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Ende

Der Pirat

Seeroman in zwei Bänden

Übersetzt von Erich Walter

The Pirate

Edinburgh 1821

Erster Band

Erstes Kapitel

Die lange, schmale, unregelmäßige Insel, gewöhnlich als weitgrößte der ganzen Inselflur, Festland von Shetland genannt, endigt, wie den Seeleuten in diesem das Thule des Altertums umflutenden stürmischen Meeren sattsam bekannt ist, in einer Klippe von furchtbarer Höhe, Sumburgh-Head genannt, die, von wilder Brandung umtost, gegen Süd-Osten die äußerste Spitze der Insel, den Roost [in diesen Gegenden Name für Strömungen solcher Art] von Sumburgh bildet.

Auf der Landseite ist das Vorgebirge mit kurzem Grase bedeckt und läuft steil in eine schmale, von vielen kleinen Buchten zerrissene Landzunge aus. Ein norwegischer Häuptling oder nach andern Nachrichten, wie der Name Jarlshof schließen läßt, ein alter Graf von den Orkney-Inseln, hatte diese Landzunge zu seinem Wohnsitz gewählt, der aber schon lange verlassen ist. Trieb-Sand hat die Trümmer begraben. Zu Ende des siebzehnten Jahrhunderts stand jedoch ein Teil des Grafenschlosses noch und war sogar in bewohnbarem Zustande; es war ein rohes Gebäude aus unbehauenen Steinen mit einigen kleinen, ohne alle Regelmäßigkeit eingefügten Fenstern. Die früher vorhanden gewesenen Wirtschaftsgebäude mit den Räumen für Gefolge und Dienerschaft waren aber verfallen, die Balken zu Brennholz oder anderen Zwecken verbraucht; die Mauern stellenweise eingestürzt.

In geringer Entfernung vom Schlosse, in geringerer noch vom Meeresufer, wo die Bucht sich zu einem primitiven Hafen breitet, in welchem drei bis vier Fischerboote lagen, standen ein paar elende Hütten, von den Jarlshofer Bauern bewohnt, die den ganzen Bezirk von dem Gutsherrn unter ziemlich drückenden Bedingungen gepachtet hatten. Der Grundherr selbst, ein ehrlicher, gerader shetländischer Edelmann von leidenschaftlichem Temperament, ein großer Freund von Geselligkeit, doch frei und offen, großmütig gegen seine Untertanen und wohlwollend gegen Fremde, wohnte in einem anderen, freundlicheren Teile der Insel und besuchte Sumburgh-Head nur selten. Er stammte von einer alten, edlen norwegischen Familie ab, was ihn bei den niedern Klassen um so beliebter machte, als sie meistens gleichen Ursprungs sind, während die Lairds oder Grundeigentümer in der Regel Schotten sind, und damals noch als fremde Eindringlinge, die sich des Landbesitzes zu Unrecht erfreuten, angesehen wurden. Magnus Troil, der jetzige Grund- und Schloßherr, der seine Abstammung von dem Gründer von Jarlshof herleitete, vertrat diese Anschauung in ganz besonderem Maße. Die jetzigen Bewohner Jarlshofs hatten mancherlei Wohlwollen von seiner Seite erfahren, und Herr Mertoun, der jetzt in dem alten Schlosse wohnte, war, als er ein Paar Jahre vor dem Beginn dieser Geschichte nach Shetland kam, von ihm mit all der herzlichen Gastfreundschaft empfangen worden, die der ganzen Inselflur eine hohe Berühmtheit schafft. Woher er käme, wohin er ginge, warum er hierher käme, wie lange er bleiben würde, danach fragte ihn niemand. Völlig fremd kam er her, und doch wurde er von allen Insulanern zu Gaste geladen, und in jedem Haus konnte er bleiben, so lange er wollte, lebte darin wie ein Mitglied der Familie, bis er es für gut hielt, ein anderes Haus mit seiner Gegenwart zu beglücken. Wohl möglich, daß mancher Shetländer gern gewußt hätte, wie es um seinen Gast stand, aber zu fragen hätte jeder als Verstoß wider die Gebote der Gastfreundschaft angesehen; der Gast selbst aber tat nicht das geringste, solche Neugierde, wo sie vorhanden war, zu befriedigen. Was wirklich von ihm bekannt war, läßt sich kurz zusammenfassen: Mertoun war nach Lerwick, das sich zu dieser Zeit zu entwickeln anfing, aber noch nicht zur Hauptstadt der Inselflur erklärt worden war, auf einem holländischen Schiffe gekommen, in Begleitung eines hübschen Knaben von ungefähr vierzehn Jahren, der für seinen Sohn galt. Mertoun selbst mochte über vierzig Jahre alt sein; der holländische Schiffer, mit dem er kam, hatte ihn bei einigen Bekannten eingeführt, von denen er gegen Wacholder und Gewürze shetländische Ochsen, geräucherte Gänse und Strümpfe von Schafwolle einhandelte, und obgleich Mynheer nur sagen konnte: »Dat Mynheer syne Passagie wie een Gentleman betalt heft, en heft eenen Kruitz-Dollar außerdem aan het Schepsvolk gegeven,« so hatte das doch vollauf genügt, den Fremden einzuführen, und der Kreis, in welchem er Zugang gefunden, erweiterte sich um so schneller, je schneller man sich überzeugte, daß der fremde Ankömmling im Besitz bedeutender Kenntnisse sei. Zumeist freilich sah man ihn düster und in sich gekehrt. Vor geräuschvoller Fröhlichkeit floh er augenblicklich, und selbst Anlässe von stillerer Freude übten in der Regel keine andere Wirkung auf ihn, als daß sie seine trübe Stimmung erhöhten.

Frauen wohnt gemeinhin eine besondere Sucht inne, Geheimnisse auszuspionieren und Kummer zu lindern, vornehmlich wenn es sich um einen Mann von leidlichem Aeßern und in den besten Jahren handelt. Es darf mithin wohl angenommen werden, daß sich unter den blondlockigen und blauäugigen Töchtern von Thule recht wohl eine gefunden hätte, den geheimnisvollen, träumerischen Fremdling mit ihrem Troste zu beglücken, hätte er nur irgendwie merken lassen, daß ihm an solchem Liebesdienste was gelegen sei; leider schien er aber von Personen jenes Geschlechts, dessen Trost und Mitgefühl wir sonst in jeder Bedrängnis, geistiger oder leiblicher Art, gern in Anspruch nehmen, nicht allein nichts wissen zu wollen, sondern sogar alle Berührung mit ihnen zu meiden.

Abgesehen von diesen Eigenheiten, hatte Mertoun noch eine, die seinem wichtigsten Freunde und Gönner unangenehmer als alle übrigen waren. Der shetländische Magnat war nämlich der Meinung, ein Glas Genever sei ein Spezifikum gegen Sorgen und Trübsal aller Art. Zu solchen Mitteln nahm aber Herr Basil Mertoun nie seine Zuflucht, denn er beschränkte sich ausschließlich auf Quellwasser und ließ sich weder durch Bitten noch durch Ueberredung bestimmen, ein stärkeres Getränk zu kosten. Solche Gewohnheit hielt aber Magnus Troil für einen Verstoß gröbster Art gegen die alten nordischen Geselligkeitsregeln, die er seinerseits so gewissenhaft beobachtete, daß es sich, wenn er auch, seiner Rede nach, noch nie betrunken zu Bette gegangen war, doch schwerlich hätte beweisen lassen, daß er an einem einzigen Tag im Jahre sich in wirklich nüchternen Zustande schlafen gelegt hätte. Die Frage, was an dem Fremden für das Mißvergnügen, das seine Sittenstrenge und Enthaltsamkeit hervorriefen, schadlos halten konnte, wäre mithin nicht ungerechtfertigt gewesen: erstlich einmal hatte er das ganze Wesen eines Menschen, der nicht zur Durchschnittssorte gehört, und wenn auch nichts die Meinung weckte, daß er reich sei, so ließ sich doch aus seiner Lebensweise schließen, daß er kein armer Schlucker sei. Zudem besaß er eine hübsche Unterhaltungsgabe, sobald er, wie schon bemerkt, Lust hatte, sie zu entfalten; was aber hauptsächlich an ihm fesselte, war das undurchdringliche Geheimnis, das ihn umschwebte, und das durch eine gewisse Rätselhaftigkeit seiner äußern Erscheinung verstärkt wurde. Bestehen aber blieb trotz allem, daß sein Charakter von dem seines Wirtes so grundverschieden war, daß Magnus Troil nichts weniger als unangenehm überrascht wurde, als eines Abends, nach einem zweistündigen Beisammensein, wobei nichts gesprochen, aber Branntwein und Quellwasser getrunken worden, der Gast seinen Wirt darum anging, den verlassenen Jarlshof unterhalb von Sumburgh als Pächter beziehen zu dürfen. Magnus dachte bei sich, daß er auf diese Weise den Pachthof, der ihm lästig genug war, zugleich mit dem verdrießlichen Temperenzlergesicht, das ihm noch lästiger war, los würde, meinte aber, ihm der Höflichkeit halber vorstellen zu sollen, daß er sich dort nicht bloß mit sehr kümmerlicher Einrichtung behelfen, sondern auch darein werde finden müssen, außer Möwen und Schreigänsen keine lebende Seele meilenweit um sich zu haben und sich an sauren Kohlrüben satt zu essen.