»Ich werde sie wohl auch nicht so geschickt brauchen können,« meinte Mordaunt.
»Hm, vielleicht nicht,« sagte Cleveland; »aber darüber wollen wir nicht reden. – Was sagt Ihr dazu, daß ich mit ihr den Mann vom Steuerrade schoß, gerade als wir einen Spanier enterten? Ha! das war der Mühe wert; eine starke Brigantine war's, el Sante Francisco – und nach Portobello mit Gold und Negern unterwegs; das kleine Stückchen Blei brachte zwanzigtausend Pistolen ein.«
»Ich habe solch Wildbret bislang noch nicht erlegt,« sagte Mordaunt.
»Nun, alles zu seiner Zeit, man kann nicht die Anker lichten, so lange Ebbe ist. Aber Ihr seid ein rüstiger, schmucker, reger Bursche! Möcht's Euch was schaden, 'mal eine Fahrt nach solchem Zeug zu machen?«
Dabei griff er nach seinem vollen Geldbeutel.
»Mein Vater meint, ich solle mir die Welt ansehen,« sagte Mordaunt, dem solche Einladung von einem Manne, den er für einen echten Seemann hielt, nicht wenig schmeichelte.
»Die Absicht zeugt von klugem Sinne,« erwiderte der Kapitän, »und ehe ich die Anker lichte, will ich nicht unterlassen, ihm meinen Besuch zu machen. Ich habe noch einen Kameraden in diesen Gewässern und brenne drauf, ihn zu sehen. Der Sturm hat uns auseinander getrieben; sein Schiff wird mich wohl aufsuchen; es müßte denn ebenfalls zu David Jones eingegangen sein. – Aber es war in besserem Stande als wir, und hatte keine so schwere Fracht – dürfte also den Sturm ausgehalten haben. Ihr sollt eine Hängematte an Bord haben, und auf einer einzigen Fahrt will ich Euch zum tüchtigen Seefahrer machen,«
»Ich hätte nichts dawider,« antwortete Mordaunt, der gern mehr von der Welt gesehen hätte, als was er bisher davon kannte – »die Entscheidung aber gehört meinem Vater.«
»Vater? Bah!« rief Kapitän Cleveland; »aber Ihr habt recht,« fügte er hinzu, sich schnell zusammennehmend; »ich bin eben schon so lange zur See, daß ich mir gar nicht vorstellen kann, daß außer Kapitän und Steuermann noch jemand das Recht habe, zu denken. Aber Ihr habt recht. Ich will auf der Stelle zu dem alten Herrn gehen und mit ihm reden. Er wohnt wohl in dem schönen, neumodischen Hause, etwa eine Viertelmeile von hier, wie?«
»In der alten Ruine, die kaum noch Haus genannt zu werden verdient, wohnt er allerdings,« sagte Mordaunt, »nimmt aber keine Besuche an.«
»Dann müßt Ihr selbst die Sache ausmachen, denn ich kann unter dieser Breite nicht länger bleiben. Euer Vater ist, wie ich merke, keine obrigkeitliche Person, und so muß ich mich wohl zu dem Magnus – wie heißt er? – bemühen, der zwar nicht Sheriff ist, ihn aber vertritt, oder so was – nicht? Dieses Strandgesindel hat mir ein Paar Dinge geraubt, die ich wiederhaben muß – das andere mögen sie ins Teufels Namen behalten! Wollt Ihr mir, nur als Ausweis, einen Brief an diesen Magnus mitgeben?«
»Das wird nicht nötig sein,« sagte Mordaunt; »Euer Schiffbruch wird Euch Ausweis genug sein, und Appell an Hilfe ist dort nie umsonst. – Aber ein paar Worte kann ich Euch schon mitgeben.«
»Hier ist Schreibzeug,« sagte der Seemann, verschiedenes Gerät aus seiner Kiste nehmend – »ich will inzwischen, da einmal zu löschen angefangen worden, die Luken vernageln und die Ladung sichern,«
Während Mordaunt seinem alten Freunde Magnus Troil die Umstände kurz auseiauandersetzte, unter denen Kapitän Cleveland an die Küste der Insel geworfen worden, griff dieser – nachdem er soviel Kleidungsstücke und Wäsche, nebst einigen andern unentbehrlichen Dingen aus der Kiste genommen, als ein Ranzen fassen konnte – zu Hammer und Nägel, vernagelte die Kiste auf kunstgerechte Weise und schnürte sie noch mit einem festen Stricke, den er nach Seemannsart drehte und knotete. »Ich lasse das alles unter Eurer Aufsicht,« sagte er, »alles bis auf das hier,« indem er auf Hirschfänger und Pistole Zeigte, »was vielleicht die Gefahr, mich von meinen Portugalesern trennen zu sollen, vorbeugen könnte.«
»Kapitän Cleveland,« erwiderte Mordaunt, »Waffen werdet Ihr schwerlich hierzulande brauchen, denn mit einem Beutel voll Geld könnte jedes Kind von Sumbourgh-Head nach Unst auf dem Festlande hinübergehen, ohne daß ihm jemand was zuleide täte.«
»Eine dreiste Rede, Jüngling,« hohnlachte der Kapitän – »in Betracht der Vorgänge draußen!«
»O,« sagte Mordaunt, nicht ohne Verlegenheit, »was mit der Flut an das Land kommt, hält man hier für rechtmäßiges Eigentum.« »Nun,« erwiderte der Kapitän lachend – »keine so üble Meinung, zu der man sich gegebenfalls auch bekennen könnte. Sollten Eure braven Insulaner aber denken, Festland möchte sie ebenso, wie die See, mit billigem Eigentum zu versorgen haben, so werde ich Hirschfänger und Pistole zu brauchen wissen. . . Meine Kiste also hebt Ihr bei Euch auf, bis Ihr von mir hört?«
»Wollt Ihr zu Wasser fort oder zu Lande?« fragte Mordaunt.
»Zu Wasser?« rief Cleveland, »in solcher Nußschale? Nein, nein! zu Lande – immer zu Lande – sobald ich Schiff und Strich und Mannschaft nicht kenne.«
Hierauf schieden sie: Cleveland bekam einen Führer nach Burgh-Westra, und seine Kiste ließ Mordaunt nach Jarlshof bringen.
Neuntes Kapitel
Am andern Morgen ließ sich Mordaunt leichter bereit finden, auf seines Vaters Fragen über den schiffbrüchigen Seemann Antwort zu geben. Aber nur weniges war nötig gewesen, um den Vater dahin zu bringen, daß er sich mit finsterm Gesicht vom Sessel erhob, ein paarmal die Stube auf und ab schritt und sich in das innere Zimmer begab, in welchem er immer dann Zuflucht suchte, wenn ihn seine trüben Stimmungen befielen. Gegen Abend ließ er sich aber wieder sehen, und zwar ohne alle Spur eines Anfalls, und Mordaunt natürlich nahm sich in acht, den Gegenstand, der ihn so heftig ergriffen hatte, aufs neue zu berühren.
Mordaunt mußte sich also seine Meinung über den neuen Bekannten, den ihm das Meer zugesendet, selbständig bilden, – und war begreiflicherweise nicht wenig erstaunt, zu einem Resultat zu gelangen, das für den Fremden durchaus nicht günstig ausfiel. Es kam ihm vor, als läge in dem ganzen Wesen des Mannes etwas Abstoßendes. Leugnen ließ sich freilich nicht, daß er ein schöner Mann war mit freiem, einnehmendem Wesen; was aber Mordaunt nicht behagte, war die Anmaßung, die aus jeder Miene, jeder Gebärde sprach, aus jedem Worte herausklang. Auch an dem Besitz der Jagdflinte konnte er, trotzdem er ein eifriger Jäger war und sich viel mit ihr befaßte, so rechte Freude nicht gewinnen, da er sich gewisser Bedenklichkeiten über die Art, wie er zu ihr gelangt war, nicht erwehren konnte, zumal es ihm so vorkam, als möchte der Kapitän sie als eine Art Trinkgeld ansehen für den Dienst, den der Zufall ihm leisten ließ.
Ein glücklicher Jagdtag söhnte ihn indessen mit dem Besitz der Flinte aus; die Empfindung aber, daß es eine recht simple und verächtliche Sache sei, Möwen und Seehunde zu erlegen, wenn man sich an Franzosen und Spanier wagen, Schiffe entern und Steuermänner wegschießen konnte, wollte ihn freilich nicht verlassen. Sein Vater hatte davon gesprochen, daß er die Inseln verlassen sollte, und in seiner Unkenntnis des Lebens wußte er von keiner andern Betätigung für seine Kraft als derjenigen, die ihm das ihm von Kindheit an vertraute Meer bot. Früher hatte sein Ehrgeiz nach nichts Höherem gestrebt, als an den Mühsalen und Gefahren eines grönländischen Fischfangs teilzunehmen, denn solche Fahrt war für Shetländer der Inbegriff aller Lebensweisheit, In neuerer Zeit, wo der Krieg wieder ausgebrochen war, hatten die Taten eines Francis Drake, Kapitäns Morgan und anderer kühner Abenteurer, deren Geschichten er von Bryce Snailsfoot in Heften kaufte, tiefen Eindruck auf sein Gemüt gemacht, und Clevelands Anerbieten, ihn mit zur See zu nehmen, ging ihm öfter wieder durch den Kopf, wenn auch die Freude über solche Aussicht durch den Zweifel einigermaßen gedämpft wurde, ob er auch lange mit seinem künftigen Befehlshaber auskommen werde, denn darüber, daß er kein umgänglicher Herr, sondern vielmehr ein recht schlimmer Tyrann sein möchte, hegte er keinerlei Zweifel, Und doch malte er sich in lebhaften Farben die Freude aus, mit der er sich einschiffen würde, wenn er vom Vater die Erlaubnis bekäme – was er alles von neuen Ländern, Menschen, Dingen sehen, wieviel Abenteuer er bestehen, wieviel Heldentaten er verrichten werde, wie stolz Magnus Troil von Burgh-Westra und dessen liebliches Töchterpaar auf ihn sein würde!