»Das muß Hawkins sein oder der Teufel,« sagte Cleveland.
»Meinetwegen, Herr Kapitän!« erwiderte der Hausierer, »der oder der, vielleicht auch von beiden etwas. Wollt Euch aber erinnern, daß Ihr, und nicht ich, ihm diesen Namen beigelegt habt.« »Kapitän Cleveland,« nahm der Udallar das Wort, »sollte das wohl das andere Schiff sein, von dem Ihr spracht?«
»Dann muß ihm das Glück günstig gewesen sein, seitdem wir uns verließen. – Sprach das Schiffsvolk etwa vom Verlust eines andern?«
»Das allerdings,« sagte Bryce, »sie haben etwas von einem Gefährten geredet, der in diesen Gewässern zu David Jones hinabgestiegen sei.«
»Und teiltet Ihr ihnen denn mit, was Euch davon bekannt?« fragte der Udallar.
»Ja, daß ich ein Narr gewesen wäre,« erwiderte der Hausierer. »Hätten sie gewußt, was aus dem Schiffe geworden, wäre ihre zweite Frage ohne Zweifel nach der Landung gewesen, und da hätte ich leicht ein bewaffnetes Schiff an die Küste ziehen können, entschlossen, die armen Leute hier mit Nachforschungen über die armseligen Dinge zu quälen, die die See ans Ufer warf!«
»Das ungerechnet, was etwa in Eurem eigenen Pack davon gefunden worden wäre,« sagte Magnus Troil, eine Bemerkung, die ein allgemeines Gelächter hervorbrachte ... Ihr mögt immerhin lachen, meine Freunde,« fuhr er nach einer Weile mit ungewöhnlich ernstem Tone fort: »Aber es bleibt dennoch eine Sache, die dem Lande Schimpf und Schande bringt; und bis wir gelernt haben werden, die Rechte derjenigen, die durch Wind und Wellen leiden, zu respektieren, verdienen wir allen Plack von seiten der Fremden, die uns regieren.«
Alles ließ ob dieser Zurechtweisung die Köpfe hängen. Bei einigen, selbst aus der bessern Klasse, rührte sich vielleicht das Gewissen; Cleveland aber erwiderte in lustigem Ton: »Wenn es meine Kameraden sind, so stehe ich dafür, daß sie Euch hier nicht um einiger Kisten, Hängematten und ähnlicher Lumpereien wegen beunruhigen werden, die der Strom aus meinem armen Wrack ans Land gespült haben mag. Was kümmert es sie, ob der Plunder dem Hausierer hier oder dem Meeresgrund oder dem Teufel anheimfiel? Also aufpaßt Bryce, und den Frauen Deine Ladung gezeigt! vielleicht findet sich einiges drunter, was ihnen gefällt.«
»Es kann nicht das andere Schiff sein,« flüsterte Brenda ihrer Schwester zu, »er zeigte sonst mehr Freude über die Nachricht.«
»Es muß das seine sein,« antwortete Minna, »denn ich sah seine Augen funkeln, wie wenn er gedacht haben mag, daß er nun wieder mit den Genossen seiner Gefahren vereint sein werde.«
»Vielleicht,« sprach die Schwester etwas leiser, »hat er auch gedacht, daß er Shetland bald wieder verlassen könne? Herzensempfindungen nach Blicken zu beurteilen, ist immer schwer.«
»So urteile wenigstens nicht unfreundlich über Empfindungen eines Freundes,« sagte Minna, »und irrst Du Dich dann, so trifft Dich keine Schuld,«
Während dieses Gesprächs war der Hausierer beschäftigt, die reichlich sechs Yards lange, durch Knoten und Schnallen sorgfältig verwahrte, aus gegerbten Seehundsfellen bestehende Hülle von seinem Pack zu lösen: eine Arbeit, in der er durch Fragen über das Schiff durch den Udallar und andere des öftern unterbrochen wurde.
»Waren die Offiziere oft am Lande? und wie wurden sie von den Bewohnern von Kirckwall aufgenommen?« fragte Magnus Troil.
»Sehr gut,« antwortete der Handelsmann, »auch waren der Kapitän und einige seiner Leute zu etlichen Festlichkeiten und Tänzen geladen, die in der Stadt abgehalten wurden; dort aber sind Worte gefallen, über den Zoll, über königliche Rechte und dergleichen, und einige der vornehmein Einwohner, die sich als Obrigkeitspersonen oder dergleichen vorstellten, gerieten in Wortwechsel mit dem Kapitän, der von all dergleichen nichts hören wollte; seitdem spricht er davon, sein Schiff nach Stromneß oder Langhope bringen zu wollen, denn es lag gerade unter den Kanonen der Batterie von Kirkwall. Aber vor Ende des Sommermarkts wird's mit der Abfahrt wohl nichts werden.«
»Die Leute auf Orkney,« bemerkte Magnus, »legen es ja schon immer drauf an, das schottische Joch sich selbst schwerer zu machen. Nicht genug, daß wir Schätzung und Steuer bezahlen, wie es unter unfrei alten norwegischen Regierung Sitte und Gebrauch war, sie wollen uns auch noch Zölle und Königssporten auferlegen. Ein ehrlicher Mann muß gegen dergleichen Unwesen ankämpfen; ich habe es mein ganzes Leben lang getan, und will es auch bis an mein Ende nicht anders halten.«
Ein lauter Jubel und Beifallsruf ertönte von seiten der Gäste, die wenigstens Zum Teil mit ihrem vaterländisch denkenden Wirte inbetreff der öffentlichen Abgaben zufriedener schienen als mit seinem Vorbehalte inbetreff des Strandgutes. Minna aber, in ihrem weiblichen Sinne über die Meinung des Vaters hinausgehend, flüsterte ihrer Schwester zu, bloß der allzu nachgiebige Geist der Inselbewohner sei Ursache gewesen, daß die Gelegenheit, sich von dem schottischen Joche zu befreien, zu der ein Zufall erst vor kurzem noch günstigen Anlaß gegeben hätte, ungenützt geblieben sei,
»Warum,« fuhr sie fort, – und Cleveland hörte, was sie sagte, recht gut – »sollten wir nicht, unter den mannigfachen Veränderungen der jüngsten Zeit, bemüht gewesen sein, unter die Herrschaft von Dänemark, unserm eigentlichen Vaterlande, zurückzukehren? Dazu wäre es jetzt noch Zeit, wenn sich nicht die angesehnern Familien von Orkney durch Freundschafts- und Verwandtschaftsbande mit diesen arroganten Fremdlingen vermischt und hierdurch die Stimme des altnordischen Bluts, das in ihren Adern rollt, erstickt hätten.«
Die letzten Worte dieser patriotischen Rede hatten das Ohr unseres Freundes Triptolemus erreicht, der gegen ein protestantisches Regiment solche Voreingenommenheit hegte, daß er fast unwillkürlich rief: »Ja, ja, wie die Alten sungen, so zwitschern die Jungen – aber bitte recht sehr um Verzeihung, Jungfer Minna, wenn ich hiermit etwas spreche, was Euch mißfällt ... Ein gar musterhaftes Land muß es aber sein, wo sich der Vater gegen die Sporteln und die Tochter gar gegen den Thron des Königs erklärt. So etwas kann, meiner Meinung nach, nur am Baum und Stricke enden.«
»Bäume, Herr Verwalter, sind bei uns selten,« erwiderte Magnus, »und was wir an Tauen und Stricken haben, brauchen wir für unsere Fahrzeuge, können also nichts davon für Hemdkragen entbehren.«
»Und wer sich unterfängt,« nahm Kapitän Cleveland das Wort, »an den Worten dieser jungen Dame Aergernis zu nehmen, täte klüger, Ohren und Zunge auf andere, weniger gefährliche Weise zu beschäftigen.«
»Ja, ja,« sprach Triptolemus, »Wahrheit liegt dem Stolzen immer so schwer im Magen wie nasser Klee der Kuh; zumal in einem Lande, wo junge Burschen immer die Hand am Messer haben, sobald ein Mädchen nur ein schiefes Gesicht macht. Doch was läßt sich auch von Leuten anders erwarten, die nicht einmal einen ordentlichen Pflug haben.«
»Hört einmal, Herr Yellowley,« erwiderte der Kapitän lächelnd, »hoffentlich rechnen Sie meine Art und Weise nicht zu den Mißbräuchen, die Sie hier abschaffen wollen? Das wäre ein gefährliches Experiment!«
»Auch wohl ein schwieriges,« fügte Triptolemus trocken hinzu; »aber habt vor meinen Reformen keine Angst, Kapitän Cleveland; sie richten sich bloß gegen die Menschen und Dinge auf festem Lande. Um die Seeverhältnisse schere ich mich nicht.«
»So laß uns Freunde sein, alter Schollenkleber,« rief der Kapitän ... »Und nun heran, Freund Bryce, – mach Dein Tau los – und heran ihr alle und laßt uns sehen, ob sich etwas in seiner Ladung befindet, der Mühe wert, daß man es sich ansieht.«