»Sehr wahr,« sagte Varney, und er machte eine Pause und sah vor sich hin auf den mondhellen Pfad. Sie ritten über eine weite, offne Heide. Die Sänfte war wenigstens eine englische Meile von ihnen, so daß sie von dort aus nicht gesehen und gehört werden konnten. Er sah hinter sich, und soweit die Strahlen des Mondes die Ferne erhellten, war kein menschliches Wesen in Sicht. Dann sprach er weiter:
»Und wollt Ihr nun Euch gegen Euern Herrn wenden, der Euch doch in diese Laufbahn der Hofgunst sozusagen gebracht hat – dessen Lehrling Ihr gewesen seid, Michel – durch den Ihr die Tiefen und Klippen der Hofintrige kennen gelernt habt?«
»Laßt nur das Gemichel, verstanden!« sagte Lambourne. »Vor meinen Namen läßt sich ebenso gut ein »Herr« setzen, wie vor jeden andern, und wenn ich ein Lehrling gewesen bin, so ist meine Lehrzeit jetzt um, und ich bin entschlossen, mich selbständig zu machen.«
»So nimm erst Dein Handgeld, blödsinniger Wicht!« rief Varney und schoß mit einer Pistole, die er seit einiger Zeit in der Hand gehalten hatte, Lambourne durch den Leib.
Der Elende fiel vom Pferde ohne einen Laut, und Varney sprang ab, durchsuchte seine Taschen und zog das Futter nach außen, daß es aussehen sollte, als wäre er von Räubern überfallen worden. Er nahm das Päckchen des Grafen an sich, worum ihm vor allem zu tun war, aber er nahm auch Lambournes Börse, die noch ein paar Goldstücke enthielt. Er hielt sie in der Hand, bis er an einen kleinen Fluß kam, der den Weg kreuzte, und hier schleuderte er sie ins Wasser, so weit sein Arm schleudern konnte. Ein solcher sonderbarer Bodensatz von Gewissen bleibt schließlich doch, wenn es auch gänzlich abgestorben scheint, und so hätte auch dieser grausame und gewissenlose Mensch sich für erniedrigt gehalten, hätte er die wenigen Goldstücke des Elenden, den er so ohne alle Umstände kalt gemacht hatte, zu sich gesteckt.
Der Mörder säuberte den Lauf und das Schloß seines Pistols von den Spuren des Schusses und lud es von neuem, dann ritt er gemächlich hinter der Sänfte her. – Er beruhigte, sich damit, daß er einen lästigen Zeugen seiner Ränke – den Ueberbringer von Befehlen, die zu befolgen er nicht gewillt war, und die er daher auch gar nicht erhalten haben wolle, aus dem Wege geräumt hatte.
Nach einer Weile holte Varney die Sänfte ein.
»Was macht sie?« fragte er.
»Sie schläft,« sagte Foster, »ich wollte, wir wären daheim – ihre Kräfte sind erschöpft.«
»Ruhe wird ihr gut tun,« antwortete Varney, »sie soll bald fest und lang schlafen. Wir dürfen sie nicht wieder in ihre Zimmer bringen, sondern in die feste Kammer, wo Du Dein Gold aufbewahrst.«
»Mein Gold?« rief Anton höchst bestürzt. »Was soll ich denn für Gold haben? Gott helfe mir, ich habe kein Gold!«
»Nun, Du stumpfsinniges Vieh, wer denkt denn an Dein Gold? Wenn mir was dran gelegen wäre, hätte ich nicht hundert bessre Wege, dazu zu gelangen? Mit einem Worte, Dein Schlafzimmer, das Du so trefflich mit Sicherheitsvorkehrungen versehen hast, muß vorderhand ihr Aufenthaltsort sein, und dafür sollst Du, Du Sklave, auf ihren Daunen schlafen. Ich sage Dir, der Graf wird keinen Pfifferling mehr nach dem reichen Mobiliar der vier Zimmer fragen.«
Diese letzte Bemerkung machte Foster gefügig, und er bat nur um Erlaubnis, vorauszureiten, um alles herzurichten.
Als sie in Cumnorplace anlangten, fragte die Gräfin angelegentlich nach Jeannette, und war sehr betrübt, als sie vernahm, daß sie auf die Dienste dieses lieben Mädchens von nun an verzichten müsse.
»Sie ist bei ihrer Tante,« sagte Foster grob, »meine Tochter ist mir lieb und wert, gnädige Frau, und ich will sie vor Hofskandalen bewahren – sie hat davon schon zuviel gesehen,«
Die erschöpfte Gräfin gab keine Antwort und drückte nur den Wunsch aus, sich auf ihr Zimmer zurückzuziehen.
»Ja, ja, das ist nur vernünftig,« murmelte Foster, »aber mit Verlaub, Ihr kommt nicht in Eure hübschen Puppenstübchen da – heute nacht sollt Ihr in sichrerem Gewahrsam schlafen.«
»Ich wollt, es war in meinem Grabe,« sagte die Gräfin.
Foster nahm ein Licht und führte Amy in einen Teil des Gebäudes, wo sie noch nie gewesen war. Eines von den alten Weibern schritt mit einer Lampe voran. Sie stiegen eine sehr hohe Treppe hinan, überschritten eine kurze Galerie aus schwarzem Eichenholz, die sehr eng war und an deren Ende eine starke, eichne Tür in das Gemach des Geizhalses führte, das in seiner Einrichtung äußerst primitiv war und in allem bis auf den Namen einem Gefängnis glich.
Foster blieb an der Tür stehen und gab der Gräfin die Lampe, die alte Frau ließ er nicht herein. Die Gräfin nahm sie rasch, riegelte die Tür zu und versicherte sie.
Varney hatte unterdessen unten gelauert; als er aber hörte, daß sie die Tür verschlossen hatte, kam er auf den Zehenspitzen herauf, und Foster winkte ihm zu und zeigte ihm mit großer Selbstgefälligkeit eine versteckte Mechanik, mittels deren mit großer Leichtigkeit und ganz geräuschlos ein Teil der hölzernen Galerie wie eine Zugbrücke herabzulassen war, so daß zwischen der Tür des Schlafzimmers und der Treppruhe der hohen Stiege, die zu ihm hinaufführte, jede Verbindung abgeschnitten war. Das Tau, an dem diese Mechanik geführt wurde, war in der Regel in das Gemach hineingeleitet, da es ja Fosters Zweck war, sich vor einem Einbruch von außen zu sichern. Jetzt aber, wo es darauf ankam, die Gefangne völlig abzuschneiden, war das Tau nach der Treppruhe hinübergeführt und wurde dort festgemacht, nachdem Foster die unvermutete Falltür herabgelassen hatte.
Varney betrachtete diese Mechanik mit großer Aufmerksamkeit und sah mehrmals in den Abgrund hinab, der unten gähnte. Es war ein schwarzes und anscheinend sehr tiefes Loch, und ging, wie Foster seinem Gefährten flüsternd mitteilte, fast bis in die tiefsten Gewölbe des Schlosses. Varney warf noch einmal einen langen, starren Blick in den Schlund und folgte dann Fostern in den bewohntern Teil des Herrenhauses.
Varney ersuchte Foster, etwas zu essen und einen guten Wein zu bringen. »Ich will Alasko holen,« sagte er. »Wir haben Arbeit für ihn und müssen ihn bei guter Laune halten.«
Foster seufzte, aber er widersprach nicht. Das alte Weib versicherte, Alasko hätte, seit ihr Herr fort sei, kaum etwas gegessen oder getrunken, er halte sich fortwährend in seinem Laboratorium eingeschlossen.
Varney ergriff ein Licht und ging, um den Alchimisten zu holen. Er kehrte nach ziemlich langer Abwesenheit zurück, kreidebleich, aber mit seinem gewohnten Grinsen. »Unser Freund,« sagte er, »ist futsch.«
»Was sagt Ihr, ist er tot?« rief Anton Foster.
»Mausetot,« sagte Varney. »Und schon hübsch angeschwollen im Gesicht und am ganzen Leibe. Er hatte eine seiner Teufelsmedizinen gemischt, und dabei ist ihm die Glasmaske, die er immer trug, vom Gesicht gefallen, und so ist ihm das feine Gift ins Gehirn gedrungen und hat ihm den Garaus gemacht.«
»Sankta Maria!« rief Foster. »Ich meine, Gott in seiner Barmherzigkeit, bewahre uns vor Habsucht und Todsünde!«
»Es war ein Anblick zum Gruseln!« sagte Varney. »Er sah aus, wie ein Kadaver, der schon drei Tage auf dem Rade gelegen hat. – Prr! gib mir einen Becher Wein! Mir ist der Appetit verdorben von dem Gestank. Ich habe das Fenster aufgebrochen und die Luft hereingelassen – es roch nach Schwefel und es war ein erstickender Dunst, als wenn der Teufel dagewesen wäre.« »Und kann es nicht wirklich der Teufel selber gewesen sein?« sagte Foster. »Ich habe gehört, er ist mächtig bei solchen Leuten.«
»Du aber bist völlig sicher vor ihm, sei getrost,« antwortete Varney. »Denn der Satan hat in letzter Zeit zwei gute Happen gekriegt.«
»Wieso zwei Happen?« fragte Foster. »Wie meint Ihr das?«
»Das werdet Ihr rechtzeitig erfahren,« sagte Varney, »und dann ist noch ein andrer Bissen – denn Du wirst doch denken können. Sie wird ein ganz ausgezeichneter Leckerbissen für den Gaumen des bösen Feindes sein – sie wird mit Psalmen und Harfen und Seraphim empfangen werden.«