Triptolemus schüttelte zu dieser begeisterten Schilderung eines Zeitvertreibs, der so geringen Reiz für ihn besaß, bedenklich den Kopf, aber seine Schwester, des Jünglings funkelndes Auge und selbstbewußte Haltung würdigend, rief nicht ohne Wärme: »Ei, Du bist wirklich ein braver Junge!«
»Ein braver Junge!« wiederholte Yellowley, »ein braver Ganter, meine ich, sei ein besserer Name für jemand, der in der Luft herumtost, während er ruhig auf terra firma bleiben könnte. . . . Aber nun kommt, hier ist zwar kein Ganter, sondern eine Gans, die uns, sofern sie gut gekocht ist, besser munden soll. Gib uns Teller und Salz, Baby – zwar, an Salz wird's der Gans nicht fehlen – aber ein schöner Bissen ist's doch, und ich denke, die Shetländer sind die einzigen Leute in der Welt, die sich solchen Gefahren aussetzen, um Gänse zu fangen und nachher, wenn sie sie haben, zu kochen.«
»Allerdings,« sagte seine Schwester, – und das war das einzige, worin sie an diesem Tage übereinstimmten, – »einer Hausfrau in Angus oder auf den Mearns möchte es wunderlich vorkommen, eine Gans kochen zu sollen, solange es noch Bratspieße auf Erden gibt . . . Aber was ist denn das wieder?« rief sie, mit lebhaftem Unwillen zur Tür hin blickend; »weiß Gott! die Türen dürfen bloß offen sein, so kommen auch Hunde – und wer hat Dem da hereingewinkt?«
»Ich,« antwortete Mordaunt; »es kann doch Euer Wille nicht sein, einen armen Kerl in solchem Wetter vor der Tür stehen zu lassen? – Aber hier ist was, das Feuer zu schüren,« rief er, den eichenen Riegel von der Tür wegziehend und auf den Herd werfend, von dem ihn aber Jungfrau Baby mit beispiellosem Grimme wegriß, keifend:
»Es ist Treibholz, von bester Art, und er hantiert damit, als ob es Kienspan wäre! – Ei, und wer seid Ihr denn, wenn's beliebt?« – setzte sie hinzu, sich zu dem Fremden wendend, der jetzt an den Herd trat; »weiß Gott, ein Bettelwicht, wie mir sobald keiner vor die Augen gekommen.«
»Ich bin ein Jagger, zu Befehl,« – versetzte der ungebetene Gast, ein kleiner, stämmiger Mann von gewöhnlichem Aussehen, der in der Tat viel von einem Hausierer an sich hatte, die man auf dieser Inselflur »Jagger« nennt – »und nie bin ich an einem böseren Tage unterwegs gewesen, – Dem Himmel sei Dank für Feuer und Obdach!«
Mit diesen Worten zog er einen Schemel zum Feuer und setzte sich ohne weiteres nieder.
Jungfer Baby schnitt ein Gesicht, ähnlich dem eines Falken, der auf seine Beute schießt, und wollte ihrem Aerger gerade in grimmigen Worten Luft machen, als eine alte, halb verhungerte Dienerin – die oben erwähnte Tronda, die bis jetzt in einem fernen Winkel des Hauses gesteckt hatte, in die Stube gehinkt kam und Rufe ausstieß, die zu neuer Unruhe Anlaß zu geben schienen.
»Ach, gnädiger Herr!« – »ach, gnädige Herrin!« weiter konnte sie im ersten Augenblicke nichts über die Lippen bringen: dann kamen noch die abgebrochenen Worte: »Das Beste im Hause! Das Beste auf den Tisch! Und doch wird alles nicht reichen; denn die alte Norna vom Fitful-Head kommt, das schrecklichste Weib auf den Inseln!«
»Wo mag sie bloß herumgeirrt sein?« – fragte Mordaunt, nicht erschrocken wie die alte Magd, aber im höchsten Grade verwundert – »doch wozu diese Frage? je schlimmer das Wetter, desto sicherer ist die Norna auf der Landstraße zu finden.«
»Was für eine Landstreicherin kommt uns da wieder auf den Hals?« rief Baby, durch diese Menge von Gästen schier um den Verstand gebracht, in heller Verzweiflung – »aber sie sollen bald aufhören, mich zu scheren, falls mein Bruder noch einen Funken Raison im Leibe hat – und wenn's auch nur ein Halseisen noch in Galloway gibt.«
»Das Eisen, das die Norna von Fitful halten soll, hat nie den Amboß gesehen,« sagte die Magd; »sie kommt – sie kommt – um Gottes willen, seid freundlich zu ihr, oder wir bekommen keinen Haspel Garn mehr glatt.« Eine Frau, so groß, daß sie mit der Haube fast bis znr Tür reichte, setzte den Fuß über die Schwelle und machte das Zeichen des Kreuzes. Dann sprach sie mit feierlicher Stimme: »Der Segen Gottes und des heiligen Ronald sei mit der offenen Tür, aber beider Fluch und mein Fluch treffe den Geizigen!«
»Wer seid Ihr, daß Ihr in anderer Leute Haus so laut Fluch und Segen sprecht? Was ist das für ein Land, wo die Leute keine Viertelstunde ruhig sitzen und dem Himmel dienen können, ohne daß Landstreicher und Landläufer und Bettelvolk einander jagen, wie eine Flucht wilder Gänse?«
Die Worte kamen, wie der Leser errät, aus Barbaras Munde; von welcher Wirkung sie aber auf die Fremde waren, ließe sich höchstens vermuten, denn die Magd, wie auch Mordaunt wandten sich, um einen Ausbruch ihres Unwillens zu verhüten, gleichzeitig zu ihr – die Magd auf norwegisch, Mordaunt auf englisch – mit den Worten: »Es sind Fremde, Norna, die Dich weder dem Namen noch dem Wesen nach kennen – auch sind ihnen die Gebräuche unseres Landes fremd, und wir müssen ihnen darum Mangel an Gastfreundschaft nachsehen.«
»Ich weiß nichts von solchem Mangel, junger Mann,« sagte Triptolemus. » Miseris succurrere, disco – die Gans, die bis zu Michaelis im Schornsteine räuchern sollte, kocht jetzt für Euch im Topfe; und hätten wir zwanzig Gänse, so fänden wir auch, merke ich, Mägen für sie; aber das muß alles besser werden.«
»Was alles muß besser werden, schmutziger Sklav?« sagte die Fremde, sich mit einem Tone an ihn wendend, der ihn erschreckte – »bring nur Deine neugestalteten Pflugeisen, Spaten und Eggen her, und vernichte die Werkzeuge unserer Väter, von der Pflugschar bis zur Mäusefalle; aber vergiß nicht darüber, daß Du in einem Lande bist, das einst von den blondhaarigen Kämpen des Nordens erobert wurde; in einem Lande, wo das Gastrecht als heilig gilt. – Hüte Dich, sage ich Dir, vor Norna, denn so lange sie noch von der Spitze des Fitful-Head auf das unermeßliche Gewässer hinausschaut, erinnert noch immer etwas an die einstige Stärke und Macht des edlen Geschlechtes, von welchem wir stammen ... und wenn auch die Männer von Thule aufgehört haben, Kämpen zu sein und den Raben für Fressen zu sorgen, so haben doch die Weiber die Künste nicht vergessen, die ihre Ahnfrauen zu Königinnen und Seherinnen machten.«
Die Frau, die diese seltsamen Worte sprach, setzte durch ihre Erscheinung in nicht geringere Verwunderung als durch ihre Anmaßung und den selbstbewußten Klang ihrer Stimme. Dem letztern, wie ihrer Gestalt und ihrem Gesicht, nach hätte sie Wohl als Bonduca der Briten, oder als Belleda oder Aurinia der alten Goten auf jeder Bühne gelten können; wenn auch ihre edlen, scharfen Züge durch die. strenge Witterung des Landes, der sie sich beständig aussetzte, stark gelitten hatten. Alter, wohl auch Kummer hatten das Feuer ihres dunkelbraunen Auges, dessen Farbe sich fast schon dem Schwarz näherte, gemildert und ihr jetzt von der Gewalt des Sturmes arg zerzaustes Haar mit weißgrauem Schnee bestreut. Ihr Oberkleid aus grobem, dunkelfarbigem Kleide, »Wadmaral« genannt, damals auf den shetländischen Inseln wie auch in Island und Norwegen in starkem Gebrauch, triefte von Wasser. Als sie es von sich warf, kam ein kurzes Wams aus dunkelblauem Samt, mit Figuren bedruckt, zum Vorschein; die dazu gehörige Unterjacke war von hochroter Farbe und mit verblichener Silber-Stickerei besetzt; ihr Gürtel war mit Silber-Zieraten, die Gestalt der Himmelszeichen nachahmend, benäht, und ihre blaue Schürze, mit ähnlichen Zeichen bestickt, bedeckte einen Rock von hochrotem Tuche. Starke, dicke Schuhe von halb gegerbtem Leder, wie man sie anders auf der shetländischen Inselflur nicht kannte, waren mit Riemen, wie die der römischen Kothurne, über Strümpfen aus scharlachroter Wolle festgemacht: in dem Gürtel trug sie eine Waffe seltsamen Aussehens, die als Opfermesser oder Dolch gelten konnte, je nachdem sie dem, der sie betrachtete, als Priesterin oder Zauberin galt. In der Hand hielt sie einen auf allen vier Seiten gleichen eckigen Stab mit eingegrabenen römischen Schriftzügen und Bildern, einen der immerwährenden Kalender darstellend, dessen sich die alten Skandinavier bedienten, der aber von abergläubischen Menschen eher für einen Zauberstab gehalten wurde. So sah sie aus, die Norna vom Fitful-Head, von fast allen Insulanern mit Scheu, von nicht wenigen mit Ehrfurcht betrachtet, und in keinem andern Teile Schottlands, – wo damals ein krasser Hexenglaube wütete, – Ware sie den grausamen Richtern entronnen, die oft mit absoluter Machtvollkommenheit ausgerüstet waren, um alle, die,der Zauberei angeklagt waren, zu prozessieren, zu foltern und den Flammen zu überliefern, Shetland bildete eben noch eine kleine Welt für sich, wo von dem alten norwegischen Aberglauben nur das übrig geblieben war, was den Hauptteil des alten skandinavischen Glaubens ausmachte, Wenn hiernach die Eingeborenen von Thule auch zugaben, daß Zauberer ihre Wunder zum Teil durch einen Bund mit dem Satan verrichten, so herrschte doch auch der frömmere Glaube, daß es Zauberer gäbe, die mit Geistern von weniger schlimmer Art zusammen hausten: mit den allen Zwergen, die in Shetland Trows oder Brows hießen, wie auch mit Feen jüngeren Datums. Zu denen, die mit solch wesenlosen Geistern verkehrten, gehörte auch Norna, die von einer Familie stammte, die seit undenklicher Zeit den Ruf genoß, im Besitz übernatürlicher Gaben zu stehen, und nach einer der Schicksalsschwestern, die den Faden des menschlichen Lebens spinnen, genannt wurde.