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Das war ironisch gesagt; allein, die Wahrheit zu gestehen, der Mann, dem die Rede galt, besaß eine größere Weltkenntnis und wußte recht gut, was sein Äeußeres wert sei – und gerade der Umstand, daß er sich seines äußeren Verdienstes bewußt war, machte, daß seine Dazwischenkunft doppelt unangenehm wirkte, ja im höchsten Maße verdroß. Jung, hübsch und keck, stand ihm die Maske seemännischer Derbheit vortrefflich und schickte sich vielleicht besonders gut zu den einfachen Sitten des abgelegenen Landes, in welchem er sich aufhielt . . . So begnügte er sich auch bei dieser Gelegenheit, über Mordaunts sichtbare Verstimmung gutmütig zu lächeln ...

»Ihr grollt mir, Freund,« sagte er; »aber daß ich noch einmal böse auf Euch würde, dazu bringt Ihr es nicht – hätten mich doch aller hübschen Frauen Hände, die ich im Leben gedrückt, nicht aus dem Roost von Sumburgh aufgefischt! Scheltet mich also nicht, denn Halcro ist mein Zeuge, daß ich Flagge und Marssegel gestrichen habe, und, wenn Ihr mir auch eine volle Lage geben solltet, mit keinem einzigen Schusse erwidern kann.«

»Stimmt, Mordaunt, stimmt,« sagte Halcro; »und Du mußt Dich schon mit Kapitän Cleveland aussöhnen. Um Weibergrillen sich mit einem Freunde zu veruneinigen, ist nie geraten ... und wären Weiber immer gleicher Laune, wo, zum Geier! kämen dann die vielen Lieder auf sie her?«

»Aber Euer Lied, Halcro, Euer Lied,« rief, ihm schnell ins Wort fallend, Kapitän Cleveland.

»Das Lied?« fragte Halcro, den Kapitän am Kopfe fassend, denn, da ihm während seiner Märchen die Leute gern wegliefen, war er immer auf der Suche nach einem Halte, sie daran zu verhindern. »Das Lied? Nun, Ihr sollt es hören, wenn Ihr einen Augenblick still halten wollt, und Du mit, Mordaunt Mertoun; hab' ich doch fast ein halbes Jahr lang kein Wort von Dir gehört – oder willst Du mir etwa auch weglaufen?« Und flugs hielt er ihn auch mit der andern Hand fest.

»Nun,« sagte der Seemann, »jetzt hat er uns beide ins Schlepptau genommen; nun müssen wir ihn schon zu Ende hören, und wenn er gleich einen Faden spinnt, zäher als ein alter Matrose auf Mitternachtswache.«

»Aber nun still, und laßt bloß einen von uns das Wort allein reden,« sagte der Dichter in befehlendem Tone, während seine beiden Zuhörer sich resigniert in die unvermeidliche Notwendigkeit fügten, die Erzählung, die nun kommen mußte, anzuhören. »Ich werde es euch haarklein erklären,« fuhr Halcro fort. »Durch die Welt geworfen ward ich wie viele andere junge Burschen, den Lebensunterhalt zu verdienen; aber ich wußte mich, Gottlob, mit allem zu behelfen, blieb auch den Musen zugetan und schlug mich durch, bis mein Vetter, der alte Laurence Linklutter, starb und mir ein Stückchen Insel hinterließ, nackt und bloß wie der Parnassus selbst. – Was tut's – habe ich doch einen Pfennig auszugeben, einen andern noch in meinem Geldbeutel, einen Pfennig den Armen mitzuteilen, und ein Bett und eine Flasche für einen Freund, wie Ihr erfahren sollt, wenn Ihr nach Beendigung der Festlichkeit mit mir kommen wollt. – Aber wo bin ich denn in meiner Geschichte stehen geblieben?«

»Nahe beim Hafen, hoffe ich,« antwortete Cleveland; aber Halcro erzählte viel zu gern, als daß ihn selbst der deutlichste Wink hätte zurückschrecken sollen.

»Ach, ja,« fuhr er mit dem selbstzufriedenen Gesicht eines Mannes fort, der den Faden seiner Erzählung wiedergefunden zu haben glaubt; »ich war in meiner Wohnung in Russel-Street, bei dem alten Timotheus Thimblethwaite, damals der berühmteste Schneidermeister in der ganzen Stadt. Er arbeitete für alle geistreichen Männer und für die dummen Glückspilze obendrein, und ließ die einen für die anderen bezahlen. Nie schlug er einem witzigen Kopf Kredit ab, außer im Scherz oder um eine geistreiche Antwort von ihm zu erhalten; auch stand er mit allem, was der Bekanntschaft in der Stadt wert war, in Briefwechsel. Zu mir hatte er besonderes Zutrauen, und ich habe für das Zimmer, das ich bei ihm bewohnte, zwei Monate lang in der Kreide gestanden. Zwar zeigte ich mich ihm auch gefällig, nicht etwa, daß ich für ihn zugeschnitten oder genäht hätte, was für einen Mann aus guter Familie nicht anständig gewesen wäre, aber ich – je nun, ich zog ihm seine Rechnungen aus – hielt seine Bücher in Ordnung und ...« »Und trug den Kunden die Kleider zu, und bekam Wohnung dafür, nicht wahr?« unterbrach ihn Cleveland.

»Nein, nein, Gott bewahre! nichts dergleichen,« erwiderte Halcro.

»Aber Ihr bringt mich ganz aus meiner Geschichte heraus, wo bin ich denn gleich stehen geblieben?«

»Möge der Teufel Euch wieder auf das Fahrwasser helfen,« rief der Kapitän, seinen Rockknopf gewaltsam aus der Hand des Erzählers befreiend, »ich habe keine Zeit länger zuzuhören,« und eilte zum Zimmer hinaus.

»Ein alberner Mensch, dem alle Erziehung fehlt,« sagte Halcro, ihm nachblickend; »was Magnus Troil und die albernen Dirnen Großes an ihm finden, möchte ich wirklich wissen, – von den langen Geschichten von Abenteuern und Seegefechten ist jedes Wort ohne Zweifel eine Lüge . . . aber ich sehe, auch Du bist ungeduldig, das Ende von meiner Erzählung zu vernehmen – nun, wo bin ich denn stehen geblieben?«

»Ich fürchte, wir müssen es bis nach Tische aussetzen, lieber Meister,« sagte Mordaunt, der ebenfalls auf seinen Rückzug bedacht war, ihn aber auf anständigere Weise zu bewerkstelligen suchte als Cleveland.

»Nein, nein, guter Junge!« entgegnete hierauf besorgt der Greis, »laufe nicht auch Du mir davon, – sieh, ich habe schon manchen sauren Gang in meinem Leben getan, aber meine Schritte wurden immer leichter, wenn ich mich auf den Arm eines alten Freundes, wie Du mir einer bist, stützen konnte.«

So sprechend, ließ er das Kleid des Jünglings fahren, und seine Hände in seinen Arm lehnend, suchte er ihn noch fester an sich zu ziehen; Mordaunt aber, der seine Poesie mehr liebte als seine Prosa, erinnerte ihn an jenes Lied, das er gedichtet haben wollte, als er den Inseln zum erstenmal Lebewohl sagte! Halcro aber, der ihn nicht fortlassen mochte, ging gern darauf ein, griff – denn er war auch ein halber Musikus – jetzt zu einer Art von Laute und sprach:

»Ich lernte sie spielen von demselben Mann, der sie den ehrlichen Shadwell lehrte, von eben dem, den man den dicken Tom nannte; Du wirft Dich seiner wohl noch erinnern, Mordaunt? Aber was war es denn, was ich singen wollte? – ach, richtig! Den Abschied an das Mädchen von Northmaven – an die arme Betsy Stimbister, die ich in den Versen Mary genannt.« So sprechend, sang er nach einem kurzen Vorspiel, mit leidlicher Stimme und nicht ohne Geschmack:

Lebewohl Dir, Nortmäven,

Hoch, Hillswick, auch Dir!

Der Ruhe Deiner Häfen,

Deiner Stürme Revier –

Jedem Lüftchen, wie's immer

Die Küste umzieht;

Dir, Mary, die nimmer

Mein Auge mehr sieht.

Euch Wogen, die mächtig

Einst Hakon gezähmt,

Ob schäumend ihr prächtig

Die Felswand verbrämt. –

Mag schau'n doch hinüber

Schon Mary Dein Blick,

Dein Herzinnig-Lieber

Kehrt nimmer zurück.

Deine Schwüre, sie dringen

Nicht mehr in mein Ohr.

Kannst, Falsche, sie singen

Den Seefrauen vor.