Es wird nicht schwer halten, einen sittlichen Grund für dieses scheinbare Mißverhältnis in der weisen Einrichtung der Vorsehung aufzufinden, deren Absicht es ohne Zweifel ist, in der menschlichen Gesellschaft im allgemeinen ein Gleichgewicht von Witz, Gelehrsamkeit und liebenswürdigen Eigenschaften aller Art aufrecht zu erhalten. Denn was wäre die Welt, wenn sich nur Verstand mit Verstand, Gelehrsamkeit mit Gelehrsamkeit, Liebenswürdigkeit mit Liebenswürdigkeit, ja Schönheit nur mit Schönheit paarten. Springt es nicht in die Augen, daß, wenn die auf niedrigeren Stufen stehenden Mitglieder der menschlichen Gesellschaft: als Toren, Unwissende, Pöbelhafte und Mißgestalten (beiläufig gesagt, bei weitem der größere Teil) zu einer ausschließlichen Verbindung untereinander verdammt wären, diese sowohl dem Innern, als dem Aeußern nach, endlich zu Orang-Utans herabsinken würden? – Wenn wir also Strenges mit Zartem sich Paaren sehen, dürfen wir allerdings das Schicksal des leidenden Teils bedauern, müssen aber darum nicht weniger das geheimnisvolle Wirken einer weisen Vorsehung bewundern, die das moralische Gute und Böse im Leben gleichmäßig verteilt, die einer durch die Sinnesart ihres Oberhauptes unglücklichen Familie durch die Frau einen Zusatz von edlerem Blute spendet, um den Nachkommen wenigstens von einer Seite jene Sorgfalt und Liebe zu sichern, die den Gesetzen der Natur nach von beiden Teilen ausgeübt werden sollten. Ohne diese häufigen Verbindungen, – in welchem Mißverhältnis sie uns auch auf den ersten Blick erscheinen mögen, könnte die Welt das nicht sein, wozu sie von der ewigen Weisheit bestimmt ward: ein Ort der Prüfungen und der Leiden, wo selbst die ärgsten Uebel gemildert werden durch Palliative, die sie für geduldige und demutsvolle Seelen erträglich machen; hingegen auch die höchsten Segnungen von einer unentbehrlichen Mischung von Bitterkeit nicht frei bleiben.
Kein Sterblicher, selbst in der glücklichsten Ehe und im Besitz eines wirklich geliebten Gegenstandes, findet alle die Eigenschaften vereint, deren Besitzes er sich vermutet hatte; sondern gelangt zuletzt immer zu der Ueberzeugung, daß er allzuhohen Hoffnungen Raum gegeben und das Luftschloß seines Glücks auf einem Regenbogen erbaut hatte, der sein Dasein nur der augenblicklichen Beschaffenheit der Atmosphäre verdankte. So hätte auch Mordaunt, wäre er mit der Welt und mit dem Lauf menschlicher Dinge mehr bekannt gewesen, sich wenig darüber gewundert, daß ein Mann wie Cleveland, hübsch, kühn und lebhaft, – ein Mann, der viele Gefahren bestanden hatte und doch nur wie im Scherze davon erzählte, einem Mädchen von Minnas phantasiereichem Gemüt als das Ideal eines Mannes erscheinen mußte; zumal die derbe Offenheit seines Wesens, wenn auch fern von Feinheit, doch auch ebenso entfernt von Heuchelei zu sein schien und ihm, trotzdem sein Sinn von äußerem Zwange keineswegs eingeengt zu sein schien, doch natürlicher Verstand und Lebensart genug eigen zu sein schienen, den guten Eindruck, den er einmal hervorgebracht, wenigstens, was das Aeußere betraf, aufrecht zu erhalten.
Da wir nun einmal eine gewisse Vorliebe fühlen für die dunkelgelockte Schönheit, von der hier die Rede, so haben wir uns diese Abschweifung erlaubt, um eine Weise zu rechtfertigen, die, wie wir gern zugeben, in einer Erzählung wie der vorliegenden, nicht recht natürlich scheinen mag, obgleich sie im allgemeinen Leben häufig genug getroffen wird – Minnas scheinbare Ueberschätzung nämlich der Talente und Vorzüge eines hübschen jungen Mannes, der ihr seine ganze Zeit und Aufmerksamkeit widmete, und dessen Huldigung ihr den Neid fast aller ledigen weiblichen Wesen ihrer Kreise eintrug. Jedenfalls trifft, wenn Leser oder Leserin den Charakter des Mädchens trotz all dem hier Gesagten, noch immer nicht anders als im Widerspruch zur Natur finden sollten, nicht uns die Schuld, die wir die Tatsachen nur berichten, wie wir sie finden, und erheben keinen Anspruch auf die Befugnis des Erzählers, Vorgänge, die von der Natur abzuweichen scheinen, derselben näher zu bringen oder das unbeständigste aller in der Schöpfung vorhandenen Dinge, das Herz eines schönen und bewunderten weiblichen Wesens beständig zu machen.
Die Notwendigkeit, jene Lehrmeisterin aller freien Künste, kann uns auch zu Schülern in der Verstellungskunft machen; und Mordaunt, obgleich noch Neuling im Leben, ließ sich nicht nötigen, aus ihrem Unterricht Nutzen zu ziehen. Es lag klar am Tage, daß er, um das Benehmen derjenigen, auf die seine Aufmerksamkeit gerichtet war, beobachten zu können, sein eigenes im Zaume halten und sich, wenn auch nur zum Schein, mit seinen beiden Nachbarinnen so angelegentlich unterhalten müsse, daß Minna und Brenda die Ueberzeugung gewannen, er sei gegen alles, was ihn sonst umgab, völlig gleichgültig. Das offene, heitere Wesen der beiden Mädchen Maddie und Clara Greatsettars, die als reiche Erbinnen auf der Insel bekannt waren und sich glücklich schätzten, den wachsamen Augen ihrer alten Tante, der Lady Glowrowrum, entronnen zu sein, kamen Mordaunts Bemühen, sich zu amüsieren, auf halbem Wege entgegen, und bald war man in einer lustigen Unterhaltung begriffen; dabei unterließ Mordaunt, soviel Witz er auch den jungen Damen gegenüber aufbot, nicht, von Zeit zu Zeit, wenn auch nur verstohlene, Blicke hinüber nach den Töchtern von Magnus Troil zu senden, – und immer noch schien es, als ob Minna, ausschließlich mit ihrem Nachbar Cleveland beschäftigt, für nichts anderes um sie her Aug und Ohr habe, Brenda hingegen, je mehr seine Aufmerksamkeit sich von ihnen abwandte, desto schwermütiger und ängstlicher auf die Gruppe schaute, zu der Mordaunt jetzt gehörte. Die Verlegenheit und Unruhe, die er in diesen Blicken bemerkte, rührten sein Herz, und er nahm sich vor, jede Gelegenheit wahrzunehmen, die sich ihm zu einer Verständigung mit ihr bot. Fiel ihm doch auch ein, was ihm Norna gesagt, daß die beiden liebenswürdigen Mädchen in Gefahr schwebten, den Ränken des kühnen, unternehmenden Fremden zum Opfer zu fallen – und diese Erinnerung führte ihn zu dem Entschlüsse, alles an die Entlarvung dieses Menschen und die Rettung der Freundinnen zu setzen. Während er noch mit solchen Gedanken beschäftigt war, wurde das Zeichen gegeben, das den weiblichen Teil der Gesellschaft von der Tafel entfernte. Minna neigte, mit der ihr eignen Anmut und edlen Haltung, ihr Haupt gegen die Gesellschaft im allgemeinen, fügte aber einen freundlichern und besondern Ausdruck hinzu, als ihre Blicke Cleveland begegneten. Brenda machte mit einem Erröten, das, wenn sie den Augen anderer ausgesetzt war, jede, selbst die unbedeutendste ihrer Bewegungen zu begleiten pflegte, eine ähnliche, durch ihre Verlegenheit aber ungeschickter ausfallende Verbeugung, und wieder glaubte jetzt Mordaunt zu bemerken, daß ihr Auge ihn in der Mitte dieser zahlreichen Gesellschaft suchte; zum erstenmal wagte er es, ihrem Blicke zu begegnen, ja ihn zu erwidern; ein Unterfangen, das die Glut auf den Wangen des Mädchens Wohl zu steigern, aber einen Anflug von Mißvergnügen darüber zu breiten schien.
Die Männer gaben sich den Freuden des Bechers mit allem Eifer hin, den die Sitte jener Zeit verlangte. Magnus Troil munterte durch Lehre und Beispiel auf, die Zeit zu benutzen, da man ja, sagte er, bald von den Frauen zum Tanze gerufen werden würde. Zugleich winkte er einem alten grauköpfigen Diener in Schifferstracht, der neben anderen Geschäften auch das eines Kellners versah ...
»Erik Scambester,« sagte er zu ihm, »hat der muntere Seemann von Canton seine Ladung an Bord?« – »Bis unter Deck, Herr!« antwortete der Ganymed von Burgh-Westra, »mit gutem Branntwein, Jamaikazucker, portugiesischen Zitronen, Muskatnüssen, Schiffszwieback und Quellwasser.«