Bei den gemächlicheren Zerstreuungen der fröhlichen, wenn auch strengen Winterzeit, in welcher hier alle Arbeit ruht, dagegen die menschliche Tugend der Geselligkeit erstaunliche Vielseitigkeit entfaltet, war niemand froher und heiterer als der junge Mertoun, der, sobald seines Vaters Gemütszustand ihm Abwesenheit rätlich erscheinen ließ, von Haus zu Haus ging, überall gern gesehen und sich niemals nötigen ließ, weder zu Gesang noch zu Tanz oder Sport ... Ein Boot oder – wie es sich oft traf bei ungünstigem Wetter – ein Pferd aus den herumirrenden Herden, die hier zu jedermanns freiem Gebrauch sind, trug ihn von einer gastlichen Wohnung zur andern. Es gab keinen auf der ganzen Inselflur, der es ihm in dem kriegerischen Schwerttanz zuvortat, einer Art sportlicher Uebung, die noch von den alten Norwegern stammte. Auf dem Gue und der gewöhnlichen Geige verstand er all die melancholischen und leidenschaftlichen Weisen zu spielen, an denen die Bewohner von Shetlands Inseln so überreich sind, und denen er, um die Einförmigkeit zu mildern, oft frischere Sänge aus dem schottischen Norden einflocht, in deren Vortrag er kein geringer Meister war. Auch das Amt des Skudder oder Anführers übernahm er immer willig und mit hohem Geschick, wenn es galt, einem Laird oder Udaller als »Guizards» in Masken und Larven einen Ausflugsbesuch zu machen. Dann brachte er von Haus zu Haus, wohin er kam, Freude, und ließ Bedauern zurück beim Scheiden.
So wurde Mordaunt überall bekannt und wußte sich beliebt zu machen, wohin er kam. Am häufigsten war er Gast im Hause von Magnus Troil, dem Wirte und Gönner seines Vaters. Daß es aber nicht bloß die freundliche Weise des alten Recken war, die ihn hierher zog, daß er nicht bloß gern dem braven Udaller guten Tag sagte, dessen Stimme so mächtig dröhnte, daß sie in grauer Vorzeit zur Feier der Wiederkehr des Yue, des größten Festes der Goten, Staat hätte machen können – sondern daß ihn noch anderes Metall kräftiger anzog aus jüngeren Herzen, deren Willkommen, wenn auch nicht so laut, doch ebenso freundlich war wie das des Udallers – das ist ein Thema, dessen Behandlung sich für keinen Kapitelschluß schickt.
Drittes Kapitel
Der beiden Töchter Magnus Troils, Minna und Brenda mit Namen, haben wir schon erwähnt. Ihre Mutter hatte das Zeitliche vor vielen Jahren gesegnet. Sie waren inzwischen zu stattlichen Mädchen herangewachsen, von denen die ältere achtzehn Jahre alt, also etwa zwei Jahre jünger als Mordaunt Mertoun war, die zweite siebzehn Jahre zählte. Sie waren die Freude des Vaters und das Licht seiner Augen, und wenn er ihnen auch auf so nachsichtige Weise Freiheit und Willen ließ, daß seiner Ruhe leicht hätte Gefahr entstehen können, so hatte doch bisher die grenzenlose Liebe, mit der sie ihm anhingen, jeglichen Anlaß hierzu im Keime erstickt. So verschieden sie ihrem Gemüt und ihrer Gestalt nach waren, war doch die Familienähnlichkeit nicht zu verkennen. Die Mutter der Mädchen war eine Schottin, aus den Hochlanden von Sutherland, und Tochter eines edlen Häuptlings, der während der Fehden des 17. Jahrhunderts aus seinem Lande vertrieben wurde und Schutz auf diesen friedlichen Inseln gefunden hatte, wo, trotzdem Armut das Erbteil und Abgeschiedenheit das Los der Bewohner war, doch Hader und Zwietracht fremde Gäste waren. Dem alten Saint-Clair – so hieß der Häuptling – ging der Verlust seiner heimatlichen Burg mit ihren Clansleuten und allen ritterlichen Ehren tief zu Herzen, so daß er bald, nicht lange nach seiner Ankunft in Shetland, in das Grab stieg. Die Schönheit seiner Tochter hatte Magnus Troil in Fesseln geschlagen. Er fand Gehör, und sie wurde die Seine, starb jedoch schon im fünften Jahre ihrer glücklichen Ehe. Minna hatte von der Mutter die hohe Gestalt und die dunklen Augen, die rabenschwarzen Locken und die feingeschwungenen Brauen geerbt: Merkmale dafür, daß sie nach einer Seite hin mit dem alten Blut von Thule nicht in Verwandtschaft stand. Auf ihrer Wange – weiß, doch nicht bleich – lag ein so leiser, zarter Hauch von rosiger Röte, daß bei vielen die Rede ging, sie erinnere zu stark an die Lilie. Aber in dieser Vorherrschaft der blassern Blume,lag nichts von Krankhaftigkeit, sondern es war die wahre, natürliche Farbe der Gesundheit, die zu den Gesichtszügen, aus denen ein hochsinniger Geist sprach, so recht zu passen schien. Brenda, die jüngere, war eine andere, aber ebenso liebliche, ebenso reine, unschuldige Schönheit. Ihre reichen Locken hatten jenes lichte Braun, dem der vorübergehende Sonnenstrahl einen Goldglanz verleiht, das aber sogleich wieder verdunkelt, sobald der Strahl verschwunden ist. Ihre Augen, ihr Mund, die schönen Zähne, die frische, doch nicht zu dunkle Glut einer jugendlichen Gesundheit, welche ihre schneeweiße Haut färbte, gaben Zeugnis von ihrer echt skandinavischen Abkunft. Ihre feenhafte Gestalt, nicht zu hoch, wie die ihrer Schwester, aber von größerem Ebenmaß, ein sorgloser, kindlich-leichter Schritt, ein Auge, das auf jedem Gegenstand wahrer Fröhlichkeit mit Freude weilte, waren Vorzüge, die jene der Schwestern – trotzdem dieselben wahrlich nicht geringer waren – doch in Schatten stellten. Bei aller Verschiedenheit der Gemütsart dieses lieblichen Schwesternpaares konnte aber in der Liebe zum Vater keine der andern den Vorrang streitig machen. Brendas Frohsinn übertrug sich auf jede Verrichtung, auf jedes Vorkommnis des täglichen Lebens, während die stillere Art der Schwester eher dazu neigte, dem Vergnügen und der Freude, wenn nicht Einhalt zu tun, so doch nicht Förderung angedeihen zu lassen. Bücher waren ihr liebere Freunde als Menschen, und ihre Kenntnisse gingen über ihre Sphäre; Shetland bot damals nur geringe Gelegenheit, sich Wissen anzueignen, und Magnus Troil war, wie wir ihn beschrieben haben, nicht der Mann, in dessen Hause sich die Mittel zum Erwerbe desselben fanden. Aber das Buch der Natur, dieses edelste der Bücher, das der Mensch immer anstaunen und bewundern muß, selbst wenn er es nicht versteht, lag vor Minna offen dar. Die Pflanzen dieser wilden Gegenden, die Muscheln an der Küste und die an Gattungen überreiche gefiederte Welt, die diese Klippen und Horste bewohnt, waren Minna Troil ebenso bekannt, wie dem erfahrensten Jäger. Sie hatte eine scharfe Beobachtungsgabe, ein sehr gutes Gedächtnis und ließ sich von anderen Gefühlen nicht ablenken, wenn sie sich mit etwas Bestimmtem befaßte. Für die einsame düstere Naturschönheit der shetländischen Inselwelt hatte sie eine tiefe Empfindung. Das Meer in all seinen Gestaltungen erhaben-grauser und doch wieder heilig-stiller Art; die von dem endlosen Wogengebraus widerhallenden furchtbaren Klippen; das Schnarren, Krächzen, Schreien und Quieken der Seevögel hatte fast in jedem Wechsel der Jahreszeit für Minna besonderen Reiz; in der dem romantischen Geschlechte, aus dem ihre Mutter entsprossen, eigentümlichen Schwärmerei gestaltete sich die Liebe zur Natur bei ihr zu einer Leidenschaft, die nicht allein ihre Seele auszufüllen, sondern zuzeiten in die stärkste Begeisterung versetzen konnte ... Was ihre Schwester nur mit momentanem Schauer oder einem geringen Grade von dauernder Erregung ergriff, beschäftigte Minnas Phantasie tage- und wochenlang, und zwar nicht allein in dem Stillschweigen der Nacht, sondern auch in den der Unterhaltung geweihten Stunden, so daß sie mit ihren Gedanken, wenn sie, wie ein schönes Marmorbild, in ihrem häuslichen Kreise dasaß, in weiter Ferne, an der wilden Seeküste und in den noch wilderen Bergen ihrer Inselflur schweifte. Und dabei verstand sie es doch, wie nur wenige, die Unterhaltung eigentümlich lebendig zu gestalten, so daß man ihr unwillkürlich, wenn auch vielleicht nicht so ungeteilte Liebe, wie ihrer jüngeren fröhlichen, lieblichen Schwester, so doch eine hohe Achtung, unter ihrer schlichten Umgebung fast Ehrfurcht, entgegenbrachte. So waren Minna und Brenda nicht allein aller Bekannten Lust und Freude, sondern der Stolz der ganzen Inselflur, deren Bevölkerung durch die Abgeschiedenheit ihrer Lage und die schöne Sitte der Gastfreiheit zu einer echten Gemeinschaft mit biblischem Sinne vereinigt war. Lord Byron hätte seine herrlichen Verse