Durch eine Reihe von Fragen entzog sie ihm nun die ganze Geschichte, wie sein Verhältnis mit Amy Robsart begonnen – wie sie sich geheiratet hatten – wie die Eifersucht ihn ergriffen hatte – aus welchen Gründen – und noch viele Einzelheiten. Die Beichte – denn so ließ es sich nennen – wurde Leicester stückweis abgerungen, war aber im ganzen der Wahrheit entsprechend, abgesehen davon, daß er von seinem stillschweigenden Einverständnis mit den Anschlägen Varneys auf das Leben der Gräfin nichts erwähnte.
Aber wenn er gehofft hatte, recht bald von der Königin entlassen zu werden, um nach Cumnorplace eilen zu können, so hatte er die Rechnung ohne den Wirt gemacht. Allerdings war seine Gegenwart Galle und Wermut für seine ihm sonst so wohlgesonnene Gebieterin. Da sie aber auf keine andre Weise sich an ihm rächen konnte und doch wohl bemerkte, daß sie ihrem falschen Verehrer durch ihr genaues Verhör Qualen bereitete, so fuhr sie darin fort und achtete des Schmerzes, den sie selber dabei empfand, ebensowenig, wie der Wilde sich drum kümmert, wie seine eignen Hände von den glühenden Zangen versengt werden, mit denen er seinem gefangnen Feinde das Fleisch zerreißt. ... Endlich gab, wie ein gehetztes Wild, das sich zum Widerstande wendet, der hochmütige Lord zu erkennen, daß seine Geduld erschöpft sei.
»Hohe Frau,« sagte er, »ich habe schweren Tadel verdient – mehr als selbst Euer gerechter Zorn ausgesprochen hat. Doch, hohe Frau, laßt mich sagen, daß meine Schuld wohl unverzeihlich, doch nicht grundlos gewesen ist. Wenn Schönheit und entgegenkommende Würde das schwache Herz eines menschlichen Wesens bezwingen konnten, so darf ich dies wohl als Ursache dafür anführen, daß ich mein Geheimnis vor Eurer Majestät verborgen habe.«
Die Königin war über diese Antwort, die Leicester in leisem nur für sie hörbaren Tone vorbrachte, so verblüfft, daß sie für den Augenblick schwieg, und der Graf hatte die Kühnheit, seinen Vorteil zu verfolgen.
»Eure Gnade, die schon so viel verziehen hat, wird mir auch, wenn ich um Eure königliche Barmherzigkeit flehe, die Worte verzeihen, an denen Ihr gestern doch kaum Anstoß genommen habt.«
Die Königin heftete die Augen auf ihn und erwiderte: »Nein, beim Himmel, Mylord, Eure Frechheit übersteigt die Grenzen der Möglichkeit und der Geduld. Aber es soll Euch nichts nützen! – Hollah, Ihr Herren, kommt alle herbei und hört die Neuigkeit! Mylord von Leicesters heimliche Heirat hat mich um einen Gemahl und England um einen König gebracht. Seine Lordschaft sind patriarchalisch in Ihren Neigungen – ein Weib auf einmal ist nicht genug, und so hat er Uns die Ehre, ihm an die linke Hand angetraut zu werden, zugedacht. Nun, ist dies nicht zu unverschämt? – kaum ein paar Zeichen der Hofgunst habe ich ihm erwiesen, und schon maßt er sich an, zu denken, meine Hand und unsre Krone lägen für ihn nur zum Zugreifen da! – Ihr aber, denkt besser von mir, und ich kann diesen ehrgeizigen Mann bemitleiden, wie ein Kind, dem eine Seifenblase in den Händen zerplatzt. Wir gehen in den Audienzsaal. Mylord von Leicester, Wir gebieten Euch, in Unsrer nächsten Nähe zu bleiben.«
Alles war in gespannter Erwartung, und wie groß war das Erstaunen, als die Königin zu ihrer nächsten Umgebung sagte: »Die Feste in Kenilworth sind noch nicht beendet, Mylords und Ladies, wir haben noch die Hochzeit des edeln Besitzers zu feiern.«
Allgemeine Verwunderung tat sich kund.
»Es ist wahr, bei Unserm königlichen Wort,« sagte die Fürstin, »er hat dieses Geheimnis sogar vor uns geheim gehalten, bloß um uns an diesem Ort und zu dieser Stunde damit zu überraschen. Ich sehe, Ihr sterbt vor Neugierde, die glückliche Braut kennen zu lernen. Es ist Amy Robsart, dieselbe, die in dem festlichen Mummenschanz von gestern als Gattin seines Dieners Richard Varney aufgetreten ist.«
»Um Gotteswillen, Majestät,« sagte der Graf und näherte sich ihr mit einer Mischung von Demut, Groll und Scham, indem er so leise sprach, daß kein andrer es hörte, »nehmt mein Haupt, wie Ihr in Euerm Zorn drohtet, aber erspart mir diesen Hohn! – Martert einen zu Grunde gerichteten Mann nicht – tretet nicht einen zermalmten Wurm!«
»Einen Wurm, Mylord?« erwiderte die Königin im selben Tone, »nein, eine Schlange, das ist ein edleres Reptil und paßt auch besser zum Gleichnis – die erfrorene Schlange, die, wir Ihr ja auch wißt, an einem gewissen Busen erwärmt worden ist ...«
»Um Euretwillen – um meinetwillen, hohe Frau,« flüsterte der Graf, »solange noch eine Spur Vernunft mir erhalten bleibt.«
»Sprecht laut, Mylord,« sagte Elisabeth, »und tretet ein wenig weiter weg, so es Euch gefällt – Ihr habt einen so heißen Atem, daß unsre Halskrause darunter leidet. – Was habt Ihr uns zu fragen?«
»Ich bitte um Erlaubnis,« sagte der unglückliche Earl demütig, »nach Cumnorplace zu reiten.«
»Wohl, um Eure Braut heimzuholen? Nun ja, das ist nur in der Ordnung – denn wie Wir gehört haben, ist sie dort nicht eben in guter Obhut. Aber, Mylord, Ihr geht nicht in Person dorthin – Wir haben damit gerechnet, ein paar Tage in Euerm Schlosse Kenilworth zu verleben, und es wäre gegen die Höflichkeit, Uns hier ohne Wirt zu lassen. Tressilian soll an Eurer Statt nach Kenilworth gehen, und mit ihm ein Herr, der auf Unsern Dienst vereidigt ist, damit Mylord von Leicester nicht wieder auf seinen alten Nebenbuhler eifersüchtig wird. Wen möchtet Ihr mithaben?«
Tressilian nannte Raleigh.
»Ei ja,« sagte die Königin, »da habt Ihr eine gute Wahl getroffen. Er ist ein junger Ritter, und eine Dame aus einem Gefängnis zu befreien, ist ein ganz passendes, ernstes Abenteuer. – Cumnorplace ist nämlich nicht viel besser als ein Gefängnis, müßt Ihr wissen, Mylords und Ladies. Außerdem sind ein paar Missetäter dort, die Wir gern in sicherm Gewahrsam hätten. Es soll ein Haftbefehl gegen Richard Varney und den Ausländer Alasko ausgestellt werden. Nehmt ausreichende Begleitschaft mit, Ihr Herren! bringt die Lady in allen Ehren her – und verliert keine Zeit – Gott mit Euch!«
Sie verneigten sich und verließen den Saal.
Wer soll beschreiben, wie der Rest dieses Tages in Kenilworth verbracht wurde? Die Königin, die nur zu dem Zwecke dageblieben zu sein schien, um den Earl of Leicester zu peinigen und zu verspotten, zeigte in dieser weiblichen Kunst der Rache ebenso viel Geschick, wie in der Wissenschaft, ihr Volk weise zu regieren. Die Gesellschaft der Höflinge paßte sich dieser neuen Stimmung schnell an, und während der Graf inmitten seiner eignen festlichen Vorbereitungen einherschritt, lernte der Lord von Kenilworth schon das Los eines in Ungnade gefallnen Höflings kennen in der geringen Achtung und dem kalten Benehmen der rasch entfremdeten Freunde und in dem schlecht verhohlnen Triumph der anerkannten offnen Feinde. Sussex, bei dem militärischen Freimut seiner Natur, Burleigh und Walsington in ihrer scharfsinnigen und weitblickenden Umsicht, und einige von den Namen waren die einzigen, die gegen ihn noch das gleiche Benehmen, wie am Morgen, zeigten.
So sehr war Leicester gewöhnt gewesen, Hofgunst als sein eigentliches Lebenselement zu betrachten, daß alle andern Empfindungen einstweilen in dem Schmerze versanken, den sein hochmütiger Geist über die kleinlichen Kränkungen und ausgesuchten Vernachlässigungen empfand, die ihm jetzt zuteil wurden. Als er aber sich für die Nacht in sein Zimmer zurückgezogen hatte, fiel ihm die lange, schöne Haarflechte ins Auge, mit der einst Amy ihren Brief zugebunden hatte, und wie ein Gegenzauber rief sie alle edlern und natürlicheren Gefühle in seinem Herzen wach. Er küßte sie tausendmal und fühlte sich im stande, sich über die Rache, die Elisabeth an ihm zu üben geruhte, hoch hinwegzuheben, indem er sich in würdevolle, ja fürstliche Abgeschiedenheit mit der schönen und geliebten Gefährtin seines künftigen Lebens zurückzöge.