Baby-Barbara war auch die erste, deren Mordaunt ansichtig wurde doch begrüßte sie ihn augenscheinlich mit sehr gemischten Gefühlen ... »Gott steh uns bei!« rief sie, »ist das nicht der muntere Bursch mit der Kette um den Hals, der unsere Gans verschlang wie eine Seelerche?«
Der goldenen Kette, die damals auf ihr Gemüt so tief eingewirkt, galten ihre ersten Worte; dem frühen Hinübergange der Räuchergans die zweite Hälfte ihrer Rede – den Schluß derselben bildete die Bemerkung: »Leben und Seligkeit möcht ich drauf wetten, daß er den gleichen Weg mit uns geht.«
»Ich will nach Burgh-Westra, Jungfer Yellowley,« sagte Mordaunt.
»Uns soll es nur lieb sein, wenn Ihr Euch uns anschließt,« versetzte sie; »zum Essen ist's wohl noch zu früh? Gerstenkuchen und Hausbier könnt Ihr haben. Mit vollem Magen wandern ist zwar nicht gut, – und den Appetit für das Fest, wo doch alles vollauf sein wird, verdirbt man sich durch vorherige Mahlzeit auch.«
Mordaunt holte seinen eigenen Mundvorrat aus seinem Ränzel, versicherte, sie nicht abermals belästigen zu wollen, bat sie vielmehr bei ihm zuzulangen. Der arme Triptolemus, der nur selten ein halb so gutes Mittagessen bekam, als seines Gastes Imbiß war, fiel über die appetitlichen Speisen her, wie Sancho Pansa über den Schaum von Gamachos Kessel, und selbst Barbara konnte der Versuchung, einen Kosthappen zu nehmen, nicht widerstehen; was sie damit zu rechtfertigen suchte, daß sie um der Reise willen und weil man mit Holz in einem so kalten Lande haushälterisch umgehen müßte – es nicht erst für nötig gehalten hätte, Feuer anzumachen, deshalb aber mit Essen »heute« ein wenig knapp dran sei – anderseits doch einmal sehen möchte, ob man im schottischen Norden das Fleisch ebenso pökle wie hier.
Als dieser »Imbiß aus dem Stegreif« verspeist war, drang Triptolemus darauf, die Reise anzutreten, und jetzt wurde es Mordaunt klar, daß die Freundlichkeit, mit der ihn Jungfer Baby begrüßt, nichts weniger als frei von eigennützigen Regungen war; denn weder sie noch ihr gelehrter Bruder mochten sich gern in die Wildnis Shetlands ohne Führer wagen, und dangen sie auch nur einen Taglöhner dazu, so ging dabei – außer dem Trinkgeld, um das sie nicht herumgekommen wären – auch noch ein voller Tagelohn verloren.
Mordaunt kam ihnen mithin höchst gelegen, denn als Spender solchen Imbisses obendrein mußte er so willkommen erscheinen wie nur je ein Gast an ihrer Tür, die sich ja sonst am liebsten jedem verschloß; Herr Yellowley freute sich außerdem darauf, in seinem jungen Begleiter einen willigen Hörer für all die »Melilvrationspläne« zu finden, mit denen er sich in Gedanken trug.
Da Verwalter und Schwester nicht wandern, sondern reiten wollten, galt es nun, auch ihren Führer beritten zu machen, was aber keinerlei Schwierigkeit bot, denn in Shetland laufen der rauhhaarigen Gäule mit kurzen Beinen und langem Rücken genug frei auf den Mooren herum – wie schon einmal bemerkt, frei zu jedermanns Gebrauch – ja die Sache bot um so weniger Schwierigkeiten, als zwei solche Gäule schon für das Geschwisterpaar eingefangen und reisefertig gemacht worden waren. Der eine, dazu ersehen, die süße Bürde von Jungfer Baby zu tragen, hatte einen gewaltigen Quersattel von hohem Alter, eine Masse von Kisten und Polstern, unter der auf allen Seiten eine Schabracke aus alten Teppichen herabhing, die,ursprünglich für ein Pferd von normaler Größe bestimmt, den kleinen Shetland-Klepper von den Ohren bis zum Schweife und vom Widerrist bis zum Hufe bedeckte, so daß nichts frei blieb als der Kopf, der aus diesen Umhüllungen keck hervorblickte, wie der Löwe auf einem Wappen aus einem Busch. Mordaunt hob die schöne Jungfer nach Rittersitte auf den Gaul, und mit einiger Anstrengung gelang es ihm auch, sie wohlbehalten auf den Gipfel des bergartigcn Sattels zu setzen.
Inzwischen hatte ihr Bruder Triptolemus sich auf seinen Gaul, wenn auch nicht geschwungen, so doch hinauf »gekrabbelt« – und da er, des heitern Wetters ungeachtet, einen großen Mantel über seine andern Kleidungsstücke geworfen hatte, war sein Klepper fast noch dichter verhüllt als der seiner Schwester, leider aber so wild und widerspenstig, daß er unter dem Gewicht seines Reiters, in völliger Mißachtung der Yorkshirer Abstammung desselben, Lust bekam zu allerhand Kapriolen und Courbetten, die Triptolemus zu keinem festen Sitze in seinem Sattel kommen ließen; da nun das Pferd selbst nur bei genauem Hinsehen zu entdecken war, konnte man sich in einigem Abstande zu dem Wahn versucht fühlen, seine Sprünge als die freiwilligen Bewegungen des Reiters, die er mit seinen eigenen, ihm von der Natur verliehenen Beinen machte, anzusehen – was aber zusammen mit dem verzweifelten Gesichtsausdruck von dem armen Triptolemus einen so lächerlichen Eindruck gab, als Sancho Panso neben Don Quixote nur je gemacht haben dürfte.
Mordaunt, dem weder zur Klepperwahl noch zur Beschaffung von Reitzeug Zeit blieb, der statt des letztern sich gar mit einem bloßen Stricke begnügen mußte, hielt trotzdem wacker Schritt mit dem würdigen Geschwisterpaar, und Triptolemus Jellowley, außer sich vor Freude, seinen Führer so schnell beritten zu sehen, nahm sich im stillen vor, diesen rohen Gebrauch, Reisenden zu einem Pferde zu verhelfen, ohne dabei den Eigentümer um Erlaubnis zu fragen, nicht eher abzuschaffen, als bis er selbst eine Herde Pferde besäße – und man also an ihm das Recht der Vergeltung ausüben könnte.
Weniger nachsichtig aber bewies sich Triptolemus gegen andere Bräuche auf den Inseln; in der wilden, bergigen Gegend, durch die ihn Mordaunt führte, gab es tatsächlich keinen Platz, der in seiner lebendigen Einbildungskraft nicht Verbesserungsideen geweckt hätte. Bald wollte er durch eine kaum gangbare Schlucht, in der die zuverlässigen Gäule, die sie ritten, kaum einen Fuß vor den andern setzen konnten, eine Fahrstraße legen; an die Stelle der aus Lehm und aus trockenem Gestein errichteten Skios oder Hütten, in denen die Eingeborenen ihre Fische einsalzten, bessere Häuser setzen; bald wollte er das alte Shetländer Hausbier durch gutes Ale ersetzen oder Wälder pflanzen wo nie ein Baum wuchs, oder nach ergiebigen Bergwerken suchen an Stellen, wo ein paar dänische Schildlinge schon als halbes Vermögen galten. Von all diesen Reformen und manch andern mehr sprach er mit dem größten Vertrauen und erhoffte sich das Beste von der Unterstützung und dem Beistande, den er von den höhern Klassen, und namentlich von Magnus Troil, dazu erwartete.
»Ehe wir einige Stunden älter geworden,« sagte er, »will ich dem Manne meine Ansichten auseinandergesetzt haben, und Ihr sollt sehen, mit welchem Danke er sich gegen einen Mann äußern wird, der den Schatz seiner Kenntnisse dergestalt mehren hilft.«
»Ich würde Euch doch raten, nicht allzufest darauf zu bauen,« sagte Mordaunt; »Magnus Troil geht gern seinen eigenen Weg und zwar auf den hier zu Lande gewohnten Bahnen. Ich meine, ehe Ihr Magnus bewegen könnt, norwegische gegen schottische Sitten zu vertauschen, lehrt Ihr eher ein Pferd wie einen Seehund unter Wasser gehen; und doch ist er vielleicht bei aller Anhänglichkeit an alte Gebräuche in seiner Freundschaft eben so wandelbar wie andre.«
» Heus, tu inepte!« rief der Student von St.-Andrews; »anhänglich oder nicht, was will das sagen? Stehe ich nicht hier an meinem Platze, und habe ich nicht die Gewalt? Möchte sich ein Vogt herausnehmen, mit mir, dem Vertreter des Kämmerlings der Orkney- und Shetlandsinseln, über Gründe zu disputieren?«