»Auf mein Wort, er versteht die Kunst, junge Mädchen zu unterhalten,« erwiderte Mordaunt.
»Allerdings,« sagte Brenda mit großer Schlichtheit; »anfangs, glaube es mir, gefiel er mir besser als meiner Schwester; aber wenn sie auch weit klüger ist als ich, habe ich dagegen mehr Welterfahrung als sie; denn ich habe mehrere Städte gesehen, einmal schon war ich in Kirckwall und dreimal in Lerwick, als die holländischen Schiffe dort vor Anker lagen – und so irre ich mich nicht so leicht in Menschen.«
»Und was, Brenda,« fragte Mordaunt, »ließ Dich denn weniger vorteilhaft von dem jungen Manne denken, dessen Wesen so einnehmend schien?«
»Ei,« entgegnete Brenda nach kurzem Besinnen, »er war sonst munterer, und seine Erzählungen nicht so schwermütig und schrecklich; auch lachte und tanzte er mehr.«
»Und tanzte wohl damals mehr mit Brenda als mit ihrer Schwester?« fügte Mordaunt hinzu.
»Das weiß ich nicht mehr so recht,« sagte Brenda ausweichend, »aber die Wahrheit zu sagen, ich hatte keinen Argwohn gegen ihn, so lange er uns beiden gleiche Aufmerksamkeiten bewies, denn damals konnte er uns nicht mehr sein als Du, Mordaunt, oder der junge Swaraster oder sonst irgend ein junger Mann auf der Insel.«
»Aber warum,« fragte Mordaunt, »kannst Du denn nicht geduldig ihn in ein näheres Verhältnis mit Deiner Schwester treten sehen? – Er ist reich, oder scheint es wenigstens zu sein. Du sagst, er sei gebildet und angenehm; was kannst Du von einem Liebhaber Minnas mehr verlangen?«
»Mordaunt, Du vergißt, wer wir sind!« sprach das Mädchen, sich ein Ansehen von Wichtigkeit gebend, das ihrem einfachen Wesen ebenso lieblich stand, wie der Ton, in dem sie bisher gesprochen; »dieses Shetland hier ist unsre eigne kleine Welt, vielleicht, wenigstens wie die Fremden behaupten, kleiner als andere Teile der Erde, aber es ist unsre eigene Welt; und wir, die Töchter von Magnus Troil, behaupten den ersten Rang darin. Schlecht nur stünde es uns, meiner Meinung nach, wollten wir uns, die wir von Seekönigen und Jarls abstammen, an den ersten besten Fremden wegwerfen, der, dem Eidervogel gleich, im Frühling an unsere Küste fliegt und sie im Herbst wieder verläßt, ohne daß wir wissen, von woher er gezogen kam, noch wohin er seinen Weg wieder genommen.«
»Und dennoch vielleicht einen shetländischen Goldvogel mit hinweglockt,« fügte Mordaunt hinzu.
»Ich will keinen Scherz über solche Dinge,« antwortete Brenda unwillig, »Minna ist, wie ich, die Tochter von Magnus Troil, dem Beschützer der Fremden, aber dem Vater von Hialtland. Er spendet ihnen die Gastfreiheit, deren sie bedürfen, aber selbst der stolzeste von ihnen mag sich nicht einbilden, daß es ihm gelingen würde, sich mit Troils Hause zu verbinden.«
Sie sprach dies in einem ungemein lebhaften Tone, den sie indes sogleich milderte, als sie fortfuhr: »Nein, Mordaunt, glaube nicht, daß Minna fähig wäre, das, was sie ihrem Vater und dem Blute desselben schuldig ist, so weit zu vergessen, daß sie auch nur dächte, sich mit diesem Cleveland zu vermählen – aber sie könnte ihm vielleicht ihr Ohr so lange leihen, als hinreichend wäre, ihr künftiges Glück zu zertrümmern. Ihr Gemüt ist von der Art, daß gewisse Gefühle tief in dasselbe eindringen. – Erinnere Dich, wie Ulla Storlson Tag für Tag den Gipfel vom Voßdale-Head bestieg, um nach dem Schiff ihres Geliebten auszuschauen, das nimmer wiederkehren sollte. Wenn ich an ihre langsamen Schritte denke, an ihre bleiche Wange, an ihr Auge, das, einer Lampe gleich, der es an Oel gebricht, immer mehr und mehr erlosch – wenn ich mich erinnere, mit welchen Blicken voll flüchtiger Hoffnung sie jeden Morgen die Klippe hinanstieg, und wie sich tiefe Verzweiflung auf ihrer Stirn gelagert hatte, wenn sie heimkehrte – wenn ich an alles dieses denke, kann es Dich wundern, wenn ich für Minna fürchte, deren Herz geschaffen ist, mit einer ähnlichen, tief eingewurzelten Treue eine Liebe zu nähren, die hineingepflanzt werden möchte?«
»Ich wundere mich nicht länger,« rief Mordaunt, an der Angst des armen Mädchens innigen Anteil nehmend; denn außer dem Zittern ihrer Stimme ließ ihn auch das Dämmerlicht eine Träne erblicken, die ihrem Auge entperlte, als sie jenes Bild entwarf, in dem ihre Phantasie das zukünftige Schicksal ihrer Schwester zeigte. »Ich wundere mich nicht, daß Du fühlst und fürchtest, wie es Dir die reinste Zuneigung gebietet, und wenn Du mir nur anzugeben vermagst, wie und auf welche Weise ich Deiner Schwesterliebe zu dienen vermag, so sollst Du mich bereit finden, mein Leben, wenn es not tut, eben so leicht daran zu wagen, als ich bereitwillig war, die Klippe zu erklimmen, um für Euch die Eier der Seevögel heranzuholen; und glaube mir, was auch immer Deinem Vater oder euch beiden, gesagt worden, daß auch nur der geringste Gedanke von Nichtachtung und Unfreundlichkeit in Rücksicht auf Euch bei mir geherrscht habe, ist falsch, falsch wie der Böse es nur ersinnen konnte.«
»Ich glaube Dir,« sagte Brenda und reichte ihm ihre Hand; »ich glaube Dir, und meine Brust ist leichter, jetzt, da sich mein Vertrauen zu einem so vieljährigen Freunde erneuert hat; wie Du uns helfen kannst, weiß ich nicht; aber auf den Rat Nornas, ja ich kann wohl sagen, auf ihr Gebot, war es, daß ich diese Mitteilung gewagt habe; und ich wundere mich fast selbst,« fuhr sie fort, »daß ich den Mut dazu gefunden. Du weißt nun alles, was ich Dir von der Gefahr, in der Minna schwebt, zu erzählen vermag. Beobachte diesen Cleveland – aber hüte Dich vor Streit mit ihm, denn gegen ihn, den erfahrenen Krieger, würdest Du unfehlbar den kürzeren ziehen.«
»Daß dies ausgemacht sei, will mir nicht einleuchten,« rief der Jüngling. »Mit gesunden Gliedern, einem Herzen voll Mut, den mir Gott verliehen, und in einer guten Sache obendrein, fürchte ich mich vor keinem Streite, den Cleveland mit mir anfangen könnte.«
»Wenn also nicht um Deinetwillen,« erwiderte Brenda, »doch um Minnas Wohl – meines Vaters und meinetwegen, vermeide jeden Zwist mit ihm und begnüge Dich damit, ihn zu beobachten und womöglich zu erforschen, wer er eigentlich ist, und was seine Absichten gegen uns sein mögen. Er sprach davon, sich nach den Orkney-Inseln begeben zu wollen, um sich nach seinem zweiten Schiffe umzusehen, aber Tage vergehen und Wochen, und noch immer macht er keine Anstalt zu seiner Abreise, und während er meinem Väter bei der Flasche Gesellschaft leistet und Minna mit romantischen Geschichten von fremden Völkern und fernen Kriegen in wilden unbekannten Gegenden unterhält, eilt die Zeit hin, und der Fremde, von dem wir nichts wissen, als daß er ein Fremder ist, schließt sich nach und nach immer vertraulicher und enger unserm Kreise an. – Und nun Lebewohl! Norna hofft den Frieden zwischen meinem Vater und Dir zustande zu bringen, und wünscht, Du solltest Burgh-Westra morgen noch nicht verlassen, wie kalt auch immer mein Vater und Minna gegen Dich sich verhalten mögen. Auch ich,« fuhr sie fort, ihm ihre Hand hinreichend, »darf dem unwillkommenen Gaste nur ein kaltes Gesicht zeigen; aber im Herzen sind wir einander immer Freund, Brenda und Mordaunt. Und nun trennen wir uns, denn wir dürfen nicht zusammen gesehen werden.«
Noch einmal bot sie ihm ihre Hand, schnell aber zog sie diese lächelnd und errötend mit einiger Verwirrung zurück, als der Jüngling von einem natürlichen Gefühl hingezogen ward, sie an seine Lippen zu drücken. Einen Augenblick lang bemühte er sich, sie zurückzuhalten, denn diese Zusammenkunft hatte für ihn einen großen Zauber, den er früher, so oft er auch schon mit Brenda allein gewesen, noch nie empfand; aber sie machte sich von ihm los, und indem sie ihm noch ein Lebewohl zuwinkte, bezeichnete sie ihm einen andern Pfad als den, den sie einzuschlagen im Begriff stand, und dem Hause zueilend, verschwand sie hinter den Anhöhen.