Jetzt kam sie heran, die große, schwarze Masse, mit jeder Fadenlänge an Größe wachsend, auf einer mächtigen Woge getragen, die jetzt samt ihrer Last gegen den Felsen prallte; die Elemente hatten über das Werk von Menschenhand den Sieg errungen – noch einmal trat das zertrümmerte Schiff in seiner vollen Größe in Sicht, als es wider die Wand getragen wurde – als aber die Woge zurück von der Wand prallte, trug sie kein Schiff mehr, nur Balken, Planken, Tonnen, Trümmer ...
Da war es Mordaunt mit einem Male, als sähe er auf einer Planke oder einem Fasse einen Menschen abwärts von der Hauptströmung auf eine seichtere Stelle zu treiben, wo sich die Wellen mit geringerm Ungestüm brachen ... »Er lebt noch – er kann noch gerettet werden!« rief der Jüngling – in der andern Sekunde schwang er sich von der Platte auf einen Vorsprung, – mehr einem Sturze glich der Schwung als einem Sprunge – und, die Spalten, Risse, Zacken des Felsens benutzend, klomm er hinunter in die Tiefe.
»Halt, unbesonnener Knabe!« rief der Vater, »dieses Wagestück bringt Dir den Tod .. Halt, ich befehle es Dir – und nimm den sichern Pfad zur Linken.«
Aber Mordaunt war schon zu weit vorwärts gedrungen, um noch zurück zu können ...
»Und warum sollte ich ihn hindern?« sagte der Vater, dessen strenge Denkweise keine Sorge aufkommen ließ. »Fände er jetzt den Tod in dem edlen großen Gefühle, durch Aufgebot seiner besten Kräfte die Rettung eines Mitmenschen versucht zu haben – fände er jetzt den Tod: entrönne er dann nicht Menschenhaß, Gewissensbissen, Alter, und der Empfindung der von Seele und Leib schwindenden Kraft? – Aber den Blick muß ich von dem Vorgange abwenden – denn ich kann nicht Zeuge sein, wie diese jugendliche Flamme jäh verlischt.«
Er trat von dem Abhange zurück, in eine Spalte zur Linken, »Erichs Stufen« genannt, die zwar weder sicher noch bequem, aber der einzige Pfad war, den die Bewohner von Jarlshof einschlugen, wenn sie an den Fuß des Felsens gelangen wollten.
Lange vor Mertoun, der nun das obere Ende des Pfades erreichte, hatte sein kühner, gewandter Sohn das gefahrvolle Unternehmen vollführt, das er begonnen – alle Schwierigkeiten, die er auf der Höhe nicht geahnt, bis zur grausen Tiefe hinunter besiegend – mehr denn einmal glitt sein Fuß auf der weichen, bröckligen Masse; Blöcke, auf denen er fußen wollte, rutschten mehr denn einmal und rollten in das Meer oder stürzten ihm nach, als ob sie ihn mit sich reißen wollten ... Sieben lange, bange Minuten, – dann stand er am Fuße der Klippe auf einem kleinen, von Steinen, Sand und Kies gebildeten Vorsprung, der sich in die See, die den Fuß der Klippe bespülte, hinausstreckte, – bis hin zu dem Fuße zur Linken, den »Erichs-Stufen«, auf denen sein Vater den Abstieg versuchte.
Als das Schiff zerschellte, hatte das Meer alles verschlungen, was nach dem letzten Stoße noch auf den Wellen trieb, ein paar Trümmer ausgenommen, die ein starker Strudel dort an das Land geworfen hatte, wo Mordaunt jetzt stand. Darunter entdeckte sein scharfes Auge bald das Ding, das zuerst seine Aufmerksamkeit auf sich gezogen, und das er jetzt in der Nähe wirklich für einen Menschen in verzweifeltster Lage erkannte – der die Arme krankhaft um den Pfosten geschlungen hielt, an den er sich im Augenblick des Ertrinkens geklammert hatte, – dem das Bewußtsein fehlte, – der keiner Bewegung mehr fähig war – und dessen Tod jetzt unvermeidlich schien.
Mordaunt sah es – Mordaunt sah die Woge nahen, die den Unglücklichen ins Meer hinaus führen mußte, wenn sie ihn beim Rückprall von der Felswand faßte – und im andern Momente rang Mordaunt mit der Brandung um den Körper; aber die Stärke der zurückrollenden Wogen war größer, als er gerechnet hatte, er mußte einen harten Kampf bestehen für sein eigenes und des Fremden Leben, um nicht in das offene Meer hinausgetrieben zu werden, wo er, trotzdem er ein gewandter Schwimmer war, von der Flut unrettbar entweder zerschmettert oder in die Tiefe hinunter gerissen worden wäre .. doch Mordaunt hielt stand mit übermenschlicher Kraft – und entrang der Flut den Leib; denn ehe die zweite Welle zum Angriff wiederkehrte, hatte er Leib und Planke auf den Streifen trocknen Sandes gezogen, der ihm am Fuße der Klippe als erster Standort gedient hatte ... Wie aber den Funken des verlöschenden Lebens festhalten – wie ihn anfachen – wie den Unglücklichen, den fast schon Todesstarre befallen, – an einen sicheren Ort schaffen? Das waren Fragen, auf die Mordaunt keine Antwort fand. Er blickte zur Spitze der Klippe hinauf, wo er den Vater zurückgelassen, und rief diesen um Beistand an; sein Auge aber konnte ihn nicht entdecken, und nur Geschrei von Seevögeln gab ihm Antwort ... Noch einmal blickte er den Schiffbrüchigen an; er trug ein nach der Art jener Zeit reich mit Tressen besetztes Kleid, feines Linnen und Ringe an den Fingern: Dinge, welche bewiesen, daß es ein Mann von hohem Range sei; sein bleiches, entstelltes Gesicht zeigte Jugend und Anmut; er atmete noch, aber so schwach, daß man kaum eine Spur von Hauch bemerken konnte; das Leben schien nur noch an einem dünnen, dünnen Faden zu hängen, der zu zerreißen drohte, wenn er nicht bald Halt fand oder verstärkt würde. Ihm die Halsbinde lösen, das Gesicht gegen den Wind drehen, ihn mit den Armen stützen, war alles, was Mordaunt zu seinem Beistande tun konnte, während er sehnlichst nach jemandem ausschaute, der ihm hälfe, den Unglücklichen an einen sichern Platz zu schleppen ...
Da sah er einen Mann langsam und vorsichtig am Ufer entlangkommen. Im ersten Augenblick meinte er, es sei sein Vater; doch gleich darauf fiel ihm ein, daß dieser den weiteren Weg, den er genommen, noch nicht zurückgelegt haben könnte; er sah nun auch, daß der Mann kleiner war; und bald erkannte er nun den Hausierer, den er tags vorher in Hafra getroffen und schon bei frühern Gelegenheiten kennen gelernt hatte.
»Holla, Bryce! hierher, Bryce!« rief er, so laut er konnte – der Hausierer aber dachte nur an Trümmer, die er aus dem Meere fischen könne – und schien der Rufe nicht zu achten; als er aber endlich Mordaunt nahe genug war, daß er dessen Rufe nicht mehr ungehört verhallen lassen konnte, hob er nicht die Hand zur Hilfe, sondern öffnete den Mund, um Mordaunt zu schmähen ...
»Seid Ihr toll?« rief er; »habt Ihr darum solange auf Shetland gelebt, daß Ihr es wagen wollt, einen Ertrinkenden zu retten? Wißt Ihr nicht, daß er Euch gewiß ein Leid zufügt, wenn Ihr ihn wieder ins Leben zurückbringt? – Kommt, Mordaunt, und leiht mir Eure Hilfe zu besserer, klügerer Tat! Laßt uns ein Paar von den Kisten am Ufer bergen, ehe andere sie uns wegfischen, und teilen, was Gott uns spendet, und ihm danken für seine Gnade.«
Mordaunt, mit dem sonderbaren Aberglauben nicht unbekannt, der in früheren Zeiten wirklich unter den niederen Shetländern herrschte, und vielleicht um so mehr Anhänger fand, als er zum Vorwand dienen konnte, unglücklichen Opfern des Meeres Beistand zu versagen, während man ihre Güter plünderte, – Murdaunt folgte dem Blicke des ehrlichen Handelsmannes und sah nun eine große, starke Schiffskiste, die aus fremdem, scheinbar indischem Holze gezimmert und das Meisterwerk irgend eines Zimmermanns in fernen Landen zu sein schien; denn ihr durch Messingplatten wohlverwahrtes starkes Schloß widerstand allen Anstrengungen des kleinen Mannes, dem es inzwischen gelungen war, sie aus dem Meere ans Land zu ziehen, und allerhand Versuche machte, sie zu öffnen, bis er zuletzt Hammer und Meißel aus seinem Sacke langte und die Haspen loszuschlagen anfing.