Am folgenden Tage zeigte sich denn auch der Graf in so würdevoller Gleichmütigkeit, er war so besorgt, daß es seinen Gästen an nichts fehlen sollte, es schien ihm dabei aber doch so gleichgültig, wie sie sich gegen ihn benahmen, und er hielt sich in so respektvoller Entfernung von der Königin, deren quälende Mißgunst er aber so geduldig ertrug, daß Elisabeth ihr Benehmen gegen ihn änderte. Sie blieb zwar kalt und unnahbar, verschonte ihn aber mit direkten Schmähungen. Kurz, binnen vierundzwanzig Stunden hatten die Dinge sich so sehr geändert, daß erfahrerere und scharfblickendere Höflinge es für sehr wahrscheinlich hielten, daß Leicester wieder in Gnade aufgenommen werden würde und demgemäß ihr Betragen gegen ihn einrichteten. Es ist indessen an der Zeit, diesen Intrigen jetzt den Rücken zu kehren und Tressilian und Raleigh auf ihrer Reise zu folgen.
Die Truppe bestand aus sechs Personen: denn außer Wieland hatten sie einen königlichen Gerichtsvollzieher und zwei stämmige Diener mit. Alle waren wohlbewaffnet und ritten, so schnell er bei möglichster Rücksicht auf die Pferde irgend ging. Sie versuchten, über Varney und seine Reisebegleitung Erkundigungen einzuziehen, konnten aber nichts erfahren, da Varney bei dunkler Nacht gereist war. In einem kleinen Dorfe, zwölf englische Meilen von Kenilworth, kam ein armer Geistlicher, der Seelsorger des Oertchens, aus einer Hütte heraus und fragte, ob einer von den Herren etwas von der Medizin verstünde, um nur schnell einmal einen Mann zu untersuchen, der im Sterben läge.
Der in Hausmitteln kundige Wieland versprach, sein Bestes zu tun, und während der Pfarrer ihn an den Ort führte, erfuhr er, der Mann sei auf der Landstraße gefunden worden und der Pfarrer hätte ihn in seinem Hause aufgenommen. Er hätte eine Schußwunde, die offenbar tödlich sei; ob er sie aber in einem Kampfe oder von Räubern empfangen habe, hätte er noch nicht von ihm erfahren können, da er im Fieber läge und nur unzusammenhängendes Zeug spräche. Wieland hatte kaum das dunkle, niedrige Gemach betreten, und kaum hatte der Pfarrer den Vorhang zurückgezogen, so erkannte er in den verzerrten Zügen des Kranken das Gesicht Michael Lambournes. Unter dem Vorwand, er müsse noch etwas holen, was er brauche, benachrichtigte Wieland rasch seine Reisegefährten von dem seltsamen Vorfall, und voll böser Ahnungen eilten Tressilian und Raleigh in das Haus des Pfarrers, den Sterbenden zu sehen.
Der Elende lag schon im Todeskampf, aus den ihn auch ein tüchtigerer Arzt als Wieland nicht mehr hätte erretten können, denn die Kugel war ihm gerade durch den Leib gegangen. Er war aber teilweise bei Bewußtsein, denn er erkannte Tressilian und machte Zeichen, daß er sich über sein Bett neigen möchte. Tressilian tat es, und nach undeutlichem Gemurmel, in welchem die Namen Varney und Lady Leicester allein verständlich waren, hieß Lambourne ihn sich beeilen, sonst würde er zu spät kommen. Dann schien er in Delirien zu verfallen, und es war nichts mehr aus ihm herauszubekommen, als daß er noch bat, Giles Gosling, dem Wirt vom »Schwarzen Bären«, seinem Oheim, die Nachricht zu bringen, er wäre schließlich doch »nicht in seinen Schuhen« gestorben. [in seinen Schuhen sterben bedeutet im englischen Sprachgebrauch soviel wie gehängt werden. A.d.Ü.]
Letztes Kapitel
Mit der Vollmacht des Grafen und der Erlaubnis der Königin versehen, sich vor einer Entdeckung seines Betruges zu sichern, indem er die Gräfin von Kenilworth wegbrachte, hatte Varney erst am frühen Morgen aufbrechen wollen, dann aber war ihm eingefallen, daß der Graf vielleicht wieder andern Sinnes werden und noch eine Unterredung mit der Gräfin nachsuchen könne; und er beschloß, durch sofortigen Aufbruch jeder Möglichkeit einer Aenderung, die dann wahrscheinlich zu seiner Entdeckung und seiner Vernichtung hätte führen können, vorzubeugen.
Die Gräfin war ohne Widerstreben in die Sänfte gebracht worden. Sie sah zu ihrer Beruhigung, daß Foster und ein andrer Diener neben der Sänfte herritten, während der gefürchtete und verabscheute Varney sich mehr im Hintergrunde hielt. Als der Weg um den See herumging, bemühte sie sich, die stattlichen Türme, die ihren Gatten Herrn nannten, im Auge zu behalten; als aber dies infolge der Richtung des Weges nicht länger möglich war, sank sie in die Sänfte zurück und befahl sich dem Schütze der Vorsehung.
Als Varney sich im Hintergrunde hielt und schließlich ein Stück zurückblieb, verfolgte er dabei nicht bloß den Zweck, die Gräfin nicht zu beunruhigen, sondern er wollte mit Lambourne allein und ohne Zeugen sprechen, sobald dieser sie eingeholt hätte. Er kannte diesen Mann als flink, entschlossen, habgierig und frei von Furcht selbst vor Blutvergießen und hielt ihn für den passendsten Helfershelfer in seinen ferneren Plänen. Aber zehn englische Meilen hatten sie zurückgelegt, ehe sie den hastigen Hufschlag hinter sich hörten und von Lambourne eingeholt wurden.
Varney empfing seinen verworfnen Diener mit heftigen Vorwürfen.
»Besoffner Schurke,« rief er, »Deine Faulheit und blödsinnige Völlerei werden Dir noch einen Strick drehen, und mir sollts recht sein, wenn es bald geschähe.«
Lambourne, dem der Kamm geschwollen war, nicht nur von einem gewaltigen Humpen Wein her, sondern vor allem seit seinem vertraulichen Auftrag in Leicesters geheimen Angelegenheiten, nahm diesen Schimpf nicht mit der gewohnten Demut hin. – Er wolle sich keine Frechheiten gefallen lassen, meinte er, nicht von dem besten Ritter, der je Sporen getragen hätte. Lord Leicester habe ihn in wichtiger Angelegenheit zurückbehalten, und das müsse Varney genügen, der selber nur ein Diener wäre wie er.
Varney war nicht wenig überrascht, als er diesen unverschämten Ton hörte. Aber er schrieb ihn dem Schnaps zu und tat so, als achte er gar nicht darauf. Wann begann er Lambourne auszuhorchen, ob er wohl zur Mithilfe bereit sei, ein Hindernis auf dem Wege des Earl of Leicester zu den höchsten Würden wegzuräumen, der dann seinen treuen Anhängern jeden Wunsch erfüllen würde. Und als Michael Lambourne sich so stellte, als verstünde er nicht, was er meinte, sagte er deutlich, »die in der Sänfte da« sei das Hindernis, das er aus dem Wege geräumt wissen möchte.
»Sehr Ihr, Ritter Richard und so weiter,« sagte Michael, »einer ist klüger, wie der andre, das ist eins, und der eine ist schlechter, als der andre, das ist noch eins. Ich weiß besser als Ihr, wie Mylord über diese Sache denkt – denn er hat mir in dieser Sache volles Vertrauen geschenkt. Hier sind seine Befehle, und seine letzten Worte waren: Michael Lambourne, denn Seine Lordschaft spricht zu mir wie ein echter Edelmann und gebraucht nicht Worte, wie besoffner Schurke oder solche Gemeinheiten, wie sie Leute in den Mund nehmen, die sich noch nicht in ihre neuen Würden hineingefunden haben, – Varney, sagte er, muß meiner Gräfin die höchste Ehrerbietung erweisen – ich vertrau es Euch an, Lambourne, sagte Seine Lordschaft, sich darum zu kümmern, und Ihr müßt mir meinen Siegelring von ihm auf alle Fälle zurückbringen.«
»Ah,« versetzte Varney, »hat er das wirklich gesagt? Ihr wißt also um alles?«
»Alles – alles – den ganzen Betteltanz, – und das Gescheiteste für Euch wäre, Ihr machtet Mich Euch zum Freunde, solange noch schönes Wetter zwischen uns herrscht.«
»Und war niemand weiter zugegen, als Mylord sprach?« fragte Varney.
»Kein lebendes Wesen,« erwiderte Lambourne, »meint Ihr, Mylord würde so wichtige Dinge einem andern noch anvertrauen, als einem so erprobten Mann der Tat wie mir?«