Weshalb Triptolemus den Aufenthalt in Shetland dem auf den Orkney-Inseln vorzog, ist nie bekannt geworden. Vielleicht hat er die Bewohner dieser Infelflur für simpler und fügsamer gehalten, als sie es sind: vielleicht hat er auch Haus und Pachtung – die in der Tat leidlich waren – denen vorziehen zu sollen gemeint, die er auf Pomona hätte wählen können. In Hafra – oder, wie es dann und wann, nach den Ueberbleibseln einer Piktenfeste, die fast dicht beim Wohnhause lagen, auch hieß, Stourbourgh – nahm des Lord-Kämmerlings Substitut in der Fülle seiner Machtvollkommenheit sein Domizil, mit dem festen Entschlusse, seinem Namen dadurch Ehre zu machen, daß er die Shetlander durch Vorschrift und Beispiel einer besseren Kultur entgegenführte.
Fünftes Kapitel
Wir können nur hoffen, daß den freundlichen Leser der letzte Teil des vorigen Kapitels nicht gelangweilt haben möge – soviel aber dürfen wir als gewiß annehmen, daß seine Ungeduld nicht so groß gewesen sein kann, wie die des jungen Mertoun, der – während Blitz auf Blitz folgte, der Wind, von einem Punkte der Windrose zum andern laufend, mit der Gewalt eines Orkans wehte, und der Regen in Strömen floß – an das Tor von Stourbourgh donnerte, dabei rief und schrie, ohne zu begreifen, wie man einem Fremden bei so furchtbarem Wetter den Eintritt wehren könne. Zuletzt aber wurde er inne, daß alles Lärmen unnütz sei, und nun trat er soweit vom Hause zurück, daß er die Schornsteine genau sehen konnte; und was sah er da zu seinem namenlosen Entsetzen? daß keine Spur von Rauch aufstieg, obgleich es nahe an Mittag war, damals die Essenszeit auf dieser Inselflur.
Jetzt trat nun an Stelle der Ungeduld Teilnahme und Besorgnis; denn an die unbedingte Gastfreiheit der shetländischen Inseln gewöhnt, konnte er keine andere Erklärung für den Fall finden, als daß die Familie, die hier ihren Sitz hatte, von einem schweren, unerklärbaren Unglück heimgesucht worden sei. So sah er sich nun nach einem Platze um, von wo aus sich in das Haus eindringen lasse, um über die Lage der Bewohner Klarheit und für sich selbst Obdach und Unterkunft zu gewinnen. Aber seine Bekümmernis war ebenso grund- und zwecklos wie seine Hast, denn Triptolemus und seine Schwester hatten sein Klopfen und Rufen recht gut gehört und sich schon geraume Zeit heftig darum gezankt, ob sie das Tor öffnen sollten oder nicht.
Barbara oder, wie sie von Triptolemus genannt wurde, Baby Yellowley wollte von Gastfreundschaft nichts wissen, war vielmehr von Cauldshouters, ihrem Pachthof in den »Mearns«, her allem vagierenden Volk in der schlimmsten Erinnerung; kein Bettler, Hausierer oder Kesselflicker, selbst der verschlagenste nicht, konnte sich rühmen, die Klinke des Tors dort offen gefunden zu haben. Das folgende Gespräch zwischen Bruder und Schwester wird über die Gründe, die zum Zank zwischen ihnen führten, Aufschluß geben können.
»Der Himmel gebe seinen Segen,« sagte Triptolemus, in der alten Schulausgabe seines Vergil blätternd; »das ist 'mal wieder ein Tag, um Gerste zu säen; sagte nicht schon der weise Mantuaner: ventis surgentibus? Wie es im Gebirge heult – wie es von den Küsten schallt! Aber – Baby, wo sind die Wälder? Wo finde ich nemorum murma hier in unsrem neuen Wohnsitze?«
»Was hast Du wieder für dummes Zeug im Kopfe?« rief Baby, den Kopf aus einem finstern Loch in der Küche hervorsteckend, wo sie irgend ein häusliches Geschäft verrichtet hatte.
Triptolemus, mehr aus Gewohnheit als Absicht das Wort an sie richtend, hatte kaum ihre spitze, rote Nase, ihre funkelnden grauen Augen und scharfen Züge erblickt, als ihm auch schon beifiel, daß ihr solche Frage kaum recht kommen würde, und es ihm rätlicher bedünkte, sich lieber einer neuen Flut von Scheltworten auszusetzen, als das Gespräch von neuem zu beginnen,
»Nun, Yellowley,« sagte Baby, in die Mitte der Stube tretend, »warum denn solch Geschrei nach mir? Du solltest doch wissen, daß ich noch mitten in der Arbeit stecke.«
»Ach, ich habe eigentlich gar keinen Grund, Baby, Dich zu behelligen; ich dachte nur, an Meer und Wind und Regen fehlte es uns freilich nicht – wohl aber an Holz! Wo ist das Holz, Baby? he! sag es nur, wo ist das Holz?«
»Das Holz?« wiederholte Baby, – »ginge ich damit nicht haushälterischer um als Du, Bruder, dann gebe es in der Nähe wohl bald kein Holz weiter als den Klotz, den Du als Kopf auf Deinen Schultern trägst. – Meinst Du aber das Treibholz, das gestern angeschwommen, so sind zwölf Lot davon heute früh auf Deine Suppe gegangen – ich freilich meine, daß sich jeder sparsame Mensch statt mit Suppe auch mit Drammock [Mehl mit kaltem Wasser eingerührt] einrichten könnte, statt daß man zum Mehl auch noch Feuerung wegen des bißchens Frühstücks verbrauchen muß.«
»Du meinst Baby,« sagte Triptolemus, der nach seiner Weise auch einmal, wenn auch nur trocken, scherzen konnte, »wer Feuer hat, soll nicht essen, und wer zu essen hat, soll kein Feuer anmachen, da beides zu viel des Guten für einen Tag sei? Nun, daß Du uns vor Kälte und Hunger nicht unice contextu umkommen lassen willst, freut mich wenigstens; aber wenn ich Dir die Wahrheit gestehen soll, so habe ich mir mein Lebtag aus rohem Mehl in kaltem Wasser nichts gemacht – ich lobe mir nun einmal was Warmes.«
»Schlimm und dumm genug von Dir,« sagte Baby. »Könntest Dir mit der warmen Suppe auch Sonntags genügen lassen und in der Woche Drammock essen – wozu die Schleckerei? es ist doch bloß ein kurzes Stück, wo's gut schmeckt! und dann gibt's manchen, der ganz anders aussieht wie Du, und sich doch alle Finger nach einem Teller Suppe lecken würde.«
»Da sei Gott vor, Schwester!« erwiderte Triptolemus; »dann braucht' ich doch weder Feld zu bestellen, noch den Pflug zu spannen, sondern könnt mich ruhig hinlegen und auf den Tod warten; denn soviel, daß ganz Shetland sich ein Jahr an Mehl satt essen könnte, haben wir im Hause – und Du willst mir nicht einmal einen Teller warmer Suppe gönnen, trotzdem ich Dir doch über jeden Pfennig Rechenschaft ablegen muß?«
»Still! halte Deine geschwätzige Zunge,« sagte Baby, indem sie einen scheuen Blick durch die Stube warf; »wahrhaftig, Du bist gerade der Rechte, davon zu sprechen, was wir im Hause haben, und alles zusammenzuhalten und über allem die Augen zu halten! – Horch! So wahr ich lebe, draußen klopft jemand.«