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Mannering nahm seinen Vorteil wahr und tischte alles von Fach- und Kunstausdrücken auf, was ihm sein gutes Gedächtnis zur Verfügung stellte und in dessen Besitz er durch Umstände, die wir im Verlaufe dieser Erzählung noch erfahren werden, schon in früher Jugend gelangt war.

Endlich wurde die Unterhaltung durch die fröhliche Botschaft aufgehoben, daß die Edelfrau ihrem Gemahl einen hübschen Jungen zum Präsent gemacht habe. Bertram eilte in die Wochenstube, Meg Merrilies lief in die Küche, um sich ihren Anteil von der milden Spende zu holen, die es bei solchen Gelegenheiten zu setzen pflegt, und als Mannering auf seine Uhr gesehen und Stunde und Minute der Geburt festgestellt hatte, bat er mit gemessenem Ernste den Magister, ihn auf irgend einen Platz zu führen, von wo aus er die Gestirne überschauen könnte.

Ohne ein Wort zu sagen, erhob sich Sampson und öffnete eine halb mit Glasscheiben versehene Tür, die hinter dem neuen Hause auf einen Erdwall führte, der mit der Anhöhe zusammenhing, worauf die Trümmer des alten Schlosses lagen. Der Nachtwind verjagte die Wolken, die bisher den Himmel verhüllten. Der Vollmond stand hoch, und alle Sterne funkelten in ungetrübtem Glanze. Die Landschaft, die Mannering in ihrem Lichte sah, bot ein Bild von überraschender Großartigkeit.

Wir haben früher erzählt, daß Mannering an den Strand gekommen war, ohne zu wissen, wie nahe. Nun aber sah er, daß die Trümmer des Schlosses Ellangowan auf einem vorspringenden Felsen standen, der eine kleine, stille Bai begrenzte. Das kleine Gebäude lag, obgleich dicht an dem alten, doch tiefer, und der Boden dahinter war ein sanft abfallender grüner Hang, der sich in natürlichen Terrassen, auf denen hohe alte Bäume standen, in dem sandigen Gestade verlor. Die andere Seite der Bai wurde von einem abschüssigen Vorgebirge eingeschlossen, zum großen Teile mit Buschholz bestanden, das auf diesem Strande fast bis zur Fluthöhe reicht. Eine Fischerhütte blickte aus den Bäumen hervor. In dieser späten Nachtstunde bewegten sich noch Lichter am Strande; allem Anscheine nach wurde dort das Fahrzeug eines Schleichhändlers von der Insel Man, das in der Bai lag, ausgeladen. Als man ein Licht in der Glastür des Hauses bemerkte, rief jemand vom Schiffe her: »Vorgesehen! Licht weg!« und alsbald ließen diejenigen, die am Ufer waren, die Lichter verlöschen.

Es war eine Stunde nach Mitternacht. Eine anmutige Aussicht öffnete sich vor unserm Reisenden, Die grauen Türme der Schloßtrümmer, teils noch unversehrt, teils zerrissen, hier verwittert, dort zum Teil mit Efeu bekleidet, krönten den Gipfel des dunklen Felsens, der zu Mannerings Rechten sich erhob. Vor ihm lag die stille Bucht, deren kleine Wogen, in den Strahlen des Mondes schimmernd, die Oberfläche kräuselten und mit murmelndem Plätschern an dem silberweißen Sandufer sich brachen. Links zum Strande hinab stieg der Wald, dessen Wipfel im Mondlichte mannigfaltig wogten, und jene Abwechslung von Licht und Schatten, jenes anziehende Gemisch von lichten Stellen und dunklem Dickicht zeigten, auf dem man so gern den Blick ruhen läßt, entzückt über dasjenige, was man sieht, und angezogen von den Geheimnissen in der Tiefe der Waldlandschaft. Hoch an dem blauen Himmelsgewölbe wandelten die Gestirne, jedes durch seinen eigenen Lichtkreis unterschieden von kleineren oder entfernteren Sternen. So wunderbar vermag die Einbildung selbst diejenigen zu täuschen, die sich willig ihrem Fluge überlassen, daß Mannering, während er die glänzenden Himmelskörper betrachtete, sich dem Glauben an ihren Einfluß auf die menschlichen Schicksale zwanglos hingab. Er war jung, er liebte, und vielleicht stand er unter dem Einfluß jener Empfindungen, denen ein Dichter [Schiller, im Wallenstein (Piccolomini, 3ter Aufzug, 4ter Auftritt).] in den folgenden Zeilen Ausdruck gegeben:

Die Fabel ist der Liebe Heimatwelt;

Gern wohnt sie unter Feen, Talismanen,

Glaubt gern an Götter, weil sie göttlich ist.

Die alten Fabelwesen sind nicht mehr;

Das reizende Geschlecht ist ausgewandert.

Doch eine Sprache braucht das Herz, es bringt

Der alte Trieb die alten Namen wieder,

Und an dem Sternenhimmel gehn sie jetzt,

Die sonst im Leben freundlich mitgewandelt.

Dort winken sie dem Liebenden herab,

Und jedes Große bringt uns Jupiter

Noch diesen Tag, und Venus jedes Schöne.

In solche Träumereien sich verlierend, sprach er zu sich selbst: »Mein guter alter Lehrer, der sich so gern in Diskussionen über Sterndeutung einließ, möchte wohl dieses Bild mit ganz andern Augen betrachten, und allen Ernstes versucht gewesen sein, aus der Stellung dieser Himmelskörper ihren Einfluß auf die Schicksale des neugeborenen Kindes zu ergründen, gleich als ob die Bewegungen oder Ausflüsse der Gestirne die Beschlüsse der göttlichen Vorsehung aufheben oder doch vereint mit ihr wirken könnten. Doch Ruhe seiner Asche! Er hat mir genug von seiner Wissenschaft mitgeteilt, eine kunstgerechte Nativität zu stellen. Wohlan, so soll es einen Versuch gelten!« Darauf schrieb er die Stellung der Hauptplaneten nieder und begab sich in das Wohnhaus zurück. Der Burgherr begegnete ihm im Wohnzimmer, sagte ihm, daß er Vater eines kerngesunden Knaben geworden, und schien willens, seinem Gaste noch eine Weile bei der Flasche Gesellschaft zu leisten, ließ aber Mannerings Entschuldigung gelten und führte seinen müden Gast in das Schlafgemach.

Viertes Kapitel

Der Glaube an Sterndeutung war fast allgemein in der Mitte des siebzehnten Jahrhunderts, verfiel allmählich gegen Ende desselben und bekam im Anfange des achtzehnten überall bösen Leumund, wurde sogar allgemein verspottet. Noch immer hatte er jedoch, selbst in den Sitzen der Gelehrsamkeit, seine Anhänger. Ernste, bücherfleißige Männer gaben ungern die Berechnungen auf, die früher die Hauptgegenstände ihrer Forschungen gewesen waren, und sie hatten nicht Lust, von der Höhe hinabzusteigen, auf die sie das vermeinte Vermögen, durch Erforschung höherer Einflüsse und Verbindungen in die Zukunft zu blicken, vor andern Menschen gehoben hatte.

Zu denjenigen, welche dieses eingebildete Vorrecht mit bestem Glauben hoch hielten, gehörte ein alter Geistlicher, unter dessen Pflege Mannering in seiner Jugend stand. Er stumpfte seine Augen durch die Beobachtung der Gestirne ab und quälte seinen Verstand mit den Berechnungen über den gegenseitigen Stand der Himmelskörper. Dem Zöglinge wurde, von früher Jugend an, etwas von der Begeisterung des Lehrers zuteil, und er versuchte eine Zeitlang selbst, sich mit astrologischen Untersuchungen zu befassen, so daß ihm, ehe er sich von der Eitelkeit dieser Kunst überzeugt, mancher Meister das Lob eines trefflichen Jüngers erteilt hätte.

Sobald der Morgen angebrochen war, legte er Hand ans Werk, das Schicksal des Erben von Ellangowan zu erforschen. Er befolgte genau alle Kunstregeln, sowohl des Scheines wegen, als auch, weil er selber neugierig war, zu sehen, ob er in der eingebildeten Wissenschaft noch bewandert sei. Er teilte das Himmelsgewölbe in zwölf Häuser, stellte die Planeten darein und ordnete sie nach Stunde und Minute der Geburt. Bei dieser Beschäftigung zog ein Zeichen die Aufmerksamkeit unseres Sterndeuters besonders an. Mars, der im Gipfel des zwölften Hauses die Herrschaft hatte, drohte dem Neugebornen Gefangenschaft oder plötzlichen gewaltsamen Tod, und als Mannering die übrigen Kunstregeln zu Rate zog, um die Gewalt dieser bösen Vorbedeutung zu erforschen, ergab sich, daß vorzüglich drei Lebensabschnitte gefahrvoll sein würden, das fünfte, das zehnte und das einundzwanzigste Jahr.