Выбрать главу

Nachdem Norna eine Zeitlang, ohne sich zu rühren, im tiefsten Schweigen den Himmel betrachtet hatte, streckte sie auf einmal, mit langsamer, majestätischer Gebärde, ihren Stab von schwarzem Eichenholz gegen die Himmelsgegend aus, aus welcher der Sturm am stärksten wehte, und erhob ihre Stimme, umtobt von seinem wildesten Gebrüll, zu einer norwegischen Beschwörung, die sich noch jetzt auf der Insel Nist unter dem Namen des Gesanges der Reim-Kennar erhalten hat.

Kühner Aar aus fernem Nordwest,

Der in der Kralle führt den Donnerkeil,

Du, des rauschende Flügel zur Wut den Ozean treiben,

Vernichter der Herden, Zerstörer der Schiffe, –

Gleicht dein Gekreisch auch dem Schrei erliegenden Volkes,

Deiner Flügel Rauschen dem Getös von zehntausend Wogen,

Dennoch höre in deinem Zorn, deiner Hast –

Höre die Stimme der Reim-Kennar!

Du trafst die Fichten von Drontheim;

Gebrochen liegen die grünen Häupter neben den Stämmen.

Du trafst den Wanderer auf dem Meere,

Die schlanke, starke Barke des furchtlosen Ruderers,

Und gestrichen hat sie ihr Segel von dir,

Das vor keiner Königsflotte sich hätte geneigt; –

Du trafst den Turm, der in die Wolken streckt sein Haupt,

Den starken festen Turm der Earle aus der Vorzeit,

Und der Schlußstein des Turmes

Liegt auf dem gastlichen Herd.

Doch auch du sollst innehalten, stolzer Bezwinger der Wolken,

Wenn du hörest die Stimme der Reim-Kennar.

Genug des Wehs hast auf dem Meer du gestiftet. –

Die Witwe ringt die Hände an der Bucht; –

Genug des Wehs hast dem Land du gebracht, und

Verzweifelnd kreuzt der Landmann die Arme; –

Endige das Schlagen deiner Flügel,

Laß das Meer ruhn in seiner finstern Kraft;

Endige das Blitzen deiner Augen,

Laß den Donnerkeil still in der Rüstkammer Odins. –

Sei still auf mein Geheiß, Renner nordwestlichen Himmels,

Schlafe auf Nornas, der Reim-Kennar, Ruf!

Mordaunt liebte, wie schon bemerkt, die romantische Dichtkunst des norwegischen Landes und die romantischen Begebenheiten; es wird darum niemand wundern, daß er dem wilden Sänge der Seherin mit Begeisterung lauschte, der dem wildesten Winde der Windrose gesungen wurde. Wohl hatte er in dem Lande, wo er so lange gewohnt, von runischen Reimen und nordischen Zaubersprüchen schon viel vernommen; und doch hätte ihm der Glaube, der Sturm, der eben noch so wild geweht, werde wirklich vor Nornas Versen schweigen, sicherlich gefehlt! Nichtsdestoweniger konnte er sich der Wahrnehmung nicht verschließen, daß die Gewalt des Sturmes nachließ, daß die furchtbare Gefahr, mit der er drohte, überstanden zu sein schien – zwar glaubte er nicht an übernatürliche Gaben der seltsamen Frau, aber für wahrscheinlich hielt er es, daß sie den Ausgang schon seit einiger Zeit aus Zeichen erkannt hatte, die den Augen solcher, die noch nicht lange im Lande lebten, oder die auf Naturerscheinungen wenig oder gar nicht achteten, verschlossen bleiben mußten. Die übrigen Anwesenden waren der Meinung eines übernatürlichen Zusammenhanges der Dinge zugänglicher – Tronda und der Hausierer waren von Nornas Macht über die Elemente längst überzeugt; Triptolemus und Barbara starrten einander verwundert und erschrocken an, besonders als während der Pausen, die Norna in ihrem Beschwürungssange machte, der Sturm zusehends nachließ. Auf die letzten Strophen folgte lange Stille; dann setzte Norna, doch mit weicherer Modulation von Stimme und Melodie, von neuem ein:

Aar der fernen nördlichen Gewässer,

Du vernahmst der Reim-Kennar Gesänge.

Rafftest auf ihr Wort dein weites Segel,

Faltetst friedlich es an deinen Seiten.

Segen ruh' auf deinem Pfade!

Wenn du auf aus deinem Horste steigst,

Sei dein Schlummer sanft in schwarzen Meeres Höhle!

Ruhe, bis das Fatum dich erwecke,

Aar der fernen nordischen Gewässer,

Du vernahmst der Reim-Kennar Gesänge.

»Das wäre ein Lied, das Korn zu bewahren,« flüsterte der Landwirt der Schwester zu, »wir müssen ihr zureden, Baby – vielleicht lehrt sie uns das Geheimnis für hundert Pfund schottisch.«

»Für hundert schottische Tröpfe,« erwiderte Baby; »biete ihr fünf Mark klingende Münze! Alle Hexen, die ich gekannt, waren arm wie Hiob.«

Norna, als ob sie ihre Gedanken erriete, – was vielleicht auch der Fall war, – blickte wieder verächtlich über sie hinweg, trat zu dem Tische, den Barbara zu dem kargen Mahle hergerichtet, füllte aus dem irdenen Kruge eine hölzerne Schale mit Hausbier, brach von einem Gerstenkuchen ein winziges Stück und wandte sich, als sie gegessen und getrunken, zu ihren unfreundlichen Wirten. »Für die Erfrischung, die ich zu mir genommen, sage ich Euch kein Dankeswort,« rief sie, »denn Ihr habt sie mir nicht angeboten, und Dank, einem Geizhals erstattet, gleicht dem Himmelstau, der auf steinige Klippen fällt. Beide können nichts dort finden, was sie erfrischen könnte. Aber,« fügte sie hinzu, einen ledernen Beutel, der groß und schwer zu sein schien, aus der Rocktasche ziehend, »bezahlen will ich Euch mit dem, was Euch lieber sein, was Euch mehr gelten wird als die Dankbarkeit aller Leute von Hialtland. Der Norna vom Fitful-Head sollt Ihr nicht nachreden, sie habe von Eurem Brote gegessen und aus Eurem Becher getrunken, und Euch dann in Sorge ums Geld, daß sie Euch schuldig wurde, verlassen.« Bei diesen Worten legte sie eine kleine alte Münze, auf der halb verwischt das Bildnis irgend eines alten nordischen Königs zu erkennen war, auf den Eßtisch nieder.

Die Geschwister verwahrten sich mit Eifer gegen diese Zumutung; Triptolemus sagte, »er hätte kein Wirtshaus,« und Barbara: »Ist das Weib von Sinnen? wer hätte je gehört, daß Clincscalter Leute sich Speise und Trank bezahlen ließen?«

»Oder anders gegeben hätten, als um Gottes willen« – brummte ihr Bruder vor sich hin; »bleib dabei, Schwester, bleib dabei!«

»Was schwatzest Du da wieder, Tropf?« sagte die liebreiche Schwester; »gib dem Weib die Münze wieder und freu Dich so heil davonzukommen; morgen ist sie vielleicht ein Stück Schiefer oder etwas Aergeres geworden.«

Der ehrliche Triptolemus nahm die Münze vom Tische, um sie der Sibylle wiederzugeben, konnte aber seines Staunens nicht Herr werden, als er das Gepräge darauf sah. Mit zitternder Hand reichte er sie der Schwester. »Ja,« sprach die Seherin abermals, als ob sie die Gedanken des erstaunten Paares auf ihren Gesichtern zu lesen vermöchte: »Ihr habt die Münze schon früher gesehen – gebt wohl acht, wie ihr sie braucht! – Geizigem Volk und Leuten kleinlicher Gesinnung bringt sie keinen Segen. Sie ward, wenn auch in Gefahr, so doch mit Ehren gewonnen, und ist gespendet worden, freigebig und in Ehren. Der Schatz, der unter kaltem Herde liegt, wird dereinst, gleich dem vergrabenen Talent, Zeugnis ablegen wider seine habsüchtigen Besitzer.«