Mit stolzem, zugleich aber auch schlauem Lächeln packte der listige Hausierer allerhand Waren aus von weit besserer Qualität, als sie sonst in seinem Warenballen zu stecken pflegten, wie vornehmlich Stoffe und Stickereien von ungemeiner Schönheit und Seltenheit, die mit einer Pracht und Kunst nach fremdem Arabeskenmustern gewebt waren, daß sie recht wohl verwöhntere Augen, als der einfachen Bewohner Thules hätten blenden können. Alles schaute und bewunderte, während Jungfer Baby-Barbara die Hände zusammenschlug, beteuernd: es sei ja schon Sünde, auf solchen Luxus die Augen zu heben – geschweige denn sich nach dem Preise solcher Dinge zu erkundigen.
Andere ließen sich dadurch aber nicht abschrecken, mit dem Hausierer zu handeln, und was er für seine Ware forderte, bewegte sich in so mäßigen Grenzen, daß man wirklich vermuten durfte, er müsse sehr wohlfeil eingekauft haben. Infolgedessen und weil man in Shetland, wie überall, der klugen Menschen genug hat, die mehr, um sich einen guten Handel nicht entgehen zu lassen, als aus wirklichem Bedarf kaufen, fand der Hausierer schnell Kunden über Kunden. So erstand die Lady Glowrowrum allein sieben Unterröcke und ein Dutzend Brusttücher, und mehrere andere der anwesenden Matronen folgten diesem weisen Sparsamkeits-Exempel. Auch der greise Udallar zeigte sich als reger Käufer; der beste Kunde von allen aber, zumal in Artikeln, die bei den Schönen Gefallen wecken konnten, war Kapitän Cleveland, der in dem Warenballen des Hausierers aufräumte, mit seinen Präsenten die gesamte Weiblichkeit, vorzüglich aber des Udallars Töchterpaar bedenkend.
»Ich fürchte,« sagte Magnus Troil, »daß Eure Freigebigkeit uns nötigen dürfte, mit Eurem baldigen Verlust zu rechnen.«
»Darauf kann ich nichts sagen,« erwiderte nicht ohne Verlegenheit der Mann, dem diese Worte galten – »kann ich doch aus der Ferne nicht beurteilen, ob das angekommene Schiff meine Kameraden gebracht hat oder nicht. – Ich muß nach Kirckwall hinüber, zu sehen, wie es sich verhält; rechne aber bald wieder hier zu sein, um – wenn es nicht anders sein kann – Euch allen Lebewohl zu sagen.«
»Ich muß zum Markte hin, um mit den Kaufleuten den letzten Fischfang abzurechnen,« erwiderte nach kurzem Ueberlegen der Udallar, »Und habe meinen Kindern schon lange versprochen, sie einmal zur Marktzeit mit nach Kirckwall zu nehmen. Da könnt Ihr ja mit uns hinfahren. Vielleicht haben Eure Kameraden, oder wenn sie es nicht sein sollten, die fremden Seefahrer Waren an Bord, die mir anstehen? In meiner Brigg soll eine Hängematte für Euch bereit sein.«
Cleveland war hierüber so erfreut, daß er die Schätze, die der Hausierer bei sich führte, mit freigebigen Händen unter die Gesellschaft verteilte. Jungfer Baby konnte, ob dieser »Verschwendung« – wie sie solche Freigebigkeit auffaßte – nicht umhin, ihrem Bruder ins Ohr zu flüstern, daß der junge Herr, wenn er mit dem Geld so um sich werfen könne, in seinem zerschellten Schiff eine bessere Reise gemacht haben müsse als alle Schiffer von Dundee wahrend der vollen letzten zwölf Monate.
Aber ihre grillige Laune wurde ungemein gemildert, als Cleveland, dessen Absicht es an diesem Abend zu sein schien, sich bei jedermann in das beste Licht zu setzen, sich ihr mit einem Kleidungsstück näherte, das dem Schnitte nach aussah wie ein schottischer Mantel, aber ein so feines Gewebe zeigte, daß man Eiderdaunen zu berühren glaubte. Er nannte es eine Mantilla, die von den spanischen Damen getragen würde, und der Jungfer Baby, da sie ihr vortrefflich stünde, bei den starken Nebeln auf Shetland recht dienlich sein würde. Jungfer Baby nahm mit aller Süßigkeit, deren ihr Gesicht fähig war, das Präsent nicht nur an, sondern räumte dem Spender sogar das Recht ein, es ihr über die hohen, spitzen Schultern zu hängen; von denen, wie Claud Halcro meinte, der Mantel wie von zwei Kleiderpflöcken gehalten wurde. Während der Kapitän diesen Höflichkeitsakt zur allgemeinen Belustigung der Gesellschaft vollzog, erstand Mordaunt ein goldenes Kränzlein, das er Brenda bei schicklicher Gelegenheit einzuhändigen dachte. Auch Claud Halcro zeigte Verlangen, eine silberne Dose von antiker Form für Schnupftabak einzuhandeln, von dem er ein starker Konsument war. Aber der Sänger verfügte nie viel über courante Münze und hatte auch auf seiner Lebenswanderung nur wenig Gelegenheit gehabt, solche zu sammeln; Bryce aber, der bisher nie anders als gegen bares Geld verkauft hatte, versicherte, daß der geringe Verdienst bei diesen seltenen und ausgewählten Waren es ihm nicht erlaube, Kredit zu geben. Mordaunt erriet aus ihrem Flüstern, – wobei der Barde sehnsuchtsvoll den Finger nach der in Rede stehenden Dose ausstreckte, auf die der vorsichtige Hausierer aber die ganze Hand drückte, wie wenn er befürchtete, sie mochte Flügel bekommen, um in Claud Halcros Tasche zu fliegen, – um was sich beider Reden drehten, und legte, als er dies bemerkte, um seinem alten Bekannten eine Freude zu machen, – den für die Dose geforderten Preis auf den Tisch mit den Worten, daß er nicht zugeben würde, daß Halcro die Dose bezahle, da er sich vorgenommen habe, ihm ein Präsent damit zu machen.
»Ei, ich will Dich nicht berauben, junger Freund,« versetzte der Poet, »aber wenn ich die Wahrheit sagen soll, so erinnert die Dose mich ungemein an die meines ruhmgekrönten Kollegen John Dryden, aus der ich einmal die Ehre hatte, eine Prise zu bekommen: weshalb ich auch meinen Zeigefinger und Daumen an der rechten Hand höher achte als sonst einen Teil meines Körpers; nur darfst Du nichts dawider haben, daß ich Dir das Geld Zurückzahle, wenn meine Erkaster Stockfische zu Markte kommen.«
»Macht das unter euch ab, ihr Herren, wie ihr wollt,« sagte der Hausierer, indem er Mordaunts Geld einstrich, »die Dose ist verkauft und bezahlt,«
»Und wie könnt Ihr noch einmal verkaufen, was Ihr schon verkauft habt?« mischte sich Cleveland Plötzlich in das Gespräch.
Alle staunten über diese ganz unerwartete Dazwischenkunft Clevelands, der – als er sich von Jungfer Baby abwandle, nicht ohne sichtlichen Groll bemerkte, welche Artikel Bryce soeben losschlug. Auf diese kurze, heftige Frage erwiderte der Hausierer, der einem so guten Kunden nicht zu widersprechen wünschte, nur: »Gott sei mein Zeuge, daß er niemand habe zu nahe treten wollen.«
»Wie, nicht zu nahe treten?« rief der Seemann, »und doch über mein Eigentum verfügen?« So sprechend, streckte er seine Hand nach den in Rede stehenden Gegenständen aus ... »Auf der Stelle zahlt dem jungen Manne das Geld zurück, und haltet ein andermal Euren Kurs mehr auf der Mittagslinie der Ehrlichkeit.«
Verwirrt und zögernd zog der Hausierer seinen ledernen Geldbeutel hervor, um Mordaunt das Geld wiederzugeben, das er vor einem Augenblick von ihm empfangen hatte; aber der Jüngling war damit nicht zufrieden. »Die Ware,« sagte er, »ist verkauft und bezahlt, – das waren. Eure eigenen Worte, hier in Herrn Halcros Gegenwart, und ich werde nicht dulden, daß weder Ihr noch sonst jemand Hand an mein Eigentum lege.«
»Ihr Eigentum, junger Mann?« fragte Cleveland, »es ist das meinige, – ich sprach mit Bryce darüber einen Augenblick, bevor ich mich vom Tische entfernte,«
»Ich – ich – ich hatte nicht recht gehört,« sagte Bryce, dem es sehr daran lag, keine von den beiden Parteien zu beleidigen.
»Kommt, kommt,« rief der alte Udaller, »wir wollen keinen Streit um solche Narrenspossen; man ruft uns ohnehin bald in die Tanzstube, und dorthin wollen wir alle in guter Laune kommen – Bryce soll die Sachen bis morgen behalten; ich werde dann bestimmen, wem sie gehören sollen.«
Der Udaller war in seinem Hause unumschränkter Gebieter; die beiden jungen Männer mußten sich, mit so finsteren Blicken sie einander auch betrachteten, darein fügen, verließen aber in verschiedener Richtung den Raum.
Selten nur gleicht der zweite Tag eines verlängerten Festes dem ersten. Geist und Körper, gleich ermüdet, stehen zu der erneuten Lust und Beweglichkeit in keinem Verhältnis; und so wurde auch der Tanz in Burgh-Westra heut mit weit weniger Lebhaftigkeit aufgeführt als gestern. Noch war es eine ganze Stunde bis Mitternacht, als der alte Magnus Troil unter Klagen über die schlimme Zeit und dem Wunsche Worte leihend, auf die Shetländer »von heute« etwas von der eignen Kraft übertragen zu können, das Signal zum allgemeinen Aufbruch geben mußte.