»Und warum sollte ich nicht halten, was ich verspreche,« versetzte Triptolemus. »Dir ist freilich wohl noch nie in den Kopf gekommen, daß es auf Orkney eine Gegend gibt, die Ophir, oder so ungefähr, heißt; warum könnte nicht Salome seine Schiffe und Sklaven dahin geschickt haben, um vierhundert und fünfzig Talente zu holen? Ich sollte meinen, daß dieser weise König über Juda am besten hat wissen müssen, wohin er sich zu wenden hatte; und an die Bibel, Baby, glaubst Du doch hoffentlich noch?«
Baby wurde durch die Berufung auf die Heilige Schrift – so wenig am Platze sie auch sein mochte, – zur Ruhe verwiesen und brummte bloß noch ein ungläubiges, verdrossenes Hm hm! – während Triptolemus, zu Mordaunt gewendet, fortfuhr:
»Ja, Ihr sollt sehen, was selbst in einem so kümmerlich bedachten Lande wie dem unsrigen, alles anders werden kann, wenn Bargeld hineingesteckt wird – von Kupfer oder Eisenstein habt Ihr auf diesen Inseln wohl noch nie was vernommen?«
Mordaunt sagte, seines Wissens gäbe es Kupfer in der Nähe der Klippen von Kings-Bourgh.
»Ja, und Kupferschaum auch auf dem Loch Swana, junger Mann! Aber von Euch jungem Volk ist ja der dümmste, Eures Wissens, noch immer klüger als Männer von meinem Alter und Schlage.«
Baby, die den Jüngling die ganze Zeit über aufmerksam im Auge behalten, trat ihm jetzt auf eine dem Bruder gänzlich unerwartete Weise zu Hilfe.
»Es wäre wohl gescheiter, Trip,« sagte sie, »dem jungen Menschen trockene Kleider und etwas Essen zu geben, als ihm solchen Wind vorzumachen, für den doch das Wetter schon zur Genüge gesorgt hat. – Auch einen Schluck möcht er wohl nehmen, wenn Du ihm einen anbötest?« – Triptulemns, ganz verwundert über solches Ansinnen, ging mit sich zu Rate, kam aber zu dem gleichen Schlusse und führte den Jüngling in eine andere Stube, gab ihm dort Kleider von sich und ließ ihn allein, sich umzuziehen, während er selbst nach der Küche zurückkehrte, außer stande, für die ungewöhnliche Anwandlung von Gastfreundschaft bei der Schwester eine Erklärung zu finden ...
»Das ist doch kurz vor ihrem Tode,« sagte er, immerhin ein wenig ängstlich, »und wenn ich auch bei ihrem Ableben Erbe ihres mütterlichen Vermögens werde, sollte es mir doch leid um sie sein, denn sie hält das Hauswesen gut in Ordnung, wenn auch das Wort auf ihr Regiment zutrifft: je straffer der Gurt, desto fester der Sattel.«
In der Küche angelangt, fand Triptolemus neue Nahrung für seine Ahnungen, denn Barbara war eben damit beschäftigt, eine geräucherte Gans, die mit anderen ihres Geschlechtes schon lange im Schornstein gehangen, in einen Kochtopf zu hängen ... »Einmal muß sie doch gegessen werden,« hörte er sie nun gar murmeln, »warum sollte also der arme Mensch sie nicht verzehren?«
»Schwester,« rief Triptolemus, »Topf und Backschüssel zugleich am Herde? »Was haben wir denn für einen Tag heut?« – »Einen Tag, wie ihn die Israeliten bei den Fleischtöpfen Aegyptens hatten, Triptolemus; aber Du weißt ja nicht, wen Du an diesem gesegneten Tage in Deinem Hause als Gast siehst!«
»Nein, das weiß ich freilich nicht,« sagte Triptolemus; »so wenig als ich ein Pferd kennen würde, das ich nie vorher gesehen. Ich hätte den Burschen für einen Hausierer gehalten, aber er hat kein Bündel bei sich und ist von guter Art und Sitte.«
»Du weißt wahrhaftig keinen Deut mehr als Deine Ochsen,« eiferte Baby. »Kennst Du Tronda Dronsdaughter nicht?« – »Tronda Dronsdaughter?« wiederholte Triptolemus; »die muß ich doch kennen, wenn ich ihr täglich zwei Pfennige schottisch für Arbeit in unserm Hause bezahle? trotzdem sie freilich arbeitet, als ob sie sich die Finger dabei verbrennte! Wahrhaftig, lieber gäbe ich einem schottischen Mädchen einen Grot englisches Silbergeld.«
»Das erste kluge Wort, das Du an diesem gesegneten Morgen gesprochen! Nun, Tronda kennt den Burschen und hat mir oft von ihm erzählt. Den stillen Mann von Sumbourgh nennt man seinen Vater; aber trotzdem soll er, heißt's, ein boshafter Kerl sein.«
»Still – dummes Zeug! Mit dergleichen Geschwätz sind die Leute gleich bei der Hand, wenn sie arbeiten sollen – da finden sie immer schnell was heraus, das ihnen nicht paßt.«
»Schon gut, Bruder; mußt bloß nicht denken, Du seiest allein gescheit, weil Du in St.-Andrews Lateinisch gelernt,« sagte Baby; »kannst mir aber mit all Deiner Weisheit wohl nicht sagen, was der Bursch um den Hals hat?«
»Ein Barcelona-Halstuch!« rief Baby, lauter als bisher; dann aber schnell wieder die Stimme senkend, als fürchte sie, belauscht zu werden; »eine goldene Kette hat er um, sage ich Dir!«
»Eine goldene Kette!« rief Triptolemus.
»Gewiß, Freund, und wie gefällt Dir das? Bei den Leuten heißt's, wie Tronda erzählt, der Zwerg-König hätte sie dem stillen Manne von Sumbourgh gegeben.«
»Entweder rede vernünftig oder spiele die stille Frau,« versetzte anspielend Triptolemus. »Aus all Deinen Worten geht für mich weiter nichts hervor, als daß der Bursche des fremden Mannes Sohn ist; und aus all Deinem Tun ersehe ich nichts andres, als daß Du ihm die Gans gibst, die bis zu Michaelis aufbewahrt werden sollte.«
»Je nun, Bruder, wir müssen doch was tun, uns Freunde zu machen; und der Bursche,« setzte Baby hinzu (denn auch sie war nicht ganz der Vorliebe ihres Geschlechts für ein hübsches Aeußere ledig) – »hat wirklich ein hübsches Gesicht.«
»Du hättest,« sagte Triptolemus, »wohl sein, wie manches andere hübsche Gesicht ungetröstet an Deiner Tür vorbei gehen lassen – wenn nicht die goldene Kette wäre.«
»Gewiß, gewiß!« antwortete Barbara; »oder sollt ich unser bißchen Hab und Gut jedem Bettler und Landstreicher an den Hals werfen, den sein Weg an einem Regentag bei uns vorüberführt? Der Bursche hier hat aber einen guten Namen im ganzen Lande, und Tronda sagt, er würde eine Tochter des reichen Udallers Magnus Troil heiraten, und der Hochzeitstag solle gleich festgesetzt werden, sobald er sich eins von den beiden Mädchen ausgesucht habe – und was sollte wohl werden, wenn wir ihn nicht ordentlich bewirten wollten, trotzdem wir ihn nicht eingeladen haben?«
»Der beste Grund,« sagte Triptolemus, »einen Menschen ins Haus zu lassen, ist immer, daß man sich nicht getraut, ihm zu sagen, daß er gehen soll. Da wir indes hier einen Mann von Stand vor uns haben, soll er auch wissen, mit wem er in meiner Person zu hat.«
Und so ging er an die Tür und rief: »Heus tibi, Dave«!
»Adsum!« antwortete der Jüngling, in die Stube tretend.
»Hm!« sagte der gelehrte Triptolemus, »also in humanioribus nicht unbewandert? Ich will ihm aber weiter auf den Zahn fühlen. – Versteht Ihr was vom Landbau, junger Mann?«
»Nein, Herr, denn ich lernte nur das Meer pflügen und auf Klippen ernten.«
»Das Meer pflügen?« sagte Triptolemus; »Meer ist eine Furche, die der Egge wenig bedarf, und was Eure Ernte auf den Klippen betrifft, so, glaube ich, meint Ihr die jungen Möwen, oder wie Ihr sie nennt? Das ist aber eine Ernte, die der Vogt verbieten sollte, denn nirgends kann sich ein ehrlicher Mensch den Hals leichter brechen! Ich gestehe, für das Vergnügen, zwischen Himmel und Erde an einem Seile zu schweben, habe ich kein Verständnis, es sei denn, der Galgen käme in Betracht.«
»Nun, versuchen könntet Ihr es immerhin einmal,« antwortete Mordaunt; »ich für mein Teil kann mir kaum etwas Großartigeres denken, als in freier Luft zwischen Klippe und Ozean zu schweben, an einem Seile, das kaum dicker als ein Seidenfaden erscheint, und mit dem Fuß auf einem Steine knapp so groß, daß eine Möwe drauf nisten könnte, einzig angewiesen auf Eure behenden Glieder und Euren klaren Kopf – mit der Zuversicht, verloren zu sein, wenn Euch Kopf und Glieder verlassen – das bedeutet wohl etwa soviel, als frei von der Erde sein, die Euer Fuß berührt.«