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Mordaunt, außer sich über die Selbstsucht und Unbarmherzigkeit Snailsfoots, griff nach einem neben ihm treibenden Querholz, bettete den Schiffbrüchigen sanft auf den Sand und trat mit drohender Miene auf den Hausierer zu... »Auf der Stelle hilfst Du mir, den Unglücklichen ins Leben zurückrufen, oder ich zerschlage Dir nicht bloß alle Knochen im Leibe, sondern zeige Dich Unmenschen bei Magnus Troil als Strandräuber an, damit er Dich auspeitschen lasse und von Shetland verbanne.«

Eben hatte sich der Deckel von der Kiste gelöst, und allerhand schöne Sachen, zu Lande wie auf See gut brauchbar – Hemden einfach und mit Spitzen-Manchetten, ein silberner Kompaß, ein Degen mit silbernem Griffe, und andere Gegenstände von Wert, – traten vor die gierigen Augen des Hausierers, der sich über ihren Handelswert keine Sekunde im Zweifel befand – da drang ihm Mordaunts Drohung in die Ohren – und fuchswild, sich über solch schöner Beute gestört zu sehen, wollte er eben aufspringen und seinen Degen ziehen, der zugleich Stoß und Hiebdegen war – schon hatte Mordaunt seine Drohung, grimmiger als zuvor, wiederholt und den Hausierer, der zwar klein, aber ein starker vierschrötiger Wicht war und noch in der Vollkraft der Jahre stand, zudem besser bewaffnet war als er, von neuem aufgefordert, ihm bei der Bergung des Schiffbrüchigen zu helfen – schon hatte Bryce Snailsfoot, nach trotziger Antwort, daß er sich das Fluchen verbiete und nicht Hand an sich legen lasse, eher dem jungen Grünschnabel einen Denkzettel geben wolle, an dem er von heute bis Weihnachten zu knabbern haben solle – schon war Mordaunt im Begriff, es darauf ankommen zu lassen und den Mut des Hausierers auf die Probe zu stellen, – als plötzlich hinter ihm eine Stimme ein lautes »Halt!« rief. Es war die Stimme der Norna vom Fitful-Head ... Unbemerkt von dem in Streit geratenen beiden Männern, hatte die Seherin sich ihnen genähert. Laut wiederholte sie »Halt!« und wandte sich drohend an Bryce Snailsfoot: »Leiste dem jungen Mordaunt den Beistand, den er begehrt; denn ich sage Dir, daß Dir besserer Vorteil daraus erwachsen wird als aus der Beute, die Deine Augen blendet.«

»Es ist Leinwand von feinstem Gewebe,« sagte der Hausierer, der schon eins der Hemden mit jener Kennermiene befühlt hatte, mit der Frauen und Sachverständige ein Gewebe taxieren; »stark wie Doppelleinwand. Immerhin will ich Euch, Mutter, zu Willen sein; hätt ich ja auch schon dem jungen Herrn seinen Willen getan,« setzte er hinzu, seinen bisherigen Trotz aufgebend und einen dienstwilligen Ton anschlagend, wie er ihn gegen seine Kunden brauchte, »hätte er bloß nicht gar so gotteslästerliche Flüche ausgestoßen.« Eine Flasche aus der Tasche ziehend, näherte er sich dem Schiffbrüchigen ... »Branntwein von bester Sorte,« sagte er, »und wenn ihn der nicht wieder ins Leben ruft, so weiß ich nicht, was wir machen sollen.« Als wenn er den heilsamen Trank auf seine Güte hin erst noch einmal erproben wolle, setzte er zunächst die Flasche an die eigenen Lippen und wollte eben dem Manne ein Paar Tropfen einträufeln, als er auf einmal mit der Hand zurückfuhr und sagte: »Norna, Ihr bürgt mir für alles, was mir durch ihn und seinetwegen geschehen könnte, wenn ich ihm helfe? – Ihr wißt selbst am besten, Mutter, was für Rede bei den Leuten umgeht.«

Statt einer Antwort nahm ihm Norna die Flasche aus der Hand und rieb dem Schiffbrüchigen Schläfe und Hals, während sie Mordaunt sagte, wie er ihm den Kopf halten müsse, damit er das geschluckte Seewasser von sich geben könne.

Eine Weile sah der Hausierer, ohne ein Hand zu rühren, der Arbeit der beiden zu; dann sagte er: »Na, die schlimmste Gefahr ist ja hinter mir, da er ja nicht mehr im Wasser, sondern am Ufer liegt; am meisten zu fürchten haben ja immer die, die einen Schiffbrüchigen zuerst anfassen. Aber man kann doch nicht mit ansehen, wie dem armen Menschen die Ringe in die Finger schneiden; seine Hand ist ja schon blau, wie ein Krabbenbuckel vorm Kochen.« Mit diesen Worten nahm er eine der kalten Hände, deren Zittern eine Spur von zurückkehrendem Leben verriet, und machte sich an sein Werk der Barmherzigkeit, die Ringe, die ihm von Wert Zu sein schienen, dem Ohnmächtigen von den Fingern zu ziehen.

»Wenn Dir dein Leben lieb ist, laß ab,« rief Norna, ernst die Hand aufhebend, »oder ich gebe Dir was zu kosten, das Dir das Wandern auf unserer Inselflur versalzen soll.«

»Um Gottes willen, Mutter, kein Wort mehr,« antwortete der Hausierer. »Ich will ja alles tun, was Ihr fordert. Es wäre gar zu großes Unglück für mich, wenn ich nicht meinen Handel weiter treiben könnte, der mir mein ehrliches Brot bringt und auch mir sichert, was uns die Vorsehung an die Küste treibt.«

»Dann sei ruhig,« erwiderte die Frau; »und nimm den Mann auf Deine breiten Schultern. An seinem Leben ist viel gelegen, und Dein Lohn soll Dir werden.«

»Lohn tut freilich not,« versetzte der Hausierer, dessen Blicke wieder auf der Kiste und ihrem reichen Inhalt ruhten; »denn ich habe heute mehr eingebüßt, als ich gebraucht hätte, um für den Rest meines Lebens ein Mann zu werden, der sich sehen lassen könnte. Statt dessen muß nun alles hier liegen bleiben, bis es die nächste Flut in die Strömung reißt, hinter denen her, die gestern noch Herren darüber waren.«

»Sei unbesorgt,« sagte Norna »zu statten kommen wird's schon jemand! Sieh, da kommen schon die Aasvögel, die kein minder scharfes Auge haben als Du.«

Der Hausierer sah, tief aufseufzend, Leute aus Jarlshof zum Strande rennen, die sich ihren Anteil an der Beute sichern wollten, die der Sturm ihnen beschert hatte ... »Ja, ja,« sagte er, »die Jarlshofer werden bald aufgeräumt haben, sind sie doch weit und breit bekannt dafür, daß sie keine verweste Ratte zurücklassen – dabei hat keiner von ihnen eine Bohne Verstand für die Ware, die ihm in den Schoß fällt, wie zum Beispiel der alte Ranzelmann Neil Ronaldson, der keinen Fuß zur Predigt hebt, aber zehn Meilen weit humpelt, wenn er hört, daß sein Schiff auf den Strand geraten.«

Norna schien aber solche Gewalt über den Hausierer zu besitzen, daß er nicht mehr zauderte, den Mann, der jetzt deutliche Spuren von zurückkehrendem Leben gab, auf die Schultern zu nehmen, und mit Mordaunts Hilfe am Strande entlangtrug. Einen Moment lang schlug der Fremde die Augen auf, hob die Hand, um auf die Kiste zu zeigen, und schien etwas stammeln zu wollen, worauf Norna sagte: »Schon gut, schon gut! sie soll nicht abhanden kommen,«

An den Erichs-Stufen, die sie hinansteigen mußten, trafen sie die Leute von Jarlshof, die in entgegengesetzter Richtung gekommen waren und Norna ehrerbietig, zum Teil auch scheu und ängstlich, Platz machten.

Kaum ein paar Schritte waren sie hinter ihnen, als Norna sich umdrehte und dem Ranzelmanne, der sich – trotzdem die Angelegenheit mehr in Brauch und Sitte, als auf gesetzlichem Boden fußte, – den Leuten aus dem Orte angeschlossen hatte, zurief: »Neil Ronaldson, höre, was ich dir sage: Von dem Kasten dort, dessen Deckel eben abgesprengt worden, wird nichts genommen! Du stehst mir dafür, daß er unversehrt nach Deinem Hause in Jarlshof gebracht wird. Des Todes ist, der einen Blick hineintut!«

»Euer Wille soll unser Gesetz sein, Mutter,« sagte Ronaldson; »ich stehe dafür ein, daß alles geschehen soll, wie Ihr es wünschet,«

Weit hinter den andern aus dem Dorfe her kam eine Greisin gehumpelt, im lauten Selbstgespräch ihre Gebrechlichkeit verwünschend, aber mit aller Kraft, deren ihr Körper noch fähig war, dem Strande zustrebend, um sich ihrem Teil an der Beute zu sichern.

Zu seinem nicht geringen Erstaunen erkannte jetzt Mordaunt in ihr seines Vaters alte Haushälterin ... »Ei, ei, Swertha,« rief er; »was willst Du so weit vom Hause?«

»Ich wollte bloß nach dem alten Herrn sehen und nach Euer Gnaden,« antwortete Swertha, betreten wie eine arme Sünderin, die auf frischer Tat ertappt worden – sie hatte wohl auch Ursache zu Furcht, denn Mordaunts Vater hatte sich wiederholt sehr mißfällig über den Brauch geäußert, dem auch sie jetzt frönte. Aber Mordaunt war zu sehr mit seinen eigenen Gedanken beschäftigt, als daß er sich lange mit ihr hätte aufhalten sollen. – »Hast Du meinen Vater gesehen, Swertha?« fragte er.