»Wäre es möglich? Sollte sie wirklich diesen Fremden lieben?« war der erste trübe Gedanke, der jetzt in Mordaunts Gemüt emporstieg; – »und wenn dem so ist, was geht es mich an?« war der zweite, dem auf der Stelle die Betrachtung folgte, daß, obgleich er nie andere Rechte als die eines Freundes begehrte, die ihm jetzt entzogen schienen, er dennoch in Rücksicht auf dieses frühere Verhältnis Grund habe, über sie traurig und gegen sie aufgebracht zu sein, daß sie ihre Neigung an einen Menschen wegwerfe, den er derselben nicht würdig hielt.
Es mochte ungefähr um Mitternacht sein, als ein Pochen an der Pforte des Herrenhauses, von Musik begleitet, die Ankunft neuer Gäste verkündete, denen, der gastfreien Sitte dieses Landes gemäß, sofort die Türen geöffnet wurden.
Sechzehntes Kapitel
Die neuen Ankömmlinge waren, wie es bei solchen Festlichkeiten häufig, fast durch die ganze Welt zu geschehen pflegt, unter einer Art von Maskentracht versteckt, in der Absicht, jene Tritonen und Meermädchen vorzustellen, mit denen die alten Sagen und der Volksglaube die nördlichen Gewässer bevölkert. Die ersteren, von den Shetländern jener Zeit Schaupeltins genannt, wurden von jungen, grotesk gekleideten Männern, mit falschem Haar und langen Bärten von Flachs, dargestellt; sie trugen Kränze von Schilf, mit Muscheln und andern Seeerzeugnissen verziert, mit denen auch ihre hellblauen und grünlichen Mäntel, von grobem selbstgemachten Zeuge, geschmückt waren. Sie hielten Fischspeere und andere sinnbildliche Zeichen ihrer vorgeblichen Abkunft in den Händen, unter denen der klassische Geschmack von Claud Halcro, von dem dieser Zug geordnet wurden, die Muschelhörner keineswegs vergessen hatte, die zum großen Verdruß derjenigen, die in der Nähe standen, dann und wann von einigen der Seegötter laut und heiter geblasen wurden.
Die Nereiden und Wassernymphen dieses Aufzugs zeigten wie gewöhnlich etwas mehr Geschmack hinsichtlich ihrer Kleidung und ihres Schmucks, als bei ihren männlichen Begleitern sichtbar war. Ein phantastischer Putz von grüner Seide und ähnlichen kostbaren Gegenständen war ersonnen worden, um dem Begriff, den man von den Seebewohnern hegte, so viel wie möglich zu entsprechen, zugleich aber auch, um die Gestalten der schönen Darstellerinnen in dem vorteilhaftesten Lichte zu zeigen; die Bänder von Muscheln, die Nacken, Arme und Knöchel der Jungfrauen schmückten, waren hie und da mit echten Perlen verziert, und das Ganze bot einen Anblick dar, der selbst dem Hofe der Amphitrite nicht zur Unzierde gereicht hätte, zumal ihm die langen vollen Locken, die blauen Augen, das schöne Kolorit und die lieblichen Gesichtszüge der Mädchen von Thule noch wesentlich zu statten kamen. Claud Halcros Muse, immer tätig bei solchen Gelegenheiten, hatte für einen passenden Gesang gesorgt, der abwechselnd von den Nereiden oder Meermädchen und von den Meermännern oder Tritonen gesungen wurde.
1. Das Meermädchen.
Klaftertief aus Meeresnacht,
Wo wir Perlenkränze schlingen,
Und was kühn der Held vollbracht
Gern in unsern Liedern singen,
Wo wir hausen, und die Winde
Leis in unser Ohr nur wehn,
Wie die Seufzer, die so linde
Um der Teuren Liebe flehn.
Kinder Thules! dorther steigen
Wir aus dunkler Flut empor,
Einend uns mit Eurem Reigen,
Und mit Eurem Freudenchor!
2. Der Triton.
Vom Bänd'gen wilder Rosseschar,
Deren Wut die Woge hebt,
Wo vor unserm Wink sogar
Selbst des Ozeans Schlange bebt;
Wo, wenn Hai- und Walfisch streiten,
Unser Muschelhorn erklingt,
Wo wir Grabesglocken läuten,
Wenn der Seemann untersinkt.
Kinder Thules! dorther zogen
Wir zu Eurem Lustverein,
Unser Zug schnitt in die Wogen
Pfluggleich tiefe Furchen ein!
3. Das Meermädchen und die Tritonen
Eure Jubeltöne klingen,
Bis in unsre dunkle Nacht.
Denn der Wonne Klänge dringen
Selbst durch wilde Wogenmacht.
Ob wir in der Tiefe schweben,
Ist doch Freude unser Ziel,
Euren Frohsinn zu beleben,
Sind wir hier mit Sang und Spiel.
Kinder Thules, seht, wir steigen
Aus der Meeresnacht empor,
Einen uns mit Euren Reigen
Und mit Eurem Freudenchor!
Der Schlußchor wurde von sämtlichen Tänzern gesungen, diejenigen ausgenommen, die Muschelhörner bliesen. Dichtung sowohl als Vortrag fand bei allen, die von solchen Dingen Kenner zu sein glaubten, großen Beifall, vor allem aber bei Triptolemus Yellowley, dessen Ohr seine Lieblingsworte »Pflug und Furche« aufgefangen hatte und bei seiner Voreingenommenheit nur nach ihrer buchstäblichen Bedeutung begreifen konnte. Er erklärte daher laut und rief Mordaunt zum Zeugen: daß, obgleich es Sünde sei, so viel Flachs in Bärten und Perücken zu verschwenden, dieser Gesang dennoch die einzigen vernünftigen Worte enthalte, die er den ganzen langen Tag über gehört habe.
Mordaunt aber hatte keine Zeit, dieser Aufforderung Genüge zu leisten, denn er war beschäftigt, mit größter Aufmerksamkeit die Bewegungen einer der weiblichen Masken zu beobachten, die ihm beim Eintritt ein Zeichen gegeben, und obgleich er nicht wußte, wer sie sein könnte, war er sich doch sofort klar, daß er eine Mitteilung von Wichtigkeit von ihr zu erwarten hatte. Die Sirene, die seinen Arm berührt und ihn dabei scharf angesehen hatte, war mit weit größerer Sorgfalt als alle übrigen gekleidet und in einen weiten, ihre Gestalt völlig verbergenden Mantel gehüllt, ihr Gesicht aber durch eine seidene Larve bedeckt. Mordaunt bemerkte, wie sie sich nach und nach von den übrigen Masken absonderte und endlich, gleichsam um Luft zu schöpfen, an die offenstehende Türe trat, dort wieder ernst auf ihn blickte und dann, in einem Augenblick, wo die ganze Aufmerkfamkeit der Gesellschaft mit den übrigen Masken beschäftigt war, schnell das Gemach verließ.
Mordaunt säumte nicht, seiner geheimnisvollen Führerin zu folgen, die jetzt einen Augenblick lang still stand, um ihn den Weg, den sie nahm, erkennen zu lassen, dann schnellen Schrittes dem Seearm zueilte, der jetzt vor ihnen lag, und dessen kleine Sammetwellen im vollen Mondschein kräuselnd plätscherten. Der Glanz desselben, vereint mit dem starken, in der Tag- und Nachtgleiche des Sommers in diesen Regionen gewöhnlichen Zwielicht, ließ die Abwesenheit der Sonne nicht vermissen, deren Untergang auf den Wellen noch sichtbar war, während gegen Osten der Morgen schon zu dämmern begann.
Mordaunt fand daher keine Schwierigkeit, seine verkleidete Führerin im Auge zu behalten, die leichten Fußes über Höhen und Tiefen voraneilte und, sich zwischen den Felsen durchwindend, den Weg nach einem einsamen Plätzchen einschlug, das, zur Zeit seines frühern Verkehrs auf Burgh-Westra, durch ihn selbst angelegt worden und von den Töchtern Magnus Troils bei günstiger Witterung gern als Aufenthalt benutzt wurde. Hier also sollte die Erklärung stattfinden; denn die Maske hemmte ihre Schritte und ließ sich nach kurzem Zögern hier nieder.