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Brendas Traum war von ganz anderer, wenn auch nicht minder schwermütiger Art. Sie saß, wie es ihr vorkam, in ihrem Lieblingsgemach, umgeben von ihrem Vater und einem Teil ihrer liebsten Freunde, unter denen Mordaunt Mertoun nicht fehlte. Sie wurde aufgefordert zu singen und bemühte sich, den Kreis um sich her mit einem muntern Lied zu unterhalten, das sie mit einem solchen Erfolge vortrug, daß lautes Lachen und Beifallrufen ihr lohnte. Da aber schien ihr die Stimme plötzlich versagen zu wollen, und es war ihr, als ob dieselbe ihr selbst zum Trotz in jene melancholischen Tone übergehen wollte, in denen Norna vom Fitful-Head zuweilen ein Runenlied anstimmte, ähnlich denen, die von Priestern der grauen Heidenzeit bei ihren grauen Opfermahlen Odins oder Thors Schreckensaltar gesungen wurden.

Zuletzt schreckten die Schwestern fast im gleichen Augenblick aus dem Schlafe, mit einem lauten Schrei der Furcht schlugen sie die Arme fest umeinander. Ihre Phantasie aber hatte sie nicht getauscht; ähnliche Töne, wie sie sie zu hören geglaubt hatten, waren wirklich erklungen, und wohlbekannt war ihnen die Stimme; ihr Schrecken und Staunen war darum kaum geringer, als sie Norna vom Fitful-Head am Kamin erblickten, in welchem während des Sommers eine eiserne, wohlgefüllte Lampe stand, die zur Winterzeit einer wärmenden Holz- oder Torfglut Platz machen mußte.

Sie war in ihren langen, weiten Mantel gehüllt und bewegte ihren Körper langsam hin und her gegen die bleiche Flamme der Lampe, wobei sie in einem dumpfen, trauervollen und fast überirdischen Tone die folgenden Verse sang:

Viel Meilen weit in die See entlang,

Durch Strom und Brandung zog ich her;

Was Meer hört meinen Runensang,

Und seine Woge braust nicht mehr.

Wie unterm Hammerschlag das Erz,

Sinkt auf mein Wort die Woge hin,

Doch das weit wild're Menschenherz

Gehorcht allein dem Eigensinn.

Nur eine Stund' im Jahr ist mein,

Wo ich mein Leid verkünden kann;

Wenn hier erlöscht der Lampenschein,

Auch ihre kurze Frist verrann.

Ihr Töchter Magnus, drum entsteigt

Dem Lager Eurer nächt'gen Ruh';

Zu Ende bald das Licht sich neigt,

Erwacht, hört meiner Rede zu!

Norna war, wie gesagt, zwar beiden Schwestern wohlbekannt, dennoch aber konnten sie eine, obgleich verschiedenartige Gemütsbewegung bei ihrem so unerwarteten Anblick in dieser nächtigen Stunde nicht unterdrücken. Im Glauben an Nornas übernatürliche Kräfte wichen sie ungemein voneinander ab.

Minna war, obgleich sie geistig ihrer Schwester überlegen sein mochte, mit einer außerordentlich reichen Phantasie begabt und Erzählungen von Wundern und übernatürlichen Vorgängen leichter zugänglich; – Brenda hingegen hatte bei allem Frohsinn einen schwachen Hang zur Satire, der sie oft in Versuchung setzte, über Dinge, die Minna zu Traumgebäuden fügte, zu lächeln; auch ließ sie sich gleich allen muntern Gemütern nicht leicht durch großtuerisches Wesen imponieren, hingegen, da ihre Nerven schwächer und reizbarer waren als die ihrer Schwester, zuweilen von der Sucht verleiten, Ideen zu hegen, die ihre Vernunft verwarf. Bei solchen Gelegenheiten pflegte dann Claud Halcro, wenn die Rede auf Sagen kam, die um Burgh-Westra herum spielten, zu sagen: Minna glaube daran, ohne zu zittern, Brenda aber zittere davor, ohne daran zu glauben.

Unter dem Einflusse so verschiedenartiger Gefühle wollte Minna, als der erste Schreck vorüber war, von ihrem Lager aufspringen, um Norna zu begrüßen; Brenda aber, die in Norna, wenn nicht eine Geisteskranke, doch eine rätselhafte Erscheinung sah, hielt die Schwester zurück, und flüsterte ihr zu, daß sie um Hilfe rufen wolle. Aber Minnas Gemüt war, unter dem Eindruck, daß das Schicksal der Schwestern einer Krisis zutreibe, in zu großer Erregung, als daß sie den furchtsamen Aeußerungen ihrer Schwester hätte Folge leisten mögen; sie entwand sich ihren Armen, warf ein leichtes Nachtgewand über, schritt mutig durch das Gemach, mehr von Erwartung als Furcht beherrscht, und redete die seltsame Besucherin auf folgende Weise an:

»Wenn Eure Sendung uns betrifft, Norna, wie Eure Worte zu verkünden scheinen, so ist wenigstens eine von uns bereit, Eure ehrfurchtsvolle und furchtlose Zuhörerin zu sein.«

»Norna, liebe Norna,« flehte mit zitternder Stimme Brenda, – die der Schwester, weil sie sich allein auf ihrem Lager nicht mehr sicher glaubte, gefolgt war und die jetzt hinter ihrer Schwester stand, das Gewand derselben mit beiden Händen festhaltend, – »Norna, liebe Norna,« fuhr sie fort, »was Du auch zu sagen vorhast, laß es bis morgen. Ich will Euphane Fea, die Haushälterin, rufen, daß sie Dir ein Lager für die Nacht bereite.«

»Ich brauche kein Lager,« antwortete die nächtliche Besucherin, »meine Augen schließen sich nicht; sie wachten, wenn Sandbänke und Felsenmassen zwischen Burgh-Westra und Orkney sich erhoben und verschwunden – sie sahen wie die Klippe von Hoy in das Meer hinabstürzte, und wie der Felsen Hengcliff daraus emporstieg, und dennoch schloß der Schlummer sie nicht, und nimmer wird er sie schließen, bis mein Geschäft vollendet. Setze Dich also, Minna, und auch Du, furchtsame Brenda, setz Dich, während ich die Flamme meiner Lampe anfache. – Legt Eure Kleider an, denn die Erzählung ist lang, und noch bevor sie zu Ende sein wird, werdet Ihr vor Schlimmerem als Kälte zittern.«

»Ach, um Gottes willen, liebe Norna!« bat Brenda, »laß es, bis es Tag geworden ... Bald muß es ja zu dämmern beginnen. Ist's etwas Grauenvolles, was Du sagen willst, so erzähle es bei Tage, doch nicht beim Dämmerschein der blauen Lampe.«

»Ruhig, Du Törin!« gebot der nächtliche Gast: »nicht bei Tag kann Norna eine Geschichte erzählen, vor der selbst die Sonne am Himmel erlöschen würde, und mit der alle Hoffnungen jener Hunderte von Booten, die noch vor Mittag dieses Ufer verlassen werden, um die Tiefe des Meeres nach Fischen zu durchwühlen, wie auch die ihrer Familien, die vergebens ihre Rückkehr erwarten, untergehen müßten. Der böse Geist, den meine Worte wecken werden, muß, wenn er seinem Felsen entsteigt, um sich an den Schreckenstönen zu lechzen, die ihm Wonne und Entzücken sind, seine schwarzen Schwingen über ein schiff- und bootfreies Meer bewegen.«

»Nehmt Rücksicht auf Brendas Furcht, gute Norna,« sprach die ältere Schwester, »oder verschiebt wenigstens Eure schreckliche Mitteilung bis zu einer geeigneteren Zeit und Stunde.«

»Nein, Mädchen,« erwiderte Norna ernst, »nein, was ich zu erzählen habe, taugt nicht für ein Tageslicht, sondern muß noch erzählt werden, so lange noch diese Lampe brennt, die aus dem Galgenseilen des grausamen Lords von Woodensvoe, der seinen Bruder ermordete, geformt wurde... Seht, sie brennt schon dunkler, und doch darf meine Erzählung nicht länger währen als ihre Flamme. Setzt Euch dorthin, ich nehme meinen Platz Euch gegenüber und stelle die Lampe in unsere Mitte, denn den Bereich ihres Schimmers darf kein böser Geist überschreiten.«

Die Schwestern gehorchten; Minna warf einen schnellen, scheuen, aber doch festen Blick um sich, wie wenn sie das Wesen, das Nornas Worten zufolge in ihrer Nähe hausen sollte, suchte, während Brendas Furcht mit Verdruß und Ungeduld gemischt schien. Norna schenkte ihrem Benehmen keine Aufmerksamkeit, sondern begann ihre Erzählung mit folgenden Worten: