»Und warum,« – fragte Mordaunt – »sagt Ihr Magnus Troil nicht das, was Ihr mir soeben gesagt habt?«
»Weil die,« erwiderte Norna, »welche sich selbst weise dünken, nur durch Erfahrung klug werden. Erst gestern hab ich mit Magnus gesprochen, und was hat er mir zur Antwort gegeben? Gute Norna,du wirst alt! – Und das hab ich mir von jemand anhören müssen, der durch so viel so enge Bande an mich gefesselt ist –, hab's anhören müssen von dem Abkömmlinge der alten Norwegsgrafen – von Magnus Troil – und das hat er jemand zuliebe gesagt, den das Wasser wie Seegras ausspie! Da er den Rat der Alten verschmäht, mag er sich raten lassen von den Jungen; es ist aber nur recht und in Ordnung, daß er seiner eigenen Torheit nicht überlassen wird... Geh also an des Täufers Fest, wie sonst, nach Burgh-Westra.«
»Man hat mich nicht geladen – denkt nicht an mich – sieht mich vielleicht gar nicht einmal an, wenn ich komme; und doch war ich, Mutter, wenn ich die Wahrheit sagen soll, dorthin unterwegs.«
»Es war ein guter, vernünftiger Einfall von Dir,« sagte Norna; »wir besuchen den Freund, wenn er körperlich leidet; warum sollten wir ihn unbesucht lassen bei seelischem Leide? Geh hin nach Burgh-Westra! geh! Vielleicht treffen wir uns dort; jetzt aber scheiden sich unsere Wege... Gott befohlen! doch sprich zu niemandem von dieser Begegnung.«
Sie trennten sich. Mordaunt, die Augen auf Norna gerichtet haltend, blieb an dem See stehen, bis ihre hohe, dunkle Gestalt sich in den Krümmungen des Tales, das sie durchschritt, verlor; dann kehrte er, willens einen Rat zu befolgen, der mit seinen Wünschen in so völligem Einklänge stand, nach dem Vaterhause zurück.
Elftes Kapitel
Der festliche Tag nahte, und noch immer war keine Einladung nach Burgh-Westra gekommen für denjenigen Gast, ohne den noch vor kurzer Zeit auf der Insel kein Fest hätte begangen werden können. Dagegen war überall von nichts anderm die Rede als von dem Gerücht, daß Kapitän Cleveland bei den Leuten von Burgh-Westra in höchste Gunst gelangt sei: ein Wandel, über den die alte Haushälterin mit dem alten Ranzelmann den Kopf um die Wette schüttelte. Sie sowohl als er gaben Mordaunt durch Winke und Fingerzeige zu verstehen, daß er an diesem Wandel ganz allein schuld trage, da er nicht nötig gehabt hätte, den Fremdling auf Gefahr des eignen Lebens von der Klippe zu retten, von der ihn die nächste Flut doch weggespült hätte ...
»Es hat noch niemand Segen gebracht,« sagte Swertha, »dem Meere wider Willen zu sein; aber,« wandte sie sich an den Ranzelmann, »was sagt Ihr zu dem Kerl, dem Cleveland, der unserm Mordaunt so im Lichte steht? und zu Magnus Troil, der unserm Mordaunt noch am letzten Pfingsttage für die Zierde von Shetland erklärte?«
»Es kann ihm nicht von Vorteil sein, dieser Unbestand,« meinte der Ranzelmann mit weiser Miene; »es kommt mir aber vor, Swertha, daß auch die Klügsten – (und dazu rechne ich mich doch auch) – wie richtige Strohköpfe handeln und Sachen machen, ganz ebenso unnütz und überflüssig, als wenn ich versuchen wollte, über die Spitze vom Sumbourgh zu klettern. Es ist mir selbst im Leben ein paarmal so gegangen – aber was dabei herauskommt, werden wir bald sehen – was Gutes, wie gesagt, wird's schwerlich sein.«
»Nein, nein, was Gutes kann's nicht sein – da habt Ihr recht.«
Diese schlimmen Weissagungen, die sich von Zeit zu Zeit mit ziemlicher Regelmäßigkeit wiederholten, blieben auf Mordaunt nicht ohne Einfluß. Wenn er auch nicht meinte, daß die unliebsame Situation, in der er sich jetzt befand, seinem Liebeswerke unbedingt hätte folgen müssen, so war es ihm doch zu Mute, als ob ein Zauber von ungekannter Art und Macht auf ihm laste, als ob eine Gewalt, der er nicht gebieten könne, auf sein Schicksal in herber Weise einwirke. Trotzdem stand sein Entschluß, zum Johanis-Abend nach Burgh-Westra zu wandern, um so fester, als er die Ueberzeugung hatte, daß sich dort etwas Ungewöhnliches, mit seinen künftigen Aussichten und Lebensplänen in unmittelbarem Zusammenhange Stehendes ereignen müsse.
Da es sich aber traf, daß sein Vater zurzeit von seinen trüben Stimmungen verschont war, mußte Mordaunt ihn von dem Gange, den er nach Burgh-Westra vorhatte, benachrichtigen. Der Vater verlangte den Grund zu wissen, der ihn dazu bestimmte.
»Alles Inselvolk wird dort versammelt sein,« erwiderte der Jüngling.
»Und Du willst bei der Zahl der Narren und Toren nicht fehlen? Nun, dann geh, aber nimm Dich auf dem Wege, den Du vorhast, in acht. Ein Sturz von den Klippen von Fula könnte nicht gefährlicher sein.«
»Darf ich nach dem Grund solcher Warnung fragen?« versetzte Mordaunt, indem er die Schranken der Zurückhaltung durchbrach, die zwischen ihm und seinem sonderbaren Vater lagen.
»Magnus Troil hat zwei Töchter. Junge Leute Deines Alters betrachten solch flatterhafte Beigabe zum menschlichen Leben im selben Verhältnis der Neigung wie der Verwünschung in spätern Tagen. Ich sage Dir, nimm Dich in acht vor ihnen. So gewiß, wie Sünde und Tod durch das Weib in die Welt kamen, so gewiß sind auch ihre süßen Worte und ihre noch süßeren Blicke das Verderben und der Untergang derjenigen, die darauf bauen.«
Der Widerwille des Vaters gegen das weibliche Geschlecht war für Mordaunt nichts Neues; aber noch nie bisher hatte er den Vater auf solche bestimmte, kräftige Weise sich darüber äußern hören. Er sagte drauf, »daß Magnus Troils Töchter ihm nicht mehr gälten als alle übrigen Frauenzimmer auf den Inseln, zumal sie ohne alle Ursache die Freundschaft mit ihm abgebrochen hätten.«
»Und um sie wieder anzuknüpfen, gehst Du hin?« fragte der Vater. »Unbedachte Mücke, Du hast einmal die Kerze umschwärmt, ohne Dir die Flügel zu verbrennen, und bist nicht zufrieden? fühlst Dich nicht wohl in diesem gefahrlosen Dunkel? sondern mußt zur Flamme zurück, damit sie Dich doch verzehre? ... Aber wozu Worte verlieren? Das Schicksal ist unabwendlich. Also geh, wohin es ruft!«
Am andern Tage, dem nächsten vor dem Feste, machte Mordaunt sich auf den Weg, im Geiste bald mit dem Rate der greisen Norna, bald mit den Warnungen des Vaters, bald mit den bösen Weissagungen Swerthas und Ronaldsons befaßt – und außer stande, sich des Trübsinns zu erwehren, mit dem die Zusammenwirkung dieser drei Faktoren ihn zu umnachten drohte.
Es war ein recht schönes, ruhiges Wetter. Mordaunt setzte seine Wanderung mit einer körperlichen Leichtigkeit und Frische fort, die zu seiner seelischen Mühsal in einem höchst auffälligen Gegensatz stand – in einem auffälligeren aber noch zu den schlimmen Strapazen seiner letzten Wanderung in umgekehrter Richtung zwischen den beiden Oertlichkeiten – nichtsdestoweniger fiel der Vergleich nicht zu Gunsten der jetzigen aus.
»Letztmals,« sagte er zu sich selbst, »war meine Brust dem Winde bloßgestellt, das Herz darin war aber heiter und glücklich. Wie glücklich wollte ich sein, wenn ich jetzt dasselbe unbefangene Gefühl wieder hätte! was früge ich nach einem neuen Kampf mit dem Sturme?«
Gegen Mittag langte er in Hafra an, der Wohnung, wie sich der Leser erinnern wird, des geistreichen Triptolemus Yellowley. Diesmal hatte Mordaunt sich so eingerichtet, daß er die Gastfreundschaft dort – um derentwillen das Haus auf der ganzen Insel nicht wenig berüchtigt war, nicht in Anspruch zu nehmen brauchte. Um aber der Höflichkeit Genüge zu tun, vielleicht auch, um sich auf andere Gedanken zu bringen, sprach Mordaunt in dem Hause vor und fand es zu seiner nicht geringen Verwunderung in der lebhaftesten Aufregung. Triptolemus polterte in großen Reiterstiefeln die Treppe auf und ab und schrie seiner Schwester und seiner Magd Tronda Fragen zu, die von den beiden Frauen mit lautem Gekreisch beantwortet wurden. Endlich erschien Jungfer Baby selbst, in ein weites Gewand gehüllt, das man als »Josephskittel« zu nennen liebte, und das einst grün gewesen war, jetzt aber durch Flecken und Flicken dem Kittel des Patriarchen, in welchem er als Knabe von seinen Brüdern nach Aegypten verschachert wurde, so ähnlich geworden war wie ein Ei dem andern. Dazu trug sie einen Hut mit kirchturmartigem Deckel auf dem Kopfe – wahrscheinlich vor langen Jahren in einem Augenblicke gekauft, als Eitelkeit den Sieg über die Habsucht davontrug, – mit einer Feder drauf, die soviel Wind und Regen ausgehalten zu haben schien, als hätte sie einer Seemöwe als Fittich gehört, – vollendete ihren Anzug, wozu noch eine mit Silber beschlagene altmodische Peitsche kam, die sie in der Hand trug. Der Anzug und eine beispiellose Aufregung in Haltung und Wesen verrieten die Absicht zu einer Reise oder Ortsveränderung ...