräter dort erwies, aus einer tiefern Quelle entsprungen sei ...« Aber hier vermochte sie den stolzen Ton nicht länger beizubehalten und setzte in weichem, traurigem Tone hinzu: »Doch was sollte ich mich bemühen, selbst Dich zu täuschen. Du mein guter und weiser Diener!«

Burleigh neigte sich und küßte ihr die Hand voll Zärtlichkeit – und – ein in den Annalen der Höfe seltner Vorfall – eine Träne wahrer Sympathie fiel aus dem Auge des Ministers auf die Hand der Königin.

Elisabeth wandte sich von Burleigh ab und durchmaß mit festen Schritten ein paarmal die Halle, bis ihre Züge die gewohnte Würde und ihre Haltung die ihr eigne Erhabenheit wiedergewonnen hatten. Dann näherte sie sich Leicester und sagte voller Ruhe:

»Mylord von Shrewsbury, Wir erklären Euern Gefangnen für frei. – Mylord von Leicester, erhebt Euch und nehmt Euer Schwert auf – eine Haft von einer Viertelstunde unterm Gewahrsam unsers Marschalls, Mylord, erachten wir für keine zu schwere Ahndung für solche monatelang uns erwiesne Falschheit. Wir wollen nun hören, was weiter aus dieser Sache geworden ist.«

Dann setzte sie sich in ihren Sessel und sagte: »Ihr, Tressilian, tretet vor und sagt, was Ihr wißt.«

Tressilian erzählte seine Geschichte freimütig – er unterdrückte nach Möglichkeit alles, was für Leicester nachteilig war, und verschwieg ihren Zweikampf ganz. Sie schwieg, als Tressilian geendet hatte. »Wir wollen diesen Wieland,« sagte sie, »in Unsre Dienste nehmen und den Knaben zur Lehre in Unser Sekretariat geben, daß er künftig mit Briefen diskret umzugehen weiß. Ihr, Tressilian, habt unrecht getan, daß Ihr uns nicht die ganze Wahrheit mitgeteilt habt, und Euer Versprechen, dies nicht zu tun, war unklug und pflichtvergessen. Da Ihr aber nichtsdestoweniger der unglücklichen Dame Euer Wort gegeben hattet, so gehörte es sich für Euch als Mann und Edelherrn natürlich, es auch zu halten, und alles in allem sprechen Wir Euch Unsre Hochachtung aus für Euer charaktervolles Verhalten in dieser Sache. – Mylord von Leicester, nun ist die Reihe an Euch, Uns die Wahrheit zu sagen – es wird Euch Mühe kosten, denn es ist Euch letzterzeit zu fremd geworden.«