»Mordaunt, da Dir so wenig daran liegt, auf diesen wilden Inseln zu bleiben, hast Du wohl schon daran gedacht, Dich einmal in der Welt umzusehen?«
»Ich könnte nicht sagen, Vater,« erwiderte Mordaunt, »daß mir solcher Einfall schon einmal gekommen wäre.«
»Und warum nicht, Junge?« fragte der Vater; »ich dächte, in Deinem Alter wäre er nur natürlich. Mir wenigstens konnte, als ich so alt war wie Du, das schöne lachende England kaum genügen, geschweige denn solches Torfmoor wie dieses.«
»Shetland zu verlassen, Vater, ist mir nie in den Sinn gekommen,« versetzte Mordaunt, »ich fühle mich hier wohl und glücklich und habe Freunde. Und auch Dir, Vater, möchte ich wohl zuweilen fehlen ...«
»Daß Du aus Liebe zu mir hier bleibst oder bleiben wollest,« erwiderte der Vater barsch, »wirst Du mir doch nicht einreden wollen?«
»Warum nicht, Vater?« sagte Mordaunt ruhig – »ich hielt es für Kindespflicht und habe, wie ich hoffe und wünsche, bis jetzt nicht dagegen verstoßen.«
»Ja so,« wiederholte der Vater in gleichem Tone, »Deine Pflicht – Deine Kindespflicht – ist's ja auch Hundespflicht, an demjenigen Diener vom Hause zu hängen, der ihn füttert.«
»Und tut er nicht immer so?« sagte Mordaunt.
»Ja doch,« sagte der Vater, den Kopf abwendend, »aber zu wedeln pflegt er nur bei Leuten, die ihn liebkosen.«
»Ich kann mich nicht besinnen,« sagte der Sohn, »daß ich es an Liebe hätte fehlen lassen.«
»Nichts mehr davon,« rief Mertoun kurz; »wir haben beide lang füreinander getan, was sein mußte, und – wir müssen uns nun trennen, – brauchen wir Linderung im Trennungsschmerze, mag dieser Gedanke sie uns geben.«
»Ich werde nie ermangeln, Ihren Wünschen gerecht zu werden,« sagte Mordaunt, mit der Aussicht, die Welt zu sehen, nicht unzufrieden; »ich soll doch sicher mit einer Walfischfahrt den Anfang machen?« »Walfischfahrt?« wiederholte der Vater: »ei, das wäre der rechte Weg, die Welt zu sehen; aber Du redest, wie Du es verstehst – lassen wir die Sache! Wo hast Du in dem Sturme gestern Unterkommen gefunden?«
»In Stourbourgh, beim neuen Verwalter aus Schottland,«
»Ein pedantischer, überspannter Pläneschmied,« sagte Mertoun; »und wen trafst Du dort?«
»Seine Schwester,« erwiderte Mordaunt; »und die alte Norna vom Fitful-Head.«
»Was! die Norna? die soviel Zaubersprüche kennt?« versetzte Mertoun mit höhnischem Lächeln, »die den Wind wenden kann, wenn sie ihr Kopftuch auf die Seite zieht, wie König Erich, wenn er die Mütze wendete? Die Frau macht große Touren – wie geht es ihr? Hat sie schon Reichtümer damit erworben, daß sie denen, die in den Hafen einlaufen wollen, günstigen Wind verkauft?«
»Ich weiß es nicht, Vater,« sagte Mordaunt, den gewisse Erinnerungen abhielten, auf diese Stimmung einzugehen.
»Du meinst, die Sache sei zu ernst für Scherze, vielleicht auch die Ware zu gering, sich darum zu härmen,« fuhr Mertoun mit dem gleichen Spott fort, »besinne Dich aber genauer! Wird nicht alles in der Welt gekauft und verkauft; warum nicht der Wind, wenn der Kaufmann Käufer dafür finden kann? Die Erde ist verpachtet, von ihrer Oberfläche bis zu den Bergwerken in ihrem Innersten; das Feuer und die Mittel, es zu nähren, werden gekauft und verkauft; die Armen, die das wilde Meer mit ihren Netzen durchschiffen, bezahlen das Vorrecht des Ertrinkens mit einem Zoll . . . Weshalb sollte die Luft von dem allgemeinen Handel ausgeschlossen bleiben? Alles über der Erde hat seinen Preis, seine Käufer, seine Verkäufer. In vielen Läden verkaufen Dir die Priester einen Teil des Himmels, – in allen Ländern sind die Menschen bereit, die Hölle zu kaufen für Gesundheit, Reichtum, Gewissensfreiheit: warum sollte Norna nicht auch den Handel treiben, der ihr paßt?«
»Ich wüßte keinen Grund dagegen,« versetzte Mordaunt, »nur meine ich, es wäre besser, sie schlüge ihre Ware in kleinen Mengen los. Gestern trieb sie Großhandel, und wer sich mit ihr einließ, bekam für sein Geld zu viel.«
»So ist es,« sagte der Vater, am Rande des wilden Vorgebirges stehen bleibend, das sie erreicht hatten; »die Spuren davon sind noch sichtbar!«
Als Vater und Sohn von der aus weichem, bröckligem Sandstein bestehenden Höhe auf das Meer hinunterschauten, schlug die Flut noch dröhnend wider das Ufer, und das Auge schwindelte, wenn es in die Wogen hinabblickte, die allem, was in ihre Gewalt geriet, mit jäher Zerstörung drohten. Der Anblick der Natur in ihrer Pracht, in ihrer Schönheit, oder in ihrem Schrecken hat immer etwas Ueberwältigendes, dessen Eindruck selbst die Gewohnheit nicht schwächen kann; und Vater und Sohn setzten sich auf die Klippe, dem ungemessenen Kampf der Wogen, die noch immer gegen den Schlund des Ufers rasten, zuzuschauen.
Auf einmal sprang Mordaunt, dessen Auge schärfer, dessen Aufmerksamkeit wahrscheinlich reger war, als die seines Vaters, empor und rief: »Gott im Himmel, ein Fahrzeug im Rooft!«
Mertoun blickte nach Nordwesten und sah einen Gegenstand in der schäumenden Flut... »Es zeigt kein Segel,« sagte er, und gleich darauf, als er durch sein Fernglas gesehen hatte, fügte er hinzu: »Es ist entmastet und liegt als Wrack auf dem Wasser.«
»Und treibt auf Sourbourgh-Head zu,« rief Mordaunt entsetzt, »ohne jede Hilfe, das Vorgebirge zu umschiffen.«
»Es liegt tot,« sagte der Vater, »wahrscheinlich ist es von der Mannschaft verlassen.«
»An einem Tage, wie gestern,« sagte Mordaunt, »in einem Sturm wie gestern, wo kein offenes Boot die See halten konnte, müßten alle, auch die besten Leute, die je ein Ruder geführt, in die Tiefe gegangen sein.«,
»Sehr wahrscheinlich,« erwiderte sein Vater mit ernster Fassung, »aber später oder früher hätten doch alle untergehen müssen. Was liegt daran, ob der große Vogelsteller, dem nichts entrinnt, sie auf einmal oder einzeln in seine Krallen bekam? Was liegt daran? Schiffsdeck und Schlachtfeld haben nicht mehr Gefahr für uns als Tisch und Bett, und der Mensch entgeht dem einen nur, um, bis er im andern stirbt, ein armseliges Dasein weiter zu fristen. Ich wollte, die Stunde wäre auch für mich schon da! ... Kind, Du wunderst Dich über solche Betrachtungen, weil Dir das Leben noch neu ist; doch auch mit Deinen Gedanken werden sie, ehe Du mein Alter erreichst, verwachsen sein.«
»Ein solcher Widerwille gegen das Leben,« erwiderte Mordaunt, »ist doch nicht eine notwendige Folge vorgerückten Alters?«
»Für solche, die Verstand genug besitzen, es nach dem wirklichen Werte zu schätzen, doch!« antwortete Mertoun; »solche wie Magnus Troil, die infolge ihrer tierischen Neigungen Geschmack an der Sinnesbefriedigung finden, werden vielleicht, wie die Tiere, schon durch das Dasein an sich satt.« Mordaunt gefiel weder Rede noch Beispiel. Er war der Ansicht, daß ein Mann, der seine Pflichten gegen andere so redlich erfüllte wie der gute alte Udaller, auf seinen Platz an der Sonne ganz ebensoviel, wenn nicht größeres Anrecht habe als andere, die mit Fühllosigkeit prunkten. Aber er wußte, daß Disputieren den Vater aufbrachte; deshalb schwieg er und wendete seine Aufmerksamkeit abermals auf das Wrack.
Mehr als Wrack war es wohl kaum, was jetzt in der Mitte der Strömung trieb, dem Fuße der Klippe zu, an deren Rand sie standen. Aber geraume Zeit verging noch, bis sie das Ding wirklich erkennen konnten, das sie zuerst nur als schwarzen Fleck im Wasser gesehen hatten – das, näher kommend, Aehnlichkeit mit einem Walfisch aufwies, der bald die Rückenflosse über das Wasser hebt, bald seine große schwarze Seite zeigt, – das aber jetzt deutlich die Gestalt eines Schiffes zeigte, das von den gewaltigen Wogen, die es der Küste zutrugen, bald über den Spiegel des Meeres gehoben, bald in seine Tiefen hinuntergerissen wurde. Es war ein Schiff von zwei- bis dreihundert Tonnen, zur Verteidigung eingerichtet, denn man konnte die Stückpforten sehen; in dem Sturme am vorigen Tage mochte es die Masten verloren haben, und trieb nun voll Wasser auf den Wellen, eine Beute ihrer Wut. Die Mannschaft schien die Unmöglichkeit, das Schiff zu lenken oder durch Pumpen zu retten, erkannt und in den Booten Zuflucht gesucht zu haben, ihr Schiff seinem Schicksal überlassend ... Und doch konnten Mertouns, Vater und Sohn, nicht ohne ein Gefühl von Beklommenheit dies Schiff betrachten, jenes seltene Meisterstück menschlichen Geistes, das den Sohn der Erde zum Herrn über die Welt macht, das ihn in stand setzt, mit Wind und Sturm auf den Wogen zu kämpfen, und doch jeden Augenblick in Gefahr setzt, von ihnen zerschellt und verschlungen zu werden.