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Der erste Schritt, den der alte Jasper nach endlich erlangter Haus-Autonomie tat, war, daß er den Sohn von St.-Andrews heimrief, damit er ihm bei seinen häuslichen Arbeiten zur Hand gehe. Nun hätte man meinen sollen, daß Triptolemus, der nun in die Praxis übertragen sollte, was er in der Theorie so emsig studiert, sich (um ein Gleichnis zu brauchen, das er gewiß für sehr treffend gehalten hätte) wie ein Füllen auf der Weide vorkommen würde. Doch was sind Gedanken, was sind Hoffnungen beim Geschlechte des Menschen!

Ein lachender Philosoph, der Demokrit unserer Zeit, hat einmal das menschliche Leben mit einer arg durchlöcherten Tafel verglichen, bei der für jedes Loch ein genau passender Stift vorhanden sei. Da aber diese Stifte schnell und ohne Bedacht in die Löcher gesteckt würden, bliebe dem Zufall ein so freies Spiel, daß es zu den seltsamsten Mißgriffen käme. – »Denn,« schließt der Philosoph mit kräftigem Pathos, »wie oft sehen wir nicht, daß ein runder Mensch in einem dreieckigen Loche steckt?« Diese neue Erklärung der Zufallslaunen erregte bei jedem Anwesenden ein krampfhaftes Gelächter, einen fetten Gemeindevorstand ausgenommen, der, den Fall persönlich nehmend, versicherte, mit solcher Sache sei nicht zu spaßen. Um nun dies treffliche Gleichnis weiter zu führen, muß ich sagen, daß es mir vorkommt, als sei Triptolem aus dem Sacke mit Stiften wenigstens um ein Jahrhundert zu früh ins Leben geschüttet worden. Hätte er zu unseren Lebzeiten die Weltbühne betreten, d. h. während der letzten dreißig bis vierzig Jahre, geblüht, so wäre er sicher stellvertretender Vorsitzender irgend einer großen Ackerbau-Gesellschaft geworden. Eine solche Stelle hätte ihm nicht entgehen können, und wäre von ihm auch gerecht ausgefüllt worden, denn in der Materie selbst war er gründlich zu Hause – besser als mancher Herzog oder Lord, den man zum wirklichen Vorsitzenden macht, obgleich er manchmal kaum zu unterscheiden weiß zwischen einem Karrengaul und einem Gaul mit Karren,

Aber ach! Triptolemus Yellowley war, wie schon bemerkt, wenigstens um ein Jahrhundert zu früh auf die Welt gekommen, und statt in einen bequemen Fauteuil mit bequemen Armstützen gesetzt zu werden, damit er, mit dem Hammer in der Faust und einem Glase Portwein vor sich, einen Spruch ausbringe »auf Ackerbau, Viehzucht und verwandte Zweige«, wurde er von seinem Vater an den Pflug gestellt und mußte Ochsen führen, deren Rücken er aber, statt mit der Peitsche, viel lieber mit dem Tranchiermesser bearbeitet hätte. Der alte Jasper führte bald bittere Klage, daß sein gelahrter Sohn (den er »im abgekürzten Verfahren« immer nur »Tolimus« nannte) wohl die herrlichsten Reden über Gemeindeweiden, Koppel und Wechselwirtschaft, Freizucht und Inzucht zu halten wisse, daß aber unter seinen Händen gar nichts gedeihen wolle. Schlimmer aber wurde es in dieser Hinsicht noch, als Vater Jasper nach einigen Jahren durch das Alter gezwungen wurde, dem akademischen Jünger die Zügel zu überlassen. Als ob die Natur einen untilgbaren Groll gegen ihn hegte, hatte er eine der schlechtesten, undankbarsten Pachtungen in den »Mearns« bekommen, einen Fleck tatsächlich, der alles hervorzubringen schien, nur nichts von all dem, was ein Landmann braucht. Disteln, die dürres, Farnkräuter, die sumpfiges Land, Nesseln, die Kalkboden verraten sollen, – wuchsen in Hülle und Fülle – Furchen und Steine gab es im Ueberfluß; und auch an Quellen mangelte es nicht, bloß brachen sie nur überall dort aus der Erde, wo sie wenig oder gar nicht am Platze waren. Vergebens mühte sich der arme Triptolemus, bald nach diesem bald nach jenem Rezepte, den Boden, nach Maßgabe seiner Eigenschaft, zu bewirtschaften. Aber er gewann weder die Butter aufs Brot, noch das Brot zur Butter – und abgesehen von einem halben hundert Morgen eingehegten Landes, auf das schon sein Vater all seine Arbeitskraft und Arbeitslust beschränkt hatte, gab es kaum noch einen Winkel in der ganzen Pachtung, der zu etwas anderem gut war, als Geräte darauf zu zerbrechen, oder Vieh darauf zu Tode zu schinden. Was einkam, ging für Unterhaltungskosten der Pachtung und mit Experimenten drauf, zu denen sich Triptolemus nie nötigen ließ. Hätte er in unserer Zeit gelebt, so hätte es mit ihm gar bald ein Ende gehabt. Ein sogenannter Bank-Kredit, hinter dem ein kurzer Wechselkredit, im Verein mit einem Leben in dulce jubilo gekommen wäre, hätte da Hof, Ernte und Viehstand bald unter Sequester gebracht. Zur damaligen Zeit aber ging es mit dem Zugrunderichten noch nicht so geschwind. In dieser Hinsicht standen nämlich sämtliche schottische Pächter so ziemlich auf der gleichen Stufe, so daß es ebenso schwer war, in die Höhe zu kommen wie sich den Hals zu brechen; sie befanden sich eben durchweg in jener Situation, worin es keinen Kredit, also an allen Ecken Not und Jammer gibt, worin aber, da keiner Schulden machen, auch keiner bankerott werden, also höchstens eben verhungern kann.

Was Triptolemus, trotz aller Experimente, noch leidlich vorm letzten Radikalmittel bewahrte, waren die Ersparnisse, die seine Schwester Barbara durch ihre beispiellose Praxis im Haushalt und durch ihren unverwüstlichen Fleiß machte: Eigenschaften, die jenem Philosophen, der den Satz predigte: Schlaf sei nur ein Begriff und Essen eine Gewohnheit, – als lebendige Beweismittel hätten gelten können. Barbara Yellowley war früh auf, ging spät schlafen und stand bei ihren mit Arbeit überlasteten Mägden in dem Rufe, es an Wachsamkeit mit jedem Hunde, ja jeder Katze aufzunehmen. Satt zu werden schien sie an Luft – und vermißte diese leibliche Tugend zu ihrem größten Aerger an ihrem Bruder und ihrem Instvolk. Aber nie wäre es ihr einmal eingefallen, ein Stück Vieh zu schlachten, um dem Bruder einen frohen Tag zu machen: ein Glück, daß derselbe nachgiebigern Sinnes war und sich leicht lenken ließ, mithin sich bald an diese immerwährende Karenz gewöhnte und sich schon glücklich schätzte, wenn er zu seinem Haferkuchen ein Stückchen Butter bekam und, da die Wohnung an den Ufern des Esk lag, dem schlimmen Zwange entging, an den sieben Tagen der Woche immer sechs Lachse essen zu müssen.

Trotzdem nun Barbara alle Ersparnisse zu der Wirtschaftsmasse schlug und der Brautschatz der Mutter nach und nach mit draufging, näherte sich doch endlich der Augenblick, wo es unmöglich schien, den Kampf gegen die »ungünstigen Gestirne des Triptolemus« (wie er selbst immer die natürliche Folge seiner unvernünftigen Spekulationen nannte) weiterzuführen. Zum Glück für Triptolemus und Barbara stieg im bösesten dieser bösen Momente ein Gott zu ihrem Beistand vom Himmel nieder, oder – um nüchtern zu sprechen, – dem edlen Lord, dem die Pachtung gehörte, gefiel es in seinem, von sechs Läufern bedienten Sechsspänner sich im vollen Prunk des siebzehnten Jahrhunderts nach seinem Landsitze kutschieren zu lassen.

Dieser Standesherr war der Sohn jenes Edelmannes, der den alten Jasper aus Yorkshire von den »Mearns« weg und hierher gelockt hatte, und, gleich seinem Vater ein Mann voller Pläne und Entwürfe. Er hatte aber im Zeitenlaufe insofern gut für sich gesorgt, als er sich auf eine gewisse Reihe von Jahren die selbständige Verwaltung der entfernten Orkney- und Shetland-Inseln gegen Entrichtung eines geringen Pachtgroschens, mit der Befugnis den Titel eines Lord-Kämmerlings zu führen, zu verschaffen gewußt hatte.

Seine Herrlichkeit meinte nun, und zwar ganz richtig, daß zu solchem Titel auch Mittel gehörten, und daß die Mittel erst reichlich fließen könnten, wenn der Anbau der Kronländereien aus den Orkney-Inseln und auf Shetland melioriert würde – er blies also mit unserem Freunde Triptolemus in das gleiche Horn, und da ihm Triptolemus auch sonst einigermaßen bekannt war, kam ihm der Einfall, seine Pläne durch diesen in die Praxis zu überführen. Er ließ ihn also nach dem Herrenhause holen und war mit der Art, wie unser Freund das Thema erfaßte, so zufrieden, daß er keine Minute säumte, sich solches wichtigen Beistandes zu versichern. Die Bedingungen, die er Triptolemus einräumte, der durch langjährige Erfahrung einen dunklen Begriff bekommen hatte, daß es bei aller Geschicklichkeit schließlich doch besser sei, wenn Mühe und Gefahr auf Kosten eines Unternehmers gingen, stellten denselben willig zufrieden. Dafür wußte Trip die Aussichten auf Profit so rosig zu malen, daß dem Lord-Kämmerling alle Lust, seine Beamten auf Teilnahme am Gewinn zu stellen, – abhanden kam, weil er nämlich, nach Abzug des guten Gehalts für seinen Verwalter, alles selbst zu schlucken für vorteilhafter fand. Barbara wäre, als sie von dem glücklichen Abkommen Kunde bekam, am liebsten an die Decke gesprungen, wenn sich solche Motion mit ihren Ansichten von Sittsamkeit vertragen hätte. Triptolemus seinerseits war nun, während er die nötigen Ackerbauwerkzeuge bestellte, die bei dem Inselvolk eingeführt werden sollten, eine Zeitlang Stammgast in jedem Wirtshause. Heutzutage würden sich dieselben freilich gar wunderlich ausnehmen, aber alles ist nun einmal relativ, und die schwere Karrenladung, die man den alten schottischen Pflug nennt, wäre einem schottischen Pächter jener Zeit nicht minder schnurrig vorgekommen, als Helm und Harnisch eines Soldaten aus der Zeit des Cortez den Regimentern unsrer Armee. Dennoch eroberte Cortez Mexiko, und der alte Schottenpflug wäre für den Ackerbau in Thule keine unwesentliche Verbesserung gewesen.