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Gerade in diesem Augenblick zog Halcro seinen Freund Mordaunt beiseite, um ihm zu sagen, daß er von Cleveland etwas an ihn auszurichten habe.

»Eine Herausforderung ohne Zweifel!« rief Mordaunt, und sein Herz begann stürmisch zu pochen.

»Eine Forderung!« wiederholte Halcro, »wer hörte je von einer solchen auf diesen ruhigen Inseln? Sehe ich aus wie ein Bote solcher Kundschaft? und gar an Dich? Nein – ich glaube, dem Kapitän steht der Sinn nur nach den Dingen, die Du ausgesucht hast.«

»Er soll sie nicht haben, das schwöre ich Euch,« rief Mordaunt,

»Höre mich an,« erwiderte Halcro, »es scheint, daß er sie nach den darauf befindlichen Zeichen und Wappen als sein einstiges Eigentum wiedererkannt hat. Solltest Du mir nun diese Dose geben, wie Du versprochen, so würde ich, wie ich Dir unumwunden sage, sie ihrem Eigentümer zurückgeben,«

»Und Brenda würde vielleicht dasselbe tun,« dachte Mordaunt, aber schnell entgegnete er: »Ich habe mich eines Bessern bedacht, alter Freund! Cleveland soll die Dinge haben, auf die er einen so großen Wert setzt, aber nur unter einer Bedingung.«

»Du wirst noch alles mit Deinen Bedingungen verderben,« sagte Halcro.

»Hört mich geduldig an. Meine Bedingung ist, daß er die Sachen in Tausch für die Jagdflinte nimmt, die ich von ihm erhielt, so daß jede gegenseitige Verbindlichkeit aufgehoben wird,« sagte Mordaunt.

»Ich sehe, wohin Du willst; Du magst also dem Hausierer sagen, daß er die Sachen an Cleveland ausfolge; die Bedingungen soll dieser schon durch mich erfahren; sonst möcht der ehrliche Bryce zu zweimaliger Bezahlung kommen, statt einer, und ich glaube, sein Gewissen würde ziemlich ruhig dabei sein.«

Mit diesen Worten ging Halcro zu Cleveland, wahrend Mordaunt zu dem Hausierer trat, der sich als eine gewissermaßen privilegierte Person unter die Menge am Ende des Gemachs gemischt hatte und ihm den Auftrag gab, die streitigen Gegenstände Cleveland auszufolgen, sobald sich eine Gelegenheit dazu böte.

»Ihr habt recht, Herr Mordaunt,« erwiderte Bryce, »Ihr seid ein kluger, verständiger junger Mann, – eine ruhige Antwort wendet den Verdruß ab, – und ich meinerseits will Euch gern wieder gefällig sein, wo ich es irgend kann; denn zwischen dem Udaller von Burgh-Westia und Kapitän Cleveland ist man, wie zwischen Teufel und See, wenn auch der erstere Eure Partei vielleicht zuletzt genommen hätte, denn er ist ejn Mann, der die Gerechtigkeit liebt.«

»Aus der Ihr Euch nicht viel zu machen scheint, Bryce,« sagte Mordaunt, »sonst hätte es zu gar keinem Streite kommen können, denn das Recht war auf meiner Seite, und Ihr hättet nur die Wahrheit zu bezeugen brauchen.«

»Ich muß allerdings gestehen, Herr Mordaunt,« sagte der Hausierer, »daß Ihr einen Schatten von Recht für Euch hattet; aber die Gerechtigkeit, mit der ich zu schaffen habe, betrifft nur meinen Handel; meine Elle hat die gehörige Länge; auch verkaufe ich alles nach rechtem Maß und Gewicht. Aber mit der Gerechtigkeit zwischen Menschen und Menschen habe ich nichts zu schaffen, etwa wie ein Vogt oder sonst eine Obrigkeitsperson.«

»Das verlangt auch niemand von Euch, aber ein Zeugnis hättet Ihr nach Eurem Gewissen ablegen sollen,« antwortete Murdaunt, weder mit dem Benehmen des Hausierers während des Streits, noch mit den Rechtfertigungsgründen seines Betragens zufrieden.

Bryce Snailsfoot war jedoch im Antworten nicht verlegen ... »Mein Gewissen, Herr Mordaunt,« erwiderte er, »ist so zart, wie es nur bei einem Manne meiner Art sein kann, aber etwas schüchterner Natur.«

»Ihr seid auch nicht gewohnt, sonderlich auf seine Stimme zu achten, nicht wahr?«

»Eure eigne Brust beweist das Gegenteil,«,versehte Bryce in zuversichtlicherm Tone.

»Meine Brust?« fragte Mordaunt etwas verdrießlich, »was hat die mit Euch zu tun?«

»Ich spreche nur von Eurer äußern Brust, Herr Mordaunt. Wer die schöne Weste sieht, die Ihr tragt, muß sich doch sagen, daß sie Euch um vier Taler nur ein gewissenhafter, billiger Mann verkaufen konnte. Drum fülltet Ihr nicht so böse auf mich sein, weil ich in Eurem törichten Zank mit dem Kapitän einen Mund voll Atem gespart habe.«

»Ich böse auf Euch,« wiederholte Mordaunt verächtlich, »seid ruhig, mit Euch suche ich keine Händel,«

»Nun, das freut mich,« versetzte der Wanderer, »ich suche mit niemandem Differenz, am wenigsten mit einem alten Kunden; und wenn Ihr meinem Rate folgen wollt, so fangt keinen mit Kapitän Cleveland an. Er sieht ganz so aus, wie einer von den Haudegen und Eisenfressern, die da nach Kirckwall gekommen sind, und die einen Menschen eben so leicht totschlagen, wie wir einen Walfisch schnellen.«

Die Gesellschaft war inzwischen auseinander gegangen. Mordaunt, den vorsichtigen Rat des Hausierers belächelnd, wünschte ihm gute Nacht und begab sich nach seiner Schlafstelle, die ihm von Erik Scambester, der neben dem Amte eines Kellersmeisters auch das eines Kämmerers versah, in einem der äußeren Gebäude angewiesen wurde, wo man in einem Zimmer oder vielmehr in einem Kämmerchen, eine Hängematte für ihn bereitet hatte.

Neunzehntes Kapitel

Die beiden Schwestern bewohnten dasjenige Zimmer im Hause, das vor dem Tode ihrer Mutter das Schlafzimmer ihrer Eltern gewesen, ihrem Vater aber durch den frühen Heimgang seiner Gattin verleidet worden war. Sie hatten sie nach ihrem eignen Geschmack hergerichtet und ausgeschmückt, wie es der Sitte der Inseln entsprach, und seit ihrer Kindheit war es ihnen die vertraute Stätte gewesen, wo sie ihre Gedanken und Pläne einander vertraut, wo sie gelebt und gewebt hatten. Erst seitdem Cleveland sich im Herrenhause aufhielt, war hierin Wandel eingetreten; denn seitdem waren Gedanken bei ihr eingekehrt, die der Mensch für sich behält. Minna hatte, was andern weniger interessierten Beobachtern vielleicht entgangen war, gar wohl bemerkt, daß Brenda von Cleveland keine so hohe Meinung hatte wie sie; und Brenda ihrerseits hielt dafür, daß Minna die Vorurteile, die jetzt gegen Mordaunt in ihres Vaters Herzen wohnten, zu schnell zu den ihrigen gemacht habe. Seitdem hatten die beiden Schwestern die Empfindung, daß sie einander nicht mehr das seien, was sie sich gewesen waren, und wenn sie sich auch alle Mühe gaben, sich hierüber hinwegzutäuschen, so konnten sie einander nicht verhehlen, daß das alte Vertrauen erschüttert, wenn nicht gar auf immer zerstört war.

Die Reise nach Kirckwall, noch dazu während des Marktes, da Menschen aus alten Schichten der Inseln dorthin strömten, war eine so wichtige Begebenheit in ihrem sonst so einfachen, einförmigen Leben, daß sie noch vor wenigen Monaten die halbe Nacht durchwacht hätten, um über alles zusammen zu plaudern, was sich dort erwarten ließe, was sich dort ereignen könnte. Jetzt aber fand der Fall kaum Erwähnung, ganz als ob man Furcht hätte, das Thema könnte Zwist unter ihnen veranlassen, oder zu einer offneren Aussprache führen, als man beiderseits wünschte – zumal jede der Schwestern edel genug war, sich die Schuld an dieser Entfremdung beizulegen.

In der Nacht, von der wir hier berichten, wurden beide. Schwestern von Träumen heimgesucht, die, obgleich verschieden, wie ihr Charakter und Gemüt, dennoch von einer seltsamen Aehnlichkeit waren: Minna träumte, sie befände sich an dem einsamsten abgelegensten Ort vom Ufer, Swartaster genannt, wo die rastlose Arbeit der Wellen in einem talkartigen Felsen eine jener unterirdischen Höhlen, von den Inselbewohnern »Halier« genannt, gegraben hatte, wohin die Flut ab und zu strömte. Viele von diesen Höhlen senken sich zu unergründlicher Tiefe und sind sichere Zufluchtsorte für Seehunde und Wasserraben. Unter ihnen war die Höhle von Swartaster, für die unzulänglichste gehalten ihrer vielen scharfen Winkel und Krümmungen, wie auch der darin versunkenen Felsstücke halber. Aus dem grauenvollen Schlunde dieser Höhle glaubte Minna in ihrem Traum eine Seefrau hervorschweben zu sehen, mit Kamm und Spiegel in der Hand, die mit ihrem langen schuppigen Schwanze die Wogen um sich her peitschte, und Minna zu sich zu winken schien, während die wilden Töne ihrer Stimme wie in prophetischen Klängen Unheil und Weh verkündeten.