Anfangs hatte er unter der Maske Norna vermutet, aber die hohe Gestalt und ihr langsamer majestätischer Gang waren von dem Wuchs und Wesen der schöner geformten Sirene völlig verschieden, die ihm mit so leichten Schritten vorangeeilt war, als sei sie tatsächlich eine Nereide, die zu lange auf dem Lande verweilt hatte und, jetzt Amphitritens Unwillen fürchtend, eilig in die Fluten zurückzukehren bemüht war. Da es nicht Norna war, konnte es, so dachte er, niemand anders als Brenda sein; und als sie Platz genommen und ihr Gesicht von der Larve befreit hatte, sah er, daß es wirklich Brenda war. Mordaunt hatte wahrlich nichts verbrochen, weshalb er ihre Gegenwart zu fürchten gehabt hätte, und dennoch, so stark ist der Einfluß der Schamhaftigkeit auf die unverdorbene Jugend beider Geschlechter, fühlte er jetzt ganz die Verlegenheit eines Menschen, der sich plötzlich vor einer, von ihm wirklich gekränkten Person befindet. Brenda zeigte nicht weniger Verwirrung. Da sie aber diese Zusammenkunft veranlaßt und die Ueberzeugung hatte, daß sie nur von kurzer Dauer sein konnte, war sie selbst wider Willen genötigt, die Unterredung zu beginnen.
»Mordaunt,« begann sie zaudernd, »Sie werden erstaunt sein, Herr Mertoun! daß ich mir diese ungewöhnliche Freiheit genommen.«
Erst seit heute morgen, Brenda,« erwiderte Mordaunt, »konnte irgend ein Beweis von Freundschaft und Vertraulichkeit, von Dir oder Deiner Schwester, mir seltsam erscheinen. Weit mehr war ich darüber verwundert, von Dir ohne Grund so lange gemieden zu werden, als daß es mich in Erstaunen setzen könnte, wenn Du mir jetzt eine Unterredung erlaubst. Sprich, in des Himmels Namen, Brenda, womit habe ich Dich beleidigt, und weshalb stehen wir auf diesem ungewöhnlichen Fuße?«
»Reicht es denn nicht hin,« antwortete Brenda, vor sich niederblickend, »wenn ich sage, daß es mein Vater so will.«
»Nein, nein,« rief Mertoun, »das reicht nicht hin – Dein Vater kann nicht so plötzlich seine Meinung von mir und sein Betragen gegen mich, ohne irgend eine schreckliche Täuschung geändert haben. Ich beschwöre Dich, mir darüber Aufschluß zu geben, denn ich will in Eurer Achtung weniger gelten als der elendste Bursche auf diesen Inseln, wenn ich nicht beweise, daß dieser Wandel Eurer Meinung nur durch irgend einen schändlichen Betrug oder durch ein außerordentliches Mißverständnis veranlaßt wurde.«
»Es mag so sein,« sagte Brenda – »ja, ich hoffe, daß dem so ist – und daß ich es hoffe, möge diese, von mir veranlaßte, geheime Zusammenkunft beweisen. Aber es ist schwer, – ja es ist mir unmöglich, die Ursache der schlimmen Meinung meines Vaters aufzuklären. Norna hat darüber kühn mit ihm gesprochen; sie gingen, wie ich fürchte, unzufrieden auseinander, und dazu konnte wahrlich den Anlaß nicht eine unbedeutende Ursache geben.«
»Ich habe bemerkt,« entgegnete Mordaunt, »daß Dein Vater ungemein viel auf Nornas Rat hält, und nachgiebiger gegen ihre Eigenheiten als gegen die anderer ist. – Ich habe es bemerkt, obgleich er den übernatürlichen Kräften, die sie sich anmaßt, eben keinen Glauben beimißt.«
»Sie sind weitläufig verwandt,« antwortete Brenda, »und waren Jugendfreunde, – ja man hat sogar, wie ich gehört habe, gemeint, daß sie einander heiraten würden. Aber Nornas Sonderbarkeiten zeigten sich gleich nach dem Tode ihres Vaters; und so war die Sache zu Ende, wenn wirklich etwas dran war. Gewiß aber ist es, daß mein Vater noch immer große Sympathie für sie hegt; und so ist es, wie ich fürchte, ein sicheres Zeichen, wie tief seine Vorurteile gegen Dich eingewurzelt sein müssen, daß sie in dieser Rücksicht gewissermaßen in Streit geraten sind.«
»Segen über Dich, Brenda, daß Du selbst sie Vorurteile nanntest, « rief Mertoun mit Wärme und Innigkeit – »Tausendfacher Segen über Dich!« – stets hattest Du ein sanftes Herz, und selbst den Schein der Unfreundlichkeit konntest Du nicht lange zur Schau tragen.«
»Nur ein Schein war es in der Tat,« sagte Brenda, nach und nach in den Ton der Vertraulichkeit übergehend, in dem sie sich von Kindheit an zu unterhalten gewohnt waren; »nie konnte ich denken, Mordaunt – nie ernstlich glauben, daß Du von mir oder von Minna unfreundlich gesprochen.«
»Und wer wagt es, zu behaupten, daß ich es getan?« rief Mordaunt, der ganzen Lebhaftigkeit seines Charakters Raum gebend; »wer wagt es, ohne zu fürchten, daß ich ihm die Zunge ausreiße? Beim heiligen Magnus, dem Märtyrer, ich will die Habichte damit füttern!«
»Nicht so,« entgegnete Brenda, »Deine Heftigkeit ängstigt mich und wird mich zwingen, Dich zu verlassen.«
»Mich verlassen,« erwiderte Mordaunt, »ohne mir die Lästerung und den Namen des schändlichen Verleumders zu nennen?«
»Ach, mehrere sind's,« sagte Brenda, »die meinem Vater eine Meinung beigebracht haben – von der ich selbst Dir nichts sagen kann – aber mehr als einer behauptet« –
»Und wären ihrer hundert, Brenda, es soll ihnen sämtlich geschehen, wie ich gesagt – heiliger Märtyrer! mich anzuklagen, daß ich unfreundlich von denjenigen gesprochen hätte, die ich auf der Erde am meisten achte und schätze. – Zurück ins Haus will ich in diesem Augenblick, und Dein Vater soll mir vor aller Welt Gerechtigkeit widerfahren lassen.«
»Geh nicht, um des Himmels willen, geh nicht!« sagte Brenda, »willst Du mich nicht zu dem elendsten Geschöpf auf dieser Welt machen.«
»So sage mir wenigstens,« antwortete Mordaunt, »ob ich recht rate, wenn ich diesen Cleveland als einen jener Menschen nenne, die mich verleumdeten?«
»Nein, nein!« rief Brenda lebhaft, »Du rennst von einem Irrtum in einen andern, noch gefährlichern; Du sagst, Du seist mein Freund; – auch ich bin bereit, Deine Freundin zu sein: – sei nur einen Augenblick ruhig, und höre, was ich Dir zu sagen habe; – unsere Unterredung hat schon zu lange gewährt, und jeder neue Moment bringt neue Gefahr.«
»So sage mir denn,« sprach Mordaunt, dessen Hitze sich durch die Angst und den Kummer des Mädchens abkühlte, »was verlangst Du von mir? Sei überzeugt, daß Du nichts fordern kannst, was ich nicht nach allen meinen Kräften zu erfüllen bereit wäre.«
»Höre also – der Kapitän, dieser Cleveland« –
»Also der, beim Himmel, dacht' ich's doch!« rief Mordaunt, »eine Stimme in meinem Innern rief mir zu, daß dieser Elende, auf eine oder die andere Weise, die Ursache aller dieser Mißverständnisse sei!«
»Wenn Du nicht auf einen Augenblick ruhig und geduldig sein kannst,« erwiderte Brenda, »so muß ich Dich auf der Stelle verlassen; – was ich sagen wollte, hat keinen Bezug auf Dich – aber auf jemand anders – mit einem Wort, auf meine Schwester Minna. – Ueber ihre Abneigung gegen Dich habe ich nichts zu sagen, aber von den Aufmerksamkeiten, die er ihr bezeigt, muß ich eine ängstliche Geschichte erzählen.«
»Diese Aufmerksamkeiten springen in die Augen,« sagte Mordaunt, »und wenn meine Augen mich nicht trügen, sind sie auch willkommen, wenn sie nicht etwa gar erwidert werden.«
»Das ist eben die Ursache meiner Angst,« antwortete Brenda; »auch auf mich hatten das Aeußere, das offene Wesen und die romantische Unterhaltung dieses Mannes Eindruck gemacht.«
»Sein Aeußeres!« fiel Mordaunt ein; »zwar ist er wohlgebaut und seine Gesichtszüge sind wohlgestaltet; aber, Mädchen, ich habe schönere Gesichter auf Borough-Moor hängen sehen. Nach seinem Benehmen mag er Kapitän eines Freibeuters, und seiner Unterredung nach, der Trompeter seines eigenen Puppenspiels sein; denn er spricht fast von nichts anderm als von seinen eigenen Taten.«
»Du irrst,« erwiderte Brenda; »nur zu gut erzählt er von dem, was er gesehen und erfahren hat; überdies war er wirklich in vielen fernen Ländern und bei mancher kühnen Tat, und er weiß davon mit eben so vielem Geiste, als großer Bescheidenheit zu sprechen. Man glaubt den Blitz zu sehen und den Donner der Kanonen zu hören. Auch versteht er noch von andern Dingen zu reden: von den herrlichen Früchten und Bäumen anderer Gegenden, und wie die Menschen dort das ganze Jahr hindurch eine Kleidung tragen, kaum halb so warm als unsre Sommertrachten.«