»Dort sein will ich wenigstens, ob ich geladen werde oder nicht,« sagte Mordaunt, plötzlich stehen bleibend und dem Hausierer das Stück Zeug aus der Hand reißend – »und wie Ihr ganz richtig sagt, Ehre will und muß ich dort schon einlegen!«
»Nur sachte, Herr Mordaunt,« rief der Hausierer; »Ihr geht ja mit dem feinen Seidenzeuge um, als ob es ein Stück grober Wadmoral wäre! Dabei kostet's vier Taler; soll ich's ankreiden?«
»Nein!« rief Mordaunt heftig, nahm seine Börse heraus und warf Bryce Snailsfoot das Geld hin.
»Der Himmel segne Euch das Zeug und mir das Silber,« sagte der Hausierer, vergnügt sein Geld einstreichend, »und bewahre uns beide vor irdischer Eitelkeit und Begierde!..... Aber, Herr! – warum drückt Ihr denn das Seidenzeug so zusammen wie ein Heubündel?«
In diesem Augenblick trat Swertha herein, und Mordaunt, als ob er das gekaufte Zeug schnell wieder los sein wolle, warf es ihr nachlässig hin und hieß sie es wegpacken, nahm aus der Ecke seine Jagdflinte, riß sein Jagdzeug von der Wand und stürzte aus dem Zimmer, ohne dem Hausierer, der noch Seehundsfell, »so Weich wie Rehleder, aus dem sich Riemen und Futteral zu der Flinte fertigen ließe,« anpreisen wollte, noch einen Blick zu schenken.
Mit seinen grünen blinzelnden Augen sah der Hausierer dem unwirschen Jüngling eine kurze Weile nach . .
Auch Swertha war verwundert, daß er so wild hinausstürmte, und meinte, »der junge Herr müsse nicht recht bei Sinnen sein!«
»Nicht recht bei Sinnen?« wiederholte der Hausierer, »der wird noch so wild werden wie sein Vater nur je gewesen . . . Das merkt man doch wohl schon, wenn jemand mit einem Stück Zeug, das vier Taler kostet, so herumwirft, als wenn es Quark wäre!«
»Vier Taler der grüne Lappen?« rief Swertha, den Händler bei dem Worte fassend, das ihm so unversehens entschlüpft war; »Na, da habt Ihr Euer Heu ja herein! Da weiß man wirklich nicht, über wen man sich mehr wundern soll, über den Betrogenen oder über den Betrüger.«
»Ich habe ja nicht gesagt, daß es ihn ganze vier Taler kostet,« sagte Bryce, »und wenn auch nun, so ist es doch, meine ich, dem jungen Herrn sein Geld, und alt genug, um sich zu kaufen, was ihm gefällt, ist er, meine ich, auch – zudem ist das Zeug unter Brüdern wert, was er dafür gegeben, und mehr.«
»Nun, nun,« versetzte Swertha kaltblütig, »der Vater ist ja auch noch da – wollen doch 'mal hören, was der dazu sagt.«
»Hoffentlich tut Ihr mir so etwas nicht an, Frau Swertha,« rief, klein beigebend, der Händler – »das wäre zum wenigsten ein schlimmer Dank für den schönen Oberrock, den ich Euch von Lerwick mitgebracht habe.«
»Und für den Ihr gewiß einen schönen Batzen fordern werdet,« sagte Swertha; »was Ihr mit schönen Worten und guten Werken im Schilde führt, weiß man ja doch!«
»Na, gebt mir dafür, was Euch recht scheint – oder wir lassen's anstehen, bis Ihr 'mal etwas für die Wirtschaft oder den gnädigen Herrn zu kaufen habt, dann kann ja alles auf eine Rechnung kommen.«
»So will ich's mir gefallen lassen, Bryce Snailsfoot;« sagte Swertha, »zumal wir bald neues Tischzeug brauchen werden; denn da keine Frau im Hause ist, können wir nicht spinnen, mithin auch nicht eigenes Zeug fertigen.« »Das heißt man,« sagte der Hausierer, »nach den Worten leben: »Gehet zu denen, die da kaufen und verkaufen« – Bibeltexte haben doch immer guten Nutzen.«
»Und mit einem klugen Manne, der aus allem sein Pfeifchen zu schneiden weiß, im Verkehr zu sein, ist, – wenn nicht von Nutzen, doch eine Freude,« erwiderte lachend die Hausverwalterin; »und wenn ich mir das Westenzeug genauer ansehe – na, so möcht ich jetzt selber sagen, daß es seine vier Taler wohl wert ist.«
Zehntes Kapitel
Inzwischen stürmte Mordaunt, dem verwundeten Hirsche gleich den Schmerz, den ihm der Pfeil bereitet, durch schnellen Lauf zu ersticken suchend, über die Heide und durch das wilde Moor, in seinem Stolze durch das, was er vom Hausierer vernommen, auf das tiefste verletzt – um so tiefer als es durch die Zweifel, die durch das unfreundliche Stillschweigen der Leute von Burgh-Westra in ihm geweckt worden, volle Bestätigung erhielt. Er, in seinen eigenen Augen von der Höhe herabgesunken, auf welcher er als erster unter der Jugend der Insel gestanden, fühlte aber nicht bloß Demütigung, sondern Kränkung und Beleidigung: die beiden schönen Schwestern, um deren Lächeln alle buhlten, mit denen er auf so freundlichem Verkehrsfuß gestanden, daß man ihn schon auf der ganzen Inselflur für einen Freier gehalten – auch sie schienen seiner vergessen zu haben? auch ihnen bedeutete er auf einmal so wenig, daß er nicht einmal mehr als gewöhnlicher Bekannter galt? Selbst der alte Udaller, dessen biederes, aufrichtiges Wesen ihn immer so angeregt und angezogen hatte, schien ebenso wandelbar und veränderlich zu sein wie seine Töchter! Ach, der arme Mordaunt hatte mit dem Lächeln seiner Huldinnen auch die Wohlgeneigtheit seines eifrigen Gönners, des mächtigsten auf der ganzen Inselflur, verloren!
Ohne auf den Weg zu achten, eilte Mordaunt, getrieben von dem Verlangen, diesen peinvollen Gedanken zu entrinnen, mit verdoppelten Schritten durch eine Gegend weiter, wo weder Hecken, noch Mauern, noch Zäune den Wanderer aufhielten, bis der Weg ihn an eine einsame Stätte führte, wo zwischen steilen, mit Heidekraut bewachsenen Hügeln, die sich jäh bis zum Wasserrande hinunterzogen, einer der kleinen Sühwasserseen lag, deren es auf den shetländischen Inseln so viele gibt, und deren Ufer die Quellen und Bäche und Flüßchen bilden, die das Land bewässern und die kleinen Mühlen bewegen, auf denen die Inselbewohner ihr Korn mahlen.
Es war ein milder Sommertag; die Strahlen der Sonne wurden, wie es in Shetland nicht zu den Seltenheiten gehört, durch einen silbernen Nebel, der den starken Gegensatz von Licht und Schatten in der Atmosphäre aufhebt und selbst dem Mittag die ruhige Färbung der Abenddämmerung leiht, gebrochen und gemildert. Der kleine See, kaum dreiviertel Stunden im Umkreise, lag in tiefer Ruhe; kein Hauch kräuselte seine Fläche, die nur gestört wurde, wenn einer der vielen Wasservögel, die über ihr strichen, beutesuchend tauchte. Die Tiefe gab dem Wasser die blaugrüne Farbe, die dem See den Namen des »grünen« gab, – und in diesem Augenblick bildete er einen so vollkommenen Spiegel für die Hügel ringsherum, daß sich das Wasser von dem Lande kaum unterscheiden ließ; ia, die Dämmerung die der dünne Nebel verbreitete, hätte einen Fremden schwerlich vermuten lassen, daß ein Wasserspiegel vor ihm lag. Die ungemeine Heiterkeit des Wetters, die durch die Ruhe der Atmosphäre und das tiefe Schweigen der Elemente noch erhöht wurde, lieh der ganzen Szenerie einen seltsamen Reiz, und ein einsameres Stück Erde wäre kaum auffindbar oder nur denkbar gewesen; neigten sich doch selbst die Wasservogel, in so großer Menge sie hier auch weilten, in tiefer Ruhe über die schweigende Flut.