»Ganz gut und schön,« versetzte Mordaunt, »aber ich wollte wissen, wie es dem Vater geht.«
»Wie immer geht's – gefragt hat er nach Euch, der brave Herr – Ihr solltet doch nicht so weite und lange Spaziergänge machen, junger Herr.«
»Die finstere Stunde ist vorüber, Swertha?« fragte er.
»Jawohl, Herr Mordaunt,« antwortete die Haushälterin, »der Vater ist sogar recht vernünftig und gutmütig. Ich habe gestern zweimal mit ihm gesprochen; zuerst gab er die höflichste Antwort; dann sagte er, ich möchte ihn in Ruhe lassen, und da sagte ich mir, aller guten Dinge seien doch immer drei – und versuchte es noch einmal, aber da schalt er mich einen schwatzhaften alten Drachen.« »Genug, Swertha, genug,« rief Mordaunt, »nun steh aber auf und schaffe mir etwas zu essen, denn ich habe sehr schlecht heute zu Mittag gegessen.«
»Dann seid Ihr gewiß bei den neuen Leuten in Stourbourgh gewesen, denn ich wüßte sonst kein Haus auf all unsern Inseln, wo man Euch nicht das Beste vom Besten gäbe. Habt Ihr Norna vom Fitful-Head gesehen? Sie ging heute früh nach Stourbourgh, ist aber am Abend zurückgekommen.«
»Zurückgekommen? Also hier? Aber wie hat sie drei reichliche Meilen in so kurzer Zeit zurücklegen können?«
»Wer kann denn sagen, wie sie Wege zurücklegt?« antwortete Swertha. – »Aber gehört hab ich's mit eigenen Ohren, wie sie es dem Ranzelmann sagte, sie ginge heute nach Burgh-Westra, um mit Minna Troil zu sprechen, daß sie aber in Hafra – denn Stourbourgh nennt sie es nie – was gesehen hätte, das sie wieder hierher zurückzukommen bestimmte. Aber geht nur herein, Ihr sollt schon was zu essen finden.«
Mordaunt ging nach der Küche, und Swertha sorgte für ein reichliches, wenn auch einfaches Mahl, das ihn für die karge Stourbourgher Kost schadlos hielt.
Frühzeitig stand Mordaunt auf, aber doch, da er sich etwas erschöpft fühlte, später als gewöhnlich, so daß er, was sonst nicht der Fall war, seinen Vater bereits in dem Zimmer fand, wo sie zu essen pflegten.
»Du bist gestern nicht dagewesen, Mordaunt,« sagte der Vater, denn der Sohn wartete ehrfurchtsvoll, bis er angesprochen wurde – er war über acht Tage abwesend gewesen, hatte aber wiederholt bemerkt, daß seinem Vater, wenn er in seiner trüben Stimmung war, der richtige Zeitbegriff abhanden kam. Er sagte also einfach »Ja« auf die Frage des Vaters.
»Bist in Burgh-Westra gewesen, nicht wahr?« fragte der Vater wieder.
»Ja!« antwortete Mordaunt wieder.
Der Vater ging eine Zeitlang schweigend auf und ab – mit einem Gesicht so düster, wie wenn er wieder in seine Trübnis verfallen wollte. Plötzlich aber wandte er sich gegen seinen Sohn mit der Frage: »Magnus Troil hat zwei Töchter, – sie müssen schon erwachsen sein und gelten für schön; nicht wahr?«
»Ja, Vater, man hört so,« sagte Mordaunt, verwundert, daß der Vater sich nach Angehörigen eines Geschlechtes erkundigte, dem er im allgemeinen nicht wohlgesinnt war – aber seine Verwunderung wuchs noch bei der weitern Frage aus Vaters Munde, die ebenso kurz wie die erste gestellt wurde ...
»Und welche hältst Du für die schönere?«
»Ich, Vater,« antwortete der Sohn, nicht ohne Verlegenheit; »wahrhaftig! darüber kann ich nicht urteilen; ich habe noch keinmal darüber nachgedacht – sind doch beides hübsche Mädchen.«
»Du weichst der Frage aus, Mordaunt, und doch habe ich vielleicht Gründe, die es mir wünschenswert erscheinen lassen, Deinen Geschmack zu kennen. Unnütze Worte mache ich nicht gern. Ich frage Dich noch 'mal, welche von Magnus Troils Töchtern hältst Du für die schönere?«
»Aber, Vater« – antwortete Mordaunt – »Sie stellen mir solche Frage doch nur aus Scherz?«
»Junger Mensch,« entgegnete Mertoun, dessen Augen ungeduldig zu rollen anfingen, »ich frage nie zum Scherz, verlange aber Antwort auf meine Frage.«
»Ja, da wird mir die Antwort schwer, Vater, wenn nicht unmöglich,« sagte Mordaunt, »denn, wie gesagt, sie sind beide hübsch, jede auf ihre Art – doch sich durchaus nicht ähnlich – Minna ist dunkel und ernster als ihre Schwester, aber nicht grämlich oder gar düster.«
»Hm,« sagte der Vater: »Du bist ernst gezogen; also gefällt Dir Minna am besten?«
»Nein, Vater, ich kann ihr keinen Vorzug vor Brenda, ihrer Schwester, geben, die fröhlich ist wie ein Lamm am Frühlingsmorgen; nicht so groß wie ihre Schwester, doch ebenso schön gebaut und eine vortreffliche Tänzerin.«
»Die sich am besten schickte, einen jungen Menschen, dem bei seinem trübsinnigen Vater zu Hause die Zeit lang wird, aufzuheitern,« sagte Mertoun.
Mordaunt war es an seinem Vater gewöhnt, daß er ein Thema, das seiner Gedankenrichtung wenig entsprach, nach allen Seiten hin ausspann; er begnügte sich deshalb noch einmal, zu sagen, daß die beiden Mädchen Muster von Schönheit seien, daß er sie aber nie miteinander in Parallele gestellt habe, und daß mithin manch anderer vielleicht besser auf solche Frage Antwort geben könnte als er, zumal er bei keiner eine auszeichnende Eigenschaft zu nennen wüßte, die nicht durch eine andere Eigenschaft der andern aufgewogen würde.
Wohl möglich, daß die Ruhe, mit der Mordaunt diese Antwort gab, dem Vater die gewünschte Befriedigung nicht brachte; Swertha trat aber jetzt mit dem Frühstück ein, und Mordaunt langte trotz der späten Stunde so kräftig zu, daß der Vater bald einsehen lernte, die Fragen, die er ihm gestellt, gälten ihm weit geringer. Die Hand über die Augen haltend, sah er dem Jüngling unverwandt zu; keine Bewegung desselben verriet indes Befangenheit oder das Bewußtsein, beobachtet zu werden; alles vielmehr an ihm war frei, ungezwungen, offen...
»Sein Gemüt ist noch rein und lauter,« sagte Mertoun vor sich hin; »seltsam, daß ein hübscher, munterer, junger Mensch in seinen Verhältnissen Schlingen entgangen sein sollte, in denen sich doch die ganze Welt fängt.«
Nach beendigter Mahlzeit hieß der Vater nicht, wie es sonst bei ihm Gewohnheit war, den Sohn zu diesem oder jenem Studium greifen, sondern nahm Hut und Stock, forderte Mordaunt auf, mit ihm aufs Vorgebirge hinauszuwandern, da er sich das Meer ansehen wolle, das von dem Sturme des vorigen Tages noch in großer Bewegung sein müßte. Mordaunt, noch in dem Alter, wo der Mensch alle sitzende Arbeit gern mit Beschäftigung im Freien vertauscht, sprang sogleich auf, des Vaters Befehl zu gehorchen; und nach wenigen Minuten schon stiegen sie den Hügel hinan, der von der Landseite her einen langen, steilen, mit Gras bestandenen Abhang bildete, vom Gipfel aber zum Meere hinunter in einem schroffen, grausigen Schlunde abstürzte. Es war ein wunderschöner Tag – die Luft ging nur leise noch, so daß sich die Wölkchen, die noch am Himmel sichtbar waren, kaum bewegten – über der kahlen endlosen Landschaft lag etwas wie ein Zauber, der – eine Wirkung des Wechsels zwischen Licht und Schatten, – ihr zeitweilig etwas von der Mannigfaltigkeit eines wohlausgebauten Kulturbodens lieh, und doch war alles bloß wildes Moor, und Felsen und Buchten breiteten sich immer weiter vor ihnen aus, je höher sie hinanklommen.
Der Vater blieb oft stehen und sah sich um – eine Zeitlang glaubte der Sohn, in der Absicht, die Schönheit des Bildes zu genießen, während des Steigens aber ward er inne, daß des Vaters Atem kürzer und seine Schritte schwank und schwer wurden; nicht ohne Unruhe erkannte er, daß ihn das Bergsteigen stärker angriff als ehedem. Ohne ein Wort zu sprechen, reichte er ihm den Arm, und schweigend nahm der Vater die dargebotene Hilfe, indes nur einige Minuten; denn plötzlich, beinahe rauh, stieß er den Sohn von sich, und als ob ihm irgend ein Gedanke, der ihm einfiel, doppelte Kräfte liehe, stieg er mit so großen und schnellen Schritten weiter hinauf, daß es dem Sohne schwer wurde, ihm zur Seite zu bleiben. Er kannte den Vater zur Genüge und wußte, daß ihn derselbe, trotz aller Fürsorge, die er auf seine Erziehung wandte, eigentlich nicht liebte – der Vater aber schien den garstigen Eindruck nicht zu bemerken, den seine Unfreundlichkeit auf die Empfindungen seines Sohnes hervorbrachte. Sie hatten inzwischen den Kamm erreicht. Hier blieb der Vater stehen und sagte in einem gleichgültigen Tone, der sich nicht natürlich anhörte: