» Jacta est alea,« brummte er vor sich hin, »dieser Tag soll mir zeigen, ob die Shetländer meiner Anstrengungen wert, oder ob ihre Gemüter des weitern Anbaues gleich unfähig sind, wie ihre Torfmoore. Aber wir wollen vorsichtig zu Werke gehen und die passende Zeit abwarten, bevor wir das Thema anschneiden. Ein paar Bissen von dem appetitlichen Rostbraten, der uns winkt, werden die schickliche Einleitung zu meinem Plane, die Zucht des Tiers, von dem es stammt, zu bessern, abgeben,«
Mittlerweile waren die Gäste an der niedrigen, aber langen Front des Herrenhauses, dessen Ausbau in verschiedene Jahre zu fallen schien, je nachdem die Familie seines Besitzers größere Räume zum Bedingnis machte, angelangt. Unter einem breiten, großen Vorbau, der mit zwei starken, mit Schnitzwerk verzierten Säulen getragen wurde, von Schiffen stammend, die an der Küste gestrandet waren, stand, die zahlreichen Gäste zu empfangen und zu bewillkommnen, die nach und nach eintrafen, Magnus Troil in dem weiten, blauen, altväterischen Rocke, der, mit Scharlach abgefüttert, und mit goldenen Tressen auf den Nähten und an den großen Aufschlägen besetzt, zu seiner kernhaften Figur mit dem derben, männlichen, wettergebräunten Gesicht so trefflich paßte. Ehrwürdiges Silberhaar, in reicher Fülle unter dem goldenen Tressenhut hervorwallend, hinten leicht durch ein Band gehalten, wies auf sein vorgerücktes Alter. Eine leichte Wolke des Mißvergnügens schien über seine Stirn zu fliegen, als er die kleine Gruppe sah, die wir vom Sumbourgh-Head hierher begleitet haben; und als er Triptolemus Yellowley entgegentrat, schien er zu doppelter Größe zu wachsen.
»Seid willkommen, Herr Yellowley,« sprach er den Verwalter des Lord-Kämmerlings an, freundlich wohl, und doch nicht ganz mit der Herzlichkeit, die er andern Gästen gegenüber gezeigt hatte – »willkommen in Westra! Der Wind hat Euch an eine rauhe Küste verschlagen, und wir Eingeborenen müssen bemüht sein, Euch die Meinung, die Ihr von ihr habt, zu bessern ... Ach! wohl Eure Schwester? Jungfrau Barbara Yellowley? Nun, Ihr vergönnt mir wohl die Gunst eines nachbarlichen Grußes?« und mit einer kecken, eigenmächtigen Höflichkeit, die man in unserer überfeinen Zeit vergeblich suchen würde, drückte er auf die verwelkte Wange der Jungfrau einen Willkommsgruß, der von ihr mit jüngferlich-schüchternem, doch mildem Lächeln hingenommen wurde. Dann fiel sein starrer Blick auf Mordaunt, und ohne ihm die Hand zu bieten, sprach er in einem Tone, der eine tiefe Bewegung verriet: »Auch Ihr sollt willkommen sein, Herr Mordaunt.«
Mordaunt, durch die Kälte solchen Empfangs gekränkt, versetzte: »Hätte ich mich des Gegenteils versehen zu müssen gemeint, so wäre ich nicht gekommen; immer ist es es, wenn ich mich darin geirrt habe, noch Zeit zur Umkehr.«
»Junger Mann,« sagte Magnus; »daß vor dieser Tür niemand umkehren darf, ohne den Eigentümer zu beleidigen, wißt Ihr besser als jeder andere; drum bitte ich, daß Ihr die Fröhlichkeit meiner Gäste nicht durch unzeitige Empfindlichkeit stört. Magnus Troils Willkommen gilt allen, die seiner Stimme Klang – und er reicht weit – vernehmen. Kommt herein, Ihr werten Gäste, und laßt uns sehen, welchen Empfang die Frauen im Hause uns bereiten werden.«
Indem er sein weiteres Verhalten nun so einrichtete, daß Mordaunt sich weder zurückgesetzt noch bevorzugt dünken konnte, geleitete er seine Gäste in die beiden großen Vorhallen, die in seinem Hause die Stelle eines Salons vertraten und mit Gästen aller Art schon angefüllt waren.
Das einfache Mobiliar trug das Gepräge der Eigentümlichkeit dieser wilden Inseln. Magnus Troil, gleich den meisten aus der besseren Klasse der shetländischen Grundbesitzer ein Freund aller Bedrängten, hatte wiederholt Gut und Ansehen eingesetzt, Schiffbrüchige zu beschützen – leider aber war Unglück zur See an dieser gefahrvollen Insel so häufig, daß auch dem aufopferungsfreudigsten Menschen Lust und Mut dazu hätten ausgehen können; es wurde aber auch soviel herrenloses Gut an den Strand dabei getrieben, daß mancher Ersatz für die Mühsal sich mit den Jahren angefunden hatte.
Die Stühle z.B., manche darunter von fremder Arbeit, wiesen deutlich auf frühere Verwendung in Schiffskabinen hin; auch die Spiegel und Schränke, unter den letzteren welche aus einem Holze, das niemand auf den Inseln kannte, waren offenbar zum Schiffsgebrauch angefertigt; selbst die Scheidewand zwischen den beiden Zimmern schien aus der Querwand eines großen Fahrzeuges zu stammen und von einem tischlernden Inselbewohner plump eingeschoben worden zu sein. Für einen Fremden wären diese Wahrzeichen menschlichen Elends ein zu starker Gegensatz gegen den frohen Anlaß gewesen, der die Leute heute hier zusammenführte; diese selbst aber waren mit der Ursache solches Elends zu innig vertraut, um sich in ihrem Taumel dadurch stören oder beirren zu lassen.
Der jüngere Teil der Gesellschaft war über Mordaunts Eintritt vor Freude schier außer sich. Alle gaben ihrer Verwunderung darüber, daß er sich so lange nicht habe sehen lassen, unverhohlenen Ausdruck, aber keiner war – wie man recht gut sah – der Meinung, daß der Grund dazu in irgendwelchen Differenzen zwischen ihm und der Familie läge. Hierdurch wurde dem Jüngling die Sorge um wenigstens einen Punkt, wenn nicht genommen, so doch gemildert. Mochten die Leute von Burgh-Westra noch so tiefe Vorurteile gegen ihn gefaßt haben, so hatte er wenigstens nicht den Kummer, in den Augen der Gesellschaft an Ansehen eingebüßt zu haben, und er brauchte sich, wenn eine Auseinandersetzung nötig war, mit einer solchen nur auf die Familie zu beschränken. Trotz alledem sah er noch immer dem Augenblick mit Bangen entgegen, der ihn dem Schwesternpaare gegenüber führen würde – den beiden Mädchen, denen er in so inniger Freundschaft angehangen hatte. Nachdem er sich von seiner Reisegesellschaft, die wie Kletten an ihm hing, dadurch frei gemacht, daß er sie mit einigen Familien in Beziehung setzte, und andern Bekannten gegenüber sein langes Wegbleiben durch den Gesundheitszustand seines Vaters erklärlich gemacht, bahnte er sich einen Weg durch die verschiedenen Gruppen zur Tür eines kleinen Zimmers, das Minna und Brenda nach ihrem eigenen Geschmack eingerichtet hatten und als ihr besonderes Besitztum betrachteten.
Mordaunt hatte nicht geringen Anteil an der besonderen Ausstattung dieses Raumes, der ihm während seines letzten Aufenthaltes in Burgh-Westra eben so offen gestanden, wie den Eigentümerinnen selbst. Jetzt aber hatten die Zeiten sich dermaßen geändert, daß er den Finger auf der Klinke hielt, unschlüssig, ob er ihn aufdrücken solle, oder nicht, bis endlich Brenda: »Nur herein!« rief in einem Tone, der sich anhörte, als ob sie am liebsten den Besuch, der sich mit Klopfen meldete, gar nicht sähe oder schnell los sein möchte. Indes trat Mordaunt auf diesen Ruf ein. Minna und Brenda saßen zusammen mit Cleveland, dem fremden Kapitän, und einem behenden alten Männchen, dessen Auge noch all die Geistesfrische verriet, die ihn in tausenderlei Schicksalen eines wechselvollen schwankenden Lebens aufrecht erhalten hatte und seine treue Begleiterin im hohen Alter geblieben war. In der Neugierde, mit der er, während er jetzt bescheiden zur Seite trat, Mordaunts Begegnung mit dem lieblichen Schwesternpaare beobachtete, lag ein gewisser Grad von Schlauheit und Pfiffigkeit.
Abgesehen davon, daß die beiden Mädchen die Beklommenheit über die veränderten Umstände, unter denen sie sich wiedersahen, nicht so gut verbergen konnten wie Magnus Troil, sondern vielmehr, als sie sich zur Begrüßung erhoben, lebhaft erröteten, ließ sich kaum ein Unterschied zwischen ihrem und des Vaters Wesen merken; Mordaunt unterließ es, sowohl die Hand zum Gruße zu heben, als – wie es die damalige Zeit, wenn nicht forderte, doch erlaubte, – die Wange zum Kusse zu reichen; und so fand die Begegnung förmlich und kalt statt, wie unter flüchtigen Bekannten.