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Diese letzte dunkle Anspielung schien die Angst und Verwunderung der Geschwister auf den Höhepunkt zu steigern. Der Bruder stammelte etwas, das sich wie eine Einladung anhörte, Norna möge in ihrem Hause übernachten oder doch wenigstens zum »Mittagessen«, oder, wie Barbara sich, als sie die große Gesellschaft und den kargen Inhalt im Topfe erwog, verbesserte, zu einem »Imbiß« bleiben ...

»Ich esse nicht hier, und ich schlafe nicht hier,« versetzte Norna; »ja, ich enthebe Euch nicht allein meiner Gegenwart, sondern werde Euch auch von Euren unwillkommenen Gästen befreien. – Mordaunt,« fügte sie hinzu, an den Jüngling sich wendend, »die schwarze Stunde ist vorüber, und Dein Vater erwartet Dich am Abend.«

»Führt Dich Dein Weg dorthin?« fragte Mordaunt; »ich will nur einen Bissen essen und Dir dann auf dem Wege Stütze sein, gute Mutter. Die Bäche müssen ausgetreten, die Wege werden voller Gefahren sein.«

»Unsere Wege liegen nach verschiedener Richtung,« versetzte die Sibylle, »und Norna bedarf auf ihrem Wege keines sterblichen Armes als Stütze. Gen Osten ziehe ich –zu Menschen, die meine Bahn zu ebnen wissen. Du aber, Bryce Snailsfoot,« wandte sie sich zu dem Hausierer, »eile nach Sumbourgh; der Roost wird Dir reiche Ernte, des Einbringens wohl wert, bereitet haben; es wird viel gute Ware auf neuen Eigentümer warten, und der einst in banger Sorge war, schläft ruhig im Meer und läßt Ballen und Kisten ans Ufer treiben.«

»Nun, gute Mutter,« antwortete Snailsfoot, »mir zuliebe wünsche ich niemand den Tod und bin der Vorsehung schon dankbar, wenn sie meinem geringen Gewerbe geringes Gedeihen schenkt. Aber freilich, des einen Verlust ist des andern Gewinn, und da Stürme das Land zerschellen, ist's nur recht und billig, daß die See uns segnet. So will ich denn, wie Ihr Mutter, ein Stück Brot und einen Schluck dazu nehmen, den guten Leuten hier guten Tag sagen und danken, und mich dann, Eurem Rate gemäß, auf den Weg nach Jarlshof machen.«

»Ha,« sagte die Seherin, »wo Aas ist, sammeln sich die Adler, und wo ein Wrack am Ufer liegt, kommt der Hausierer eilends daher, wie der Haifisch, der auf die Kadaver lauert.«

Bryce Snailsfoot, der Hausierer, verstand den Vorwurf – wenn ein solcher in den Worten der Seherin lag – nicht recht; denn sein Geist befaßte sich schon mit dem Profit, der ihm winkte; und während er nach Quersack und Elle griff, fragte er mit einer, in einem von der Kultur noch unbeleckten Lande nicht auffälligen Familiarität den jungen Mordaunt, ob er ihn begleiten wollte.

»Ich will noch bei Herrn Yellowley zu Mittag essen und also erst in einer halben Stunde aufbrechen.«

»So will ich immer gehen,« sagte der Hausierer, murmelte einen kurzen Segen, nahm, wie Babys scharfe Augen richtig schätzten, ungefähr zwei Drittel von dem Brote, tat einen langen Zug aus dem Bierkruge, schob eine Handvoll kleiner Fische, in Shetland »Silloch« genannt, die die Magd eben auf den Tisch gesetzt, in die Tasche und verließ hierauf die Stube.

»Fürwahr,« sagte Barbara, entrüstet ob solcher Plünderung, »Hausierermagen kann viel vertragen; schade, schade, daß hierzulande die Gesetze gegen die Landstreicherei so milde gehandhabt werden ... Daß man seine Tür anständigen Leuten nicht verschließen würde,« sagte sie, den Blick auf Mordaunt richtend, »besonders nicht, wenn ein Wetter haust, als sollte das jüngste Gericht anbrechen, versteht sich von selbst ... Aber da steht ja die arme Gans noch immer auf dem Tische.«

Mordaunt lachte über dieses Mitleid mit einem Wesen, das schon geraume Zeit in der Räucherkammer gehangen, rückte einen Sessel heran und sah sich nach Norna und dem Hausierer um, die aber beide verschwunden waren,

»Gut, daß sie fort ist, das böse Weib,« sagte Baby; »hat sie uns doch, zur ewigen Schande, das Geldstück dagelassen!«

»Still, um Himmels willen,« rief Tronda Dronsdaughter, »wer weiß, wo sie im Augenblicke sein mag: wenn wir sie auch nicht sehen, so hört sie uns doch vielleicht!«

Barbara sah sich erschrocken um, gewann aber auf der Stelle die Herrschaft wieder über sich, denn, wenn sie auch heftigen Sinnes war, so gebrach es ihr doch an Beherztheit und Mut nicht. – »Ich hab sie gehen heißen,« sagte sie, »und tue auch jetzt nicht anders, – mag sie mich hören oder sehen oder schon weit weg sein über Block und Stein. Und Du, einfältiger Tropf,« fuhr sie den Bruder an, »stehst da und glotzest? – willst in St.-Andrews studiert haben? lateinische Humanität, wie Du es nennst? und fürchtest Dich vor dem Gewäsch eines alten Bettelweibs? Sprich Dein bestes Dankgebet aus dem Kollegium, Trip, und mag sie eine Hexe sein oder nicht, das Mittagessen soll sie uns nicht verderben; und daß wir uns an ihrem Gelde bereichert hätten, soll niemand uns nachsagen können. Ich will es einem Armen geben, das heißt nach meinem Tode vermachen, bis dahin aber als Heckpfennig verwahren; das heißt doch nicht, es wie gewöhnliches Geld brauchen! Sag also Dein bestes Tischgebet her, Trip, und laß uns essen und trinken.«

»Weit besser wär es, Ihr betetet zu St.-Ronald und würfet einen Sixpence über die linke Schulter, Herr,« sagte Tronda.

»Damit Du ihn aufnehmen könntest, he?« rief die ewig schnippische Barbara; »denn bis Du auf andere Weise so viel verdientest, möcht's wohl sein Weilchen dauern. – Setz Dich, Trip, und laß das alberne Ding schwatzen!«

»Ob albern oder klug,« antwortete Yellowley beklommen; »sie weiß doch mehr, als mir lieb ist; und dann, was sie über den Herd sagte; – ich kann wahrlich nicht umhin, Schwester, zu denken« –

»Wenn Du nicht umhin kannst, zu denken,« erwiderte Baby, wieder schnippisch, »dann halte wenigstens den Mund – das wirst Du wohl können?«

Trip erwiderte hierauf nichts, sondern setzte sich zu dem kärglichen Mahle, verhielt sich aber als Wirt aufs herzlichste gegen seinen Gast, den ersten, der ungebeten gekommen, und den letzten, der sie verließ. Fische und Gans verschwanden so schnell, daß Tronda an dem Gerippe, das für sie bestimmt war, kaum noch etwas zum Knabbern fand. Triptolemus langte zum Abschluß des Mahles die Branntweinflasche aus dem Schrankwinkel; aber Mordaunt, mäßig wie sein Vater, sprach ihr wenig oder gar nicht zu, zumal die Begegnung mit Norna, und was er aus ihrem Munde vernommen, sein Verlangen, nach Hause zu gelangen, heftig erregt hatte, und ihm das Haus, trotz aller jetzt in solchen Flor getretenen Gastfreundlichkeit, keine Lust zu längerem Verweilen machte. Er nahm deshalb das Anerbieten seines Wirtes, dessen Kleider anzubehalten, mit dem Versprechen an, sie gegen die seinigen abholen zu lassen, und nahm freundlichen Abschied von Wirt und Wirtin, welch letztere sich über den Verlust ihrer Gans damit tröstete, daß sie wenigstens einem schmucken Jüngling zu gute gekommen war.

Siebentes Kapitel

Zwischen Stourbourgh und Jarlshof lagen zehn »stramme Meilen schottisch« – und wenn auch dem jungen Wanderer nicht, all jene Hindernisse in den Weg traten, die Tam–o'–Shanter auf seinem berühmten Rückmarsch vom Ayr begegneten, – so brauchte er doch soviel Zeit, die, die er fand, zu überwinden, daß er erst gegen elf Uhr nachts Jarlshof erreichte. – Rings um das Haus war alles still und finster, und er bekam erst Antwort, als er ein paarmal unter Swerthas Fenster gepfiffen hatte.

»Wer klopft denn zu solcher nächtlichen Stunde?« fragte sie, nachdem sie beim ersten Tone noch traumumfangen gemeint hatte, der junge Walfischfahrer sei es wieder, der einst vor vierzig Jahren bei ihr »gefensterlt« und sich immer durch Pochen gemeldet hatte – beim zweiten Schlag munter geworden war – und beim dritten sich erinnerte, daß Johnie Fraja schon viele, viele Jahre unter Grönlands Eise begraben liege. –

»Ich bin's,« antwortete der Jüngling.

»Und warum kommt Ihr nicht herein? Die Tür ist ja nur eingeklinkt, und im Herde glimmt Torf und ein Span liegt auch daneben.«