»Ja,« antwortete diese. »Der Herr wollte die Erichs-Stufen hinunterklettern – was aber sein Tod gewesen wäre, denn das ist kein Weg für Leute von seinem Alter. Er ist meinem Rate gefolgt und heimgegangen – und um Euch zu sagen, junger Herr, daß Ihr Euch in das Herrenhaus begebt, und nach ihm seht – bin ich hier.«
»Ist Vater nicht wohl?« rief Mordaunt, sich jetzt der Schwäche erinnernd, die er auf dem Frühgange mit dem Vater an ihm bemerkt hatte.
»Gar nicht wohl – gar nicht wohl,« ächzte Swertha, wehleidig den Kopf schüttelnd. – »Kreideweiß hat er ausgesehen – und da fällt's ihm noch ein, die Riva hinabzusteigen!«
»Geh heim, Mordaunt,« – sagte Norna, die das Gespräch mit angehört hatte. – »Ich werde dafür sorgen, daß dem Schiffbrüchigen alle Pflege zuteil werde. Du triffst ihn, wenn Du ihn sehen willst, beim Ranzelmann; mehr als Du für ihn getan, kannst Du ja doch nicht tun!«
Mordaunt fühlte die Wahrheit dieser Worte und eilte, Swertha befehlend, mitzukommen, schnellen Schrittes nach Hause. Die Greisin humpelte unwillig hinter ihrem Herrn her; kaum aber war er aus Sehweite, so machte sie Kehrt, vor sich hin brummend: »Was? die beste Gelegenheit, die mir seit Jahren geboten worden, zu einem neuen Mantel und Rock zu kommen, sollte ich mir rauben lassen? – Nein, da sei Gott vor! So reich gesegnet ist unser Strand nicht! Wir haben ja solch Schiff nicht mehr zerschellen sehen seit König Karls Zeiten.«
So schnell die Beine sie tragen wollten, und von dem willigen Geist gestützt, der ihr schwaches Fleisch besiegte, hatte sie bald den Strand erreicht, wo der Ranzelmann, sich selbst die Taschen füllend, die andern mahnte redlich zu teilen und auch der Armen und Blinden zu gedenken, damit Gott, wie er andächtig bemerkte, ihre Küste auch weiter segne. –
Achtes Kapitel
Mordaunt hatte den Jarlshof bald erreicht. Hastig trat er ein und schweren Herzens, denn was er am Morgen am Vater wahrgenommen, konnte die Besorgnis, die Swertha durch ihre Worte wachgerufen, nicht verringern. Er fand den Vater in seiner Stube, erschöpft wohl, aber nicht krank – und bald wußte er, daß Swertha ihn bloß in Angst versetzt hatte, um ihn loszuwerden.
»Wo ist der Schiffbrüchige, an dessen Rettung Du Dein Leben wagtest?« fragte der Vater.
»Norna hat ihn in Obhut, Vater,« antwortete Mordaunt; »sie weiß Bescheid in solchen Fällen und mit solchen Kranken.«
»Also Quacksalberin und Hexe zugleich?« sagte der Vater; »desto besser! da brauchen sich andere nicht zu bemühen; Swertha sagte, der Mensch habe alle Glieder gebrochen – drum ging ich heim, um Verbandzeug zu holen.«
Mordaunt wußte, daß der Vater den Gegenstand nicht weiter verfolgen werde, und da es weder nützlich noch rätlich war, es mit Swertha zu verderben, oder dem Vater neuen Grund zu einer seiner trüben Stimmungen zu schaffen, nahm er sich vor, reinen Mund zu halten, der Haushälterin aber unter vier Augen strenge Vorhaltungen zu machen.
Es war schon spät, als Swertha, ein großes Bündel schleppend, das ihren Beuteteil bergen mochte, stark ermüdet heimkam, Mordaunt suchte sie sogleich auf, um sie wegen der falschen Mitteilungen zu schelten, mit denen sie den Vater und ihn hintergangen, allein die würdige Alte blieb ihm die Antwort nicht schuldig, »Das Verbandzeug,« sagte sie, »hätte sie nicht für den Schiffbrüchigen, sondern für den jungen Herrn selbst vom Herrn Vater holen lassen; es sei ihr ganz grün und blau vor Augen geworden, als sie ihn wie eine wilde Katze an den Klippen habe klimmen sehen – es wäre ihr nicht anders gewesen, als daß sie ihn schon mit zerschmetterten Gliedern am Strande hätte liegen sehen – und daß der Vater seinerseits nicht wohl gewesen und kreideweiß ausgesehen habe, lasse sich doch auch jetzt noch nicht in Abrede stellen.«
»Aber, Swertha,« sagte Mordaunt, sobald sie ihn zu Worte kommen ließ, »wie kamst Du heute morgen zu den Erichs-Stufen? Du solltest doch daheim am Spinnrade sitzen! Und doch machst Du Dir um meinen Vater und mich alle diese unnötige Mühe? Was ist denn in dem Bündel, Swertha? Du hast gewiß wider das Gesetz gesündigt und bist an den Strand gelaufen, um aus dem Schiffbruche Beute zu holen?«
»Der Himmel behüte Euer Antlitz, und der Segen des heiligen Ronald sei mit Euch!« sagte Swertha in einem Tone, halb schmeichelnd, halb mutwillig: »Ihr werdet einem armen Geschöpfe doch nicht verargen, wenn es sich was Gutes antun kann – werdet auch nicht haben wollen, daß soviel Gut auf dem Sande vermodern soll? ... Was hab ich denn groß für meine Mühe? Ein paar Ellen Kammertuch und ein Paar Stück grobes Zeug – die Starken und Dreisten nehmen ja immer in der Welt das meiste und beste für sich!«
»Freilich, Swertha,« sagte Mordaunt, »und für Dich ist's insofern noch schlimmer, als Du in dieser ebensogut wie in jener Welt Deine Strafe dafür bekommst, daß Du arme Seeleute geplündert, statt ihnen zu helfen!«
»Wer wird denn aber ein altes Weib, wie mich, um ein paar Lumpen willen strafen? Vom Grafen Patrick ist viel Böses gesagt worden, aber das Strandrecht hat er streng geschützt und scharfe Gesetze dagegen erlassen, daß Schiffern, die in die Brandung gerieten, Beistand und Hilfe geleistet werde. Seevolk verliert doch, – wie Bryce, der Hausierer, sagt – alles Recht von dem Augenblick an, da ihr Kiel den Sand streift; außerdem sind sie mausetot, die armen Leute, und haben keinen Anteil mehr an irdischem Hab und Gut – nicht mehr, fürwahr, als die Grafen und Könige des Meeres zu den Zeiten der Norweger, die ihre Schätze in Gräbern und Grabstätten verscharrten. Habe ich Euch schon von Olaf Trygarson erzählt, der fünf goldene Kronen mit ins Grab nahm?«
»Nein, Swertha,« sagte Mordaunt, dem es jetzt zur Freude gereichte, die verschlagene alte Diebin zu quälen; »davon hast Du mir noch kein Wort erzählt; aber ich sage dagegen Dir, daß der Fremde, den Norna mit ins Dorf genommen hat, morgen wohl frisch genug sein dürfte sich nach seinem Schiffsgut umzusehen.«
»Wer wird ihm dann sagen, Kind, wohin es gekommen?« erwiderte Swertha, ihm schlau ins Gesicht sehend – »ich habe noch – wie ich Euch sagen will – ein schönes Stück Seidenzeug übrig, aus dem sich für die Festlichkeit, die Ihr vorhabt, eine schöne Weste schneidern läßt.« Mordaunt konnte sich des Lachens über die List nicht länger enthalten, mit der die Alte ihn zu ködern suchte; er hieß sie das Mittagessen herrichten und begab sich zum Vater zurück, den er noch auf demselben Platze fast in derselben Stellung, wie er ihn verlassen, fand. Sobald sie gegessen hatten, sagte Mordaunt, »er wolle ins Dorf gehen, um sich nach dem Schiffbrüchigen zu erkundigen.«
Der Vater nickte beifällig.
»Er mag es kaum bequem dort unten haben, Vater,« meinte Mordaunt – und der Vater erwiderte mit nichts darauf, außer daß er zum zweitenmal nickte. – »Dem Aeußern nach,« fuhr Mordaunt fort, »muß es ein Mann von guter Herkunft sein; aber wenn auch die armen Leute unten getan haben werden, was in ihren Kräften steht, so wär's doch bei seinem schwachen Zustande gut, man ...« –
»Ich weiß, was Du sagen willst,« unterbrach ihn der Vater; »Du meinst, wir sollten etwas zu seiner Hilfe tun? Nun, so geh zu ihm und frag' ihn, ob ihm mit Geld gedient sei? Was er fordert, soll er haben; aber den Fremden in mein Haus nehmen und Verkehr mit ihm pflegen, das kann ich nicht und mag ich nicht. Wozu habe ich mich auf die äußerste Grenze der britischen Inseln geflüchtet? weil ich keine Menschen mehr sehen will, weil mich kein Mensch mehr belästigen soll weder mit seinem Glück noch mit seinem Unglück. So, und nun geh, – warum bleibst Du noch? Sorge, daß der Mann aus der Gegend kommt; ich will niemand um mich sehen als die Gesichter dieser Bagage hier, von der ich recht gut weiß, daß und wie sie mich betrügt – was ich aber hinnehme als ein Uebel, das zu klein ist, um mich darüber zu ärgern.« Mit diesen Worten warf er dem Sohne seine Börse hin und winkte ihm, sich schnell zu entfernen.