Выбрать главу

Dabei überraschte ihn noch ein sonderbarer Umstand. Er hatte vor einiger Zeit, bei einer ähnlichen Anwandlung törichter Laune, seiner Geliebten, Sophie Wellwood, ebenfalls die Nativität gestellt und gefunden, daß der Einfluß der Gestirne ihr in dem neununddreißigsten Jahre Tod oder Gefangenschaft drohte. Sie war um diese Zeit achtzehn Jahre alt, so daß nach dem Ergebnisse der Berechnung, ihr in demselben Jahre eben das Unglück drohte, das dem in dieser Nacht geborenen Kinde geweissagt wurde. Erstaunt über dieses seltsame Zusammentreffen, wiederholte Mannering seine Berechnung, aber immer fand er das überraschende Ergebnis wieder, und endlich zeigte sich, daß sogar Monat und Tag zusammentrafen.

Niemand wird auf diesen Umstand großes Gewicht legen wollen, aber es geschieht ja so oft, daß wir, von dem Hange zum Wunderbaren verleitet, selbst bemüht sind, unsere bessere Einsicht zu verblenden. Mag das erwähnte Zusammentreffen wirklich einer von den sonderbaren Zufällen sein, die zuweilen gegen alle Berechnung sich ereignen, oder mag Mannering, verwirrt von den astrologischen Untersuchungen, zweimal demselben Faden gefolgt sein, um sich aus dem Irrgange zu finden; oder mag seine Einbildung, durch irgend eine scheinbare Ähnlichkeit getäuscht, ihm die Gleichheit beider Fälle auffallender gemacht haben, als sie in der Tat war – wer könnte es ausmitteln? Aber lebhaft und unauslöschlich war der Eindruck, den dieser Umstand auf sein Gemüt machte.

»Hat der Teufel seine Hand im Spiele, um sich zu rächen, daß wir mit einer Kunst scherzen, die ihren Ursprung aus der Hölle haben soll?« sprach er zu sich selbst, »Oder hätte etwa Bacon recht, wenn er mit andern behauptet, daß an verständig und regelmäßig angewandter Sterndeutung etwas Wahres ist, und daß man den Einfluß der Steine nicht leugnen soll, obgleich die Anwendung der Kunst durch die Betrüger, die damit ihr Unwesen treiben, in solchen Mißkredit gesetzt worden?« – Nach kurzem Nachdenken verwarf er jedoch diese Meinung als einen törichten Einfall, den jene verständigen Männer bloß darum ausgesprochen hätten, weil sie es nicht wagten, das allgemeine Vorurteil ihrer Zeit auf einmal anzugreifen, oder weil sie selbst noch nicht ganz frei von dem ansteckenden Einflüsse des herrschenden Aberglaubens waren. Die Wirkung, die der Erfolg seiner Untersuchungen auf sein Gemüt machte, war indes so erfreulich, daß er sich, wie Prospero, [In Shakespeares Sturm] vornahm, nie wieder, weder im Scherze noch im Ernste, sich mit der Sterndeutung abzugeben.

Er überlegte lange, was er dem Herrn von Ellangowan von dem Horoskop des Neugeborenen mitteilen sollte; endlich entschloß er sich jedoch, ihm alles offenherzig zu sagen, aber ihm zugleich die Trüglichkeit und Torheit der Regeln zu zeigen, die er bei seinen Untersuchungen befolgt hatte. Mit diesem Vorsatze stieg ei auf die Anhöhe vor dem alten Schlosse.

Nicht minder schön, als im Mondlichte, war die Umgebung von Ellangowan in der Beleuchtung der Morgensonne. Das Land lachte, selbst im November, in ihrem milden Scheine. Ein steiler Pfad führte von dem Erdenwall auf die benachbarte Anhöhe bis zur alten Burg. Sie bestand aus zwei starken, runden Türmen, die aus einer flachen Mauer, die sie verband, finster hervorsprangen und den weiten Eingang schützen, der durch einen hohen Schwibbogen in den innern Schloßhof führte, wo man noch die Falze für Fallgatter und Zugbrücke sah. Ein plumpes Tor von zusammengenagelten Föhrenstangen war jetzt die einzige Schutzwehr des einst so furchtbaren Einganges. Der Freiplatz vor der Burg bot eine herrliche Aussicht.

Die öde Gegend, wodurch Mannering am vorigen Tage seinen Weg genommen, war durch einige Anhöhen verdeckt, und die Landschaft, anmutig abwechselnd mit Tal und Hügeln, durchzog ein Fluß, der bald hervorblinkte, bald zwischen tiefen waldigen Ufern strömte. Eine Kirchturmspitze und einige Häuser bezeichneten die Lage eines Dorfes nicht weit von der Stelle, wo der Strom ins Meer sich ergoß. Die Täler schienen gut angebaut zu sein, und die Einfriedigungen, womit sie abgeteilt waren, liefen bald am Fuße der Hügel hin, bald stiegen sie in frischen Hecken zu den Anhöhen hinauf. Höher lagen üppig grünende Weiden, auf denen Hornvieh, zu jener Zeit Haupterzeugnis dieser Gegenden, die Landschaft belebte. Ernster erhoben sich die entfernteren Hügel und schwollen im tiefsten Hintergrunde zu dunklen Bergen empor, die, den Gesichtskreis abschneidend, die Grenze des angebauten Landes bezeichneten und den freundlichen Gedanken an eine stille Abgeschiedenheit erweckten. Die Seeküste, die Mannering jetzt in ihrer ganzen Ausdehnung erblickte, war mannigfaltig und schön, wie auch die Aussicht ins Binnenland. Hier und da erhob sie sich in hohen Felsen, häufig bedeckt mit den Türmen alter Burgen; Türmen, denen man der Sage zufolge, eine solche Lage gegeben, daß sie bei feindlichen Einfällen, oder in bürgerlichen Kriegen, zu gegenseitiger Verteidigung oder Beschützung durch Zeichen eine Verbindung unterhalten konnten. Das Schloß Ellangowan war die ansehnlichste dieser alten Burgen und bestätigte, was die Sage von dem Ansehen erzählte, das seine Gründer einst unter den Edlen des Landes genossen hatten. An andern Stellen gab die Küste einen anmutigen Anblick und war, wo das Ufer sanft sich senkte, in kleine Buchten zerschnitten oder streckte waldige Vorgebirge ins Meer.

Dieser Anblick übertraf so sehr die Erwartung, die die nächtliche Reise erweckt hatte, daß Mannering sich dem freundlichen Eindruck gern überließ. Zu seinen Füßen lag das neue Gebäude, freilich ein schlechtes Werk der Baukunst, aber die Lage war sonnig und anmutig. »Wie glücklich,« dachte er, »würde das Leben in dieser Abgeschiedenheit dahinfließen! Hier die hehren Ueberreste alter Größe und das geheime Gefühl von der Würde der Ahnen, das sie erwecken, und dort so viele Zierlichkeit und Gemächlichkeit, daß jeder bescheidene Wunsch Befriedigung finden könnte. Hier, und hier mit Dir, Sophie –«

Wir überlassen den Verliebten seinem wachen Traume. Er stand eine Minute mit untergeschlagenen Armen, bis er sich endlich zu den Burgtrümmern wandte.

Die rohe Pracht des innern Hofes glich dem großartigen Aeußeren. Auf der einen Seite lief eine Reihe hoher, breiter Fenster, durch ausgehauene Pfeiler abgeteilt, die einst die große Halle des Schlosses erleuchtet hatten; auf der andern zeigten sich Bauwerke, die zwar von ungleicher Höhe und aus verschiedenen Zeitaltern waren, aber doch ein gleichförmiges Ganzes bildeten. Türen und Fenster waren mit vorspringenden rohen Bildwerken verziert, die teils unversehrt, teils zertrümmert, teils mit Efeu und andern, üppig unter den Trümmern wachsenden Schlingpflanzen bedeckt waren. Die dem Eingange gegenüberliegende Seite des Hofes war ehedem auch durch eine Reihe von Gebäuden geschlossen gewesen, doch hatte dieser Teil der Burg durch das Geschütz während des Bürgerkrieges unter Cromwell, wie man sagte, so sehr gelitten, daß sich hier in den Trümmern eine weite Kluft öffnete, durch die Mannering das Meer und ein kleines bewaffnetes Fahrzeug in der Mitte der Bai erblickte. Als er in den Trümmern sich umsah, hörte er aus einem Gemache zur Linken die Stimme der Zigeunerin schallen, die er am vorigen Abende gesehen. Er fand bald eine Oeffnung, durch die er sie ungesehen beobachten konnte, und ihre Gestalt, ihre Beschäftigung und ihre rauhe Umgebung mußten ihn an eine alte Sibylle erinnern.

Sie saß auf einem zerbrochenen Eckstein im Winkel eines gepflasterten Gemachs, wo sie einen Platz für ihre kreisende Spindel reingefegt hatte. Ein heller Sonnenstrahl fiel durch ein hohes schmales Fenster auf ihre wilden Züge und ihren auffallenden Anzug, und gab ihr Licht zu der Arbeit. Tiefe Dämmerung war in dem übrigen Teil des Gemaches. Aus Wolle von dreierlei Farbe, schwarz, weiß und grau, zog sie einen Faden vom Rocken auf die Spindel und sang während des Spinnens einige Worte, die wie ein Zauberspruch klangen. Vergebens suchte Mannering die Worte des Gesanges aufzufassen, und machte dann nach einigen Stellen, die er deutlich verstanden, folgende Nachbildung, die er für ziemlich treu hielt: