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»Wie der Sturm sich legte?« rief Norna aus, mit ihrem Stab aus schwarzem Eichenholz ungeduldig den Boden stampfend – »Mordaunt, Du sprichst nur halbe Wahrheit; der Sturm schwieg plötzlich – schwieg in kürzerer Zeit als das Kind, das die Wärterin beschwichtigt. Indessen, – Mordaunt – Du kennst wohl meine Macht, weißt aber nicht, und kein Sterblicher weiß es und soll es je erfahren, welchen Preis diese Macht mich kostete! Nein, Mordaunt, nicht um der hohen Gewalt willen, die die alten Norweger besaßen, als ihre Banner noch von Nordlands Bergen bis Palästina wehten, nicht um all dessen willen, was der gesamte Erdball birgt, vertausche Deinen Seelenfrieden gegen solche Größe, wie sie Norna eigen!«

Bei diesen Worten setzte sie sich wieder auf den Felsen, zog den Mantel über das Gesicht, stützte den Kopf auf die Hand und schien, nach den krampfhaften Bewegungen ihrer Brust zu schließen, bitterlich zu weinen.

»Norna, Mutter,« rief Mordaunt, hielt aber inne, denn er wußte nicht, was er zum Tröste der unglücklichen Frau sagen sollte, – »gute Norna,« hub er wieder an, »sollte auf Eurem Gemüte Schweres lasten, das Euch beunruhigt, – wäre es dann nicht besser, Ihr ginget zu dem Pfarrer von Dunroßneß? Die Leute sagen, Ihr seiet seit vielen Jahren in keiner christlichen Gemeinde gewesen, – das ist nicht gut und nicht recht, Norna! – Ihr seid um Eurer Kunst willen, körperliches Leid zu heilen, auf der ganzen Inselflur bekannt; wenn aber die Seele krank ist, dann sollen wir uns auch an den Seelenarzt wenden.«

Norna hatte sich langsam aus der gebückten Stellung, in der sie bisher gesessen, aufgerichtet, warf jetzt den Mantel zurück und rief mit schäumender Lippe, blitzendem Auge und weit ausgestrecktem Arme – in einem Tone, der keiner menschlichen Stimme, sondern dem Schrei eines geängstigten Tieres glich: »Ich soll zu einem Priester gehen? mit einem Priester sprechen? ... Soll denn der fromme Mann vor Schrecken des Todes sein? Soll, wenn ich in eine christliche Gemeinde trete, das Dach auf sie niederstürzen? soll ihr Blut sich mit ihrer Andacht mischen?«

Die ungewöhnliche Heftigkeit der Unglücklichen brachte Mordaunt auf einen in diesem abergläubischen Lande, zu jener abergläubischen Zeit allgemein verbreiteten Glauben... »Unglückselige!« rief er, »Hast Du Dich wirklich mit den Mächten der Finsternis verbündet, warum solltest Du nicht bereuen können? Doch tue, was Du willst, als Christ kann und darf ich nicht länger in Deiner Nähe weilen. Da, nimm Deine Gabe wieder zurück,« setzte er hinzu, indem er ihr die Kette wiedergeben wollte; »ist mir vielleicht auch nicht Böses schon durch sie entstanden, – auf Gutes werde ich nie durch sie rechnen dürfen!«

Norna hatte, vielleicht durch den Ausdruck des Schreckens, der aus Mordaunts Gesicht sprach, ihre Ruhe wieder gefunden ... »Törichter Knabe,« sprach sie, »höre, was ich Dir jetzt sage – zu denen, die mit dem Freunde des Menschengeschlechtes einen Bund geschlossen oder durch seine Hilfe Wissen und Macht erhalten, gehöre ich nicht – und obgleich die überirdischen Mächte durch ein Opfer gewonnen wurden, das die menschliche Zunge nie aussprechen kann, so ist doch, Gott weiß es, meine Schuld an diesem Ort nicht größer als die des Blinden, der von dem Abhang stürzt, den er weder sehen, noch meiden konnte. Mordaunt Mertoun, verlaß mich nicht in dieser schwachen Stunde! Bleibe bei mir, bis die Versuchung gewichen ist, oder ich stürze mich in jenen See, um meiner Gewalt und meinem Elende zugleich ein Ende zu machen.«

Mordaunt, der dieses seltsame Weib nie anders als – zufolge des Wohlwollens, das sie ihm schon früh erwiesen – mit Zuneigung betrachtet hate, ließ sich leicht bestimmen, ihr weiter zuzuhören, hoffte er doch, daß sie ihrer Bewegung nach und nach Herr werden würde! Und diese Hoffnung sollte ihn nicht trügen, denn früher, als er gedacht, schien sie den Sieg über sich errungen zu haben und redete jetzt wieder in ihrer sonstigen festen, gebietenden Weise.

»Nicht von mir, Mordaunt, wollte ich mit Dir sprechen, als ich von dem Gipfel jenes grauen Felsens dort zu Dir herniederstieg, steht doch mein Schicksal unabänderlich fest in Freud und Leid – habe ich für mich selbst doch wenig noch zu wünschen oder hoffen: aber für die, die sie liebt, hegt Norna vom Fitful-Head noch immer die Empfindungen, die sie an das Menschengeschlecht ketten. Höre mich, ich kenne einen Adler, den stolzesten, der in luftigen Höhen baut, und in dieses Adlers Horst hat sich ein Otter geschlichen... Willst Du den Wurm zertreten und die edle Brut des Gebieters der nordischen Himmel retten?«

»Du mußt deutlicher sprechen, Norna, wenn ich Dich verstehen soll,« sagte Mordaunt. »Denn Rätsel kann ich nicht lösen.«

»Wohl denn, ohne Gleichnis – Du kennst die Familie von Burgh-Westra – die lieblichen Töchter des wackern alten Udallers – Minna und Brenda – meine ich. Du kennst und liebst sie...«

»Ich kenne sie, Mutter,« erwiderte Mordaunt; »und ich habe sie geliebt, niemand weiß das besser als Ihr.« »Sie einmal gekannt haben,« sagte Norna mit Wärme, »heißt, sie immer gekannt haben; und wer sie einmal geliebt hat, der liebt sie für immer.«

»Sie einmal geliebt haben, Mutter, heißt, ihnen Gutes für immer wünschen,« erwiderte der Jüngling; »nichts weiter. Wenn ich offen mit Dir reden soll, Norna, so haben mich die Leute von Burgh-Westra jüngst völlig vernachlässigt. Aber gib mir Mittel, ihnen zu helfen, und ich will Dir beweisen, wie dankbar ich bin für erwiesenes Wohlwollen, wie rasch ich Kälte vergesse, die auf das Wohlwollen folgte.«

»Wohl gesprochen,« sagte Norna; »und ich will Dich auf die Probe stellen; Magnus Troil nährt eine Schlange an seinem Busen, und seine lieblichen Töchter werden den Künsten eines Niederträchtigen zur Beute fallen.«

»Ihr meint den Fremden – den Cleveland?« fragte Mordaunt.

»Ich meine den Fremden, der sich diesen Namen gibt, den Fremden, den wir wie ein Bündel Seetang am Fuße des Vorgebirgs von Hafra fanden. Mir sagte die Stimme meines Herzens, ich solle ihn der Flut lassen – Du ersticktest die Stimme in mir – jetzt aber bereue ich, ihr nicht Folge geleistet zu haben.« »Ich aber,« sagte Mordaunt, »kann nicht bereuen, meine Schuldigkeit als Christ getan zu haben. Und welches Recht hätte ich zu wünschen, daß die Sache anders läge, als sie liegt? Wenn Minna, Brenda, Magnus und die übrigen den Fremden lieber haben als mich, so habe ich kein Recht, mich dadurch gekränkt, zu fühlen; wollte ich mich mit ihm vergleichen, verdiente ich ausgelacht zu werden.«

»Gut; ich glaube, sie sind Deiner uneigennützigen Freundschaft trotz allem auch wert.«

»Ich aber, Mutter, sehe bei dem allen nicht,« fuhr Mordaunt fort, »worin ich den Leuten nützlich sein kann. Eben habe ich von Bryce Snailsfoot erfahren, daß dieser Cleveland in Burgh-Westra alles gilt. Wo ich nicht willkommen bin, möchte ich mich weder eindrängen, noch mein bescheidenes Verdienst dem eines andern Mannes an die Seite stellen. Er kann ihnen von Schlachten erzählen, ich nur von Vogelnestern – er kann ihnen sagen, wieviel er Franzosen erschossen hat, ich nur, wieviel Seehunde – er trägt prächtige Kleider und hat ein männlich-schönes Gesicht; ich gehe schlicht und sehe schlicht aus.«

»Du tust Dir unrecht,« sagte Norna; »Dir selbst, und noch größeres den beiden Mädchen, Minna und Brenda; verlaß Dich nicht auf des Hausierers Rede, denn er ist wie der gierige Walfisch und taucht um der kleinsten Münze willen, die ein Fischer in das Meer wirft, unter. Gewiß ist aber, daß dieser schlimme Mensch daran schuld ist, daß Du bei Magnus Troil nicht mehr so gut angeschrieben stehst, wie früher. Er mag sich aber in acht nehmen, denn ich lasse ihn nicht außer acht!«