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Spinnt und drehet so wie hier,

Mischt im Lebensfaden schier

Hoffnung, Furcht und Fried und Streit

Freude sich und Traurigkeit.

Zauberfaden wird gesponnen,

Kindes Leben hat begonnen;

Schaut! in trüber Dämm'rung Schweigen

Seltsam sich Gestalten zeigen.

Wildes Treiben, eitler Wahn,

Freude, schnell der Pein voran;

Argwohn, Zweifelmut und Grau'n

Sind im Zaubertanz zu schau'n,

Wachsen jetzt und jetzt vergehen,

Kreisend mit der Spindel drehen.

Spinnt und drehet! so wie hier

Mischt sich Freud und Trübsal schier.

Ehe der Nachbildner seine Reime geordnet hatte, war die Zigeunerin mit ihrer Arbeit fertig oder ihre Wolle versponnen. Sie wickelte darauf die Spindel ab, indem sie den Faden um den Ellbogen wand und zwischen dem Zeigefinger und dem Daumen durchschlang, und, ihn messend, murmelte sie die Worte: »Eine Haspel, aber keine ganze – ein Schock Jahre und zehn, aber dreimal zerrissen und dreimal wieder angeknüpft – wird ein glückliches Menschenkind werden, wenn er da hindurchkommt.«

Mannering wollte eben die Wahrsagerin anreden, als eine Stimme, rauh, wie die Wogen, mit deren Geräusch sie sich mischte, zweimal mit wachsender Ungeduld laut wurde: »Meg, Meg Merrilies! Zigeunerin! Hexe! Alle Hagel!«

»Ich komme, ich komme, Hauptmann!« antwortete sie, und in wenigen Augenblicken kam der ungeduldige Befehlshaber durch die Kluft in den Trümmern zum Vorschein. Er hatte das Ansehen eines Seefahrers, kaum von Mittelgröße, und sein Gesicht war braun von tausend Kämpfen mit den Nordostwinden. Er zeigte so ungeheure Muskelkraft und rüstige Derbheit, daß ein Mann von höherem Wuchse es im Ringen mit ihm wohl kaum hätte aufnehmen mögen. In seinen rauhen Zügen fand man nichts von dem sorgenfreien, fröhlichen Mute und der harmlosen Neugier, durch die der Seemann auf dem Lande sich auszeichnete; es verfinsterte sie ein mürrisches, wildes Wesen ... »Wo bist Du, Mutter Teufelsbrut?« sprach er mit einem fremdländischen Tone, obgleich in ganz gutem Englisch, »Donner und alle Wetter! Wir haben schon eine halbe Stunde gewartet. Komm und segne das liebe Schiff und unsere Reise, und sei Du vermaledeit, irdisches Satanskind!«

In diesem Augenblick ward er Mannering gewahr, der in der Stellung, in der er dem Zauberspruch der Zigeunerin gelauscht hatte, da der Pfeiler, hinter dem er stand, ihn verbarg, ganz so aussah wie einer, der sich verstecken wollte. Der Hauptmann schwieg bestürzt und fuhr mit der Hand schnell in den Busen, als ob er eine Waffe gesucht hätte ... »Was gibt's, Brüderchen, Du stehst wohl auf der Lauer? He?«

Ehe Mannering, leicht betroffen über die drohende Gebärde und trotzige Anrede, antworten konnte, kam die Zigeunerin aus dem Gewölbe und näherte sich dem Fremden. Der Seemann fragte sie, auf Mannering blickend, leise: »Ein Spürhund, he?«

Sie antwortete in gleichem Tone: »Nicht doch, er ist im Schlosse, ein fremder Herr.«

Des Hauptmanns Gesicht heiterte sich auf ... »Guten Morgen, lieber Herr,« sprach er. »Ich höre, Ihr seid ein Gast meines werten Freundes, Herrn Bertram. Verzeiht mir, ich hielt Euch für etwas anderes.«

»Und Ihr seid wahrscheinlich der Herr des Schiffes in der Bai?« antwortete Mannering.

»So ist's. Ich bin der Hauptmann Dirk Hatteraick, vom Schiffe Jungfrau Hagenslaapen, und wohlbekannt hierzulande. Ich schäme mich nicht meines Namens, noch meines Schiffes, und eben auch nicht meiner Ladung.«

»Ihr habt auch wohl nicht Ursache dazu, sollt ich meinen.«

»Alle Hagel, nein! Ich treibe ehrlichen Handel. Frisch geladen bei Douglas auf der Insel Man – schöner Kognak – echtes Haisan und Souchong-Brabanter Spitzen, wenn Ihr etwas davon gebrauchen könnt,« »Ich bin auf der Reise,« erwiderte Mannering, »und wüßte von all diesen Sachen jetzt keinen Gebrauch zu machen.«

»Nun, so gehabt Euch wohl; mein Geschäft ruft mich. Oder wollt Ihr mit mir an Bord gehen und meinen Schnaps versuchen? Ihr sollt auch eine Büchse Thee haben. Dirk Hatteraick weiß auch zu leben.«

Es war eine Mischung von Unverschämtheit, Kühnheit und argwöhnischer Furcht in dem Manne, und alles dies machte ihn unbeschreiblich widerlich. Sein Benehmen verriet den Räuber, der des Verdachts, den er weckt, sich bewußt, aber durch die erzwungene Miene unbefangner und dreister Vertraulichkeit ihn niederzuschlagen sucht, Mannering lehnte die angebotene Höflichkeit ab, und nach einem trocknen guten Morgen ging Hatteraick mit der Zigeunerin zu dem Teile des alten Schlosses, wo er sich zuerst gezeigt hatte, Das würdige Paar stieg auf einer schmalen Treppe hinab, die zum Seeufer führte und wahrscheinlich einst bei Belagerungen gedient hatte, die Besatzung zu verproviantieren. Der sogenannte Hauptmann ging darauf mit zwei Leuten, die ihn zu erwarten schienen, in ein kleines Boot! die Zigeunerin aber blieb an dem Gestade zurück und sprach in singendem Tone ein paar Worte, die sie mit heftigen Gebärden begleitete.

Fünftes Kapitel

Als das Boot den Hauptmann an Bord gebracht hatte, wurden die Segel aufgezogen, und das Schiff begann die Fahrt. Es grüßte mit drei Schüssen die Burg Ellangowan, und ein günstiger Landwind trieb es schnell von der Küste.

»Ei, seht doch!« rief der Burgherr seinem Gaste zu, den er schon einige Zeit gesucht hatte: »Da fahren sie hin, die Schleichhändler! Das ist Hauptmann Dirk Hatteraick mit seiner Jungfer Hagenslaapen; halb Holländer, halb Teufel, Wie das geht, mit Bugspriet, großen Schoten, Mars und Bramsegel! – Ihm nach, wer's kann! Der Kerl ist ein Schrecken aller Zollschiffe; sie können ihm nichts anhaben, so pfiffig weiß er ihnen zu entkommen. Doch bei dem Zoll fällt mir ein, daß ich Sie zum Frühstücke holen wollte, – Sie sollen einen Tee trinken, der –«

Mannering bemerkte, daß sich bei Bertram die Gedanken seltsam zu verketten begannen, und brachte ihn durch eine Frage über Dirk Hatteraick noch zur rechten Zeit wieder auf den Punkt, von dem der gute Mann ausgegangen war.

»O, er ist – ein gutes Menschenkind,« antwortete Bertram; »ein Schleichhändler, wenn er seine Kanonen als Ballast braucht, und ein Freibeuter, oder auch gar wohl ein Seeräuber, wenn sie geladen sind.«

»Aber es wundert mich, Herr Bertram, daß ein solcher Mensch hier Schutz und Aufmunterung findet.«

»Aber, lieber Herr Mannering, jedermann braucht Branntwein und Tee, und man kann's nicht anders haben, als auf diese Art. Da gibt's kurze Rechnungen, und zu Weihnachten findet man wohl ein Paar Fäßchen, oder ein Dutzend Pfund Tee vor der Stalltür, statt der verwünschten langen Rechnungen, die der Krämer schickt, der bares Geld braucht oder nur kurze Zeit borgt. Aber Hatteraick nimmt Holz oder Gerste oder was er sonst gerade brauchen kann. Ich will Ihnen eine hübsche Geschichte davon erzählen. Es war einmal ein Gutsherr, der hatte eine große Menge von Zinshühnern – wie hierzulande der Gutsherr von den Pächtern erhält, – Die meinigen sind immer schlecht gefüttert; die Pächtersfrau Finniston schickte vorige Woche drei; schändliches Zeug, sag' ich Ihnen, und sie hat doch eine ganz fette Aussaat – es ist die Frau von Dunean Finniston, der kürzlich gestorben ist – wie wir denn freilich alle sterben müssen. – Doch vom Sterben sprechen? jetzt wollen wir leben, denn das Frühstück steht auf dem Tisch, und der Magister ist schon bereit, das Gebet zu sprechen.«

Sampson sprach den Segen, die längste Rede, die Mannering bislang von ihm gehört hatte. Der Tee, der ohne Zweifel aus des edlen Hauptmannes Vorräten gekommen war, wurde für vortrefflich gefunden, doch gab Mannering mit gebührender Bescheidenheit einen Wink über die Gefahr, solchen Desperados des Geschäft zu erleichtern ... »Wäre es auch nur,« meinte er, »um der Zollgerechtigkeit keinen Eintrag zu tun.«