»Ihr wißt, meine Töchter, daß wir Blutsverwandte sind, aber in welchem Grade, ist Euch unbekannt; denn früher schon herrschte Feindschaft zwischen Eurem Großvater und dem Manne, der das Unglück hatte, mich Tochter zu nennen. Ich will ihn Erlend, bei seinem Taufnamen, nennen; denn den, der unsere Verwandtschaft bezeichnet, darf ich ihm nicht beilegen. Euer Großvater Olau war Erlends Bruder. Als aber die weitläufigen Besitzungen ihres Vaters Rolf Troil, eines der reichsten und mächtigsten Abkömmlinge des alten norwegischen Stammes, unter den Brüdern verteilt wurden, erhielt Erlend die Güter seines Vaters auf Orkney, Olav aber diejenigen, die auf Hialtland gelegen waren. Hierüber entstand Uneinigkeit zwischen den Brüdern; denn Erlend glaubte, ihm sei unrecht geschehen; und als das obere Gericht [Lawthing der höchste Gerichtsort des Landes, welcher noch jetzt auf den Orkney- und Shetlands-Inseln besteht und, seiner Verfassung nach, das rohe Bild eines Parlaments bietet] die Teilung bestätigte, ging er zornig nach Orkney, verwünschte Hialtland und seine Bewohner, – verfluchte seinen Bruder und sein Blut. Aber die Liebe zu den Klippen und Felsen war noch immer in Erlends Seele herrschend, und er schlug seinen Wohnsitz auf, nicht etwa auf den freundlichen Hügeln von Orphir oder in den grünen Ebenen von Gramesay, sondern auf der wilden und felsenreichen Insel Hoy, deren Klippen sich wie die von Foulah und Feroe bis in die Wolken erheben. Dem unglücklichen Erlend waren alle Legenden und Sagen bekannt, die die Skalden und Barden hinterlassen haben; und mich in dieser Wissenschaft, die uns beiden so teuer zu stehen kommen sollte, zu unterrichten, war die hauptsächlichste Beschäftigung seiner alten Tage. Ich lernte jeden einsamen Hügel, jeden Steinhaufen besuchen, wußte die Geschichten zu erzählen, die mit ihnen zusammenhängen, und verstand mit Versen zu seinem Lobe den Geist des zornigen Kriegers zu besänftigen. Mir waren die Orte bekannt, wo man einst dem Thor und Odin geopfert; ich kannte die Opfersteine, wo das Blut vergossen war, wo die finstern Priester standen und die stolzen Häuptlinge, die den Willen des Götzenbildes vernahmen, und die Menge untergeordneter Anbeter, die mit Schrecken zuschauten. Jene Orte, die der furchtsame Landmann am meisten scheute, hatten keine Schrecken für mich; ich wagte mich in ihren Zauberkreis; ich traute mich, bei der magischen Quelle gut zu schlummern. Zu meinem Unglücke aber fühlte ich mich besonders zu dem Zwerggestein hingezogen, einer Reliquie des Altertums, auf die die Fremden mit Neugierde, die Eingeborenen aber mit Entsetzen blicken. Ein ungeheures Bruchstück eines Felsens ist es, das in einem wilden Tal voll Steinen und Abgründen an einem einsamen Orte unten am Fuße des Ward-Felsens von Hoy liegt. Sein Inneres bietet zwei Ruhestätten dar, von keiner irdischen Hand ausgehauen, und ein schmaler Gang trennt beide. Der Eingang liegt Wind und Wetter offen; daneben aber liegt noch jener ungeheure Stein, der, den Aushöhlungen nach, die noch am Eingänge sichtbar sind, einst dazu gedient hat, diesen seltsamen Wohnsitz zu öffnen und zu verschließen, und den jener mächtige Zwerg der nordischen Sagen, Trolld mit Namen, zu seiner Lieblingsresidenz erbaute.
»Mir graute vor Trollds Erscheinung nicht, wie den Schäfern, die diesen Ort noch immer meiden, denn mein Herz und meine Hand, Minna, waren kühn und schuldlos wie die Deinen. Aber in meinem kindischen Mut war ich zu anmaßend, und der Durst nach unerreichbaren Dingen trieb mich, wie unsere Stammmutter, die Erkenntnis selbst auf verbotenen Wege zu suchen. Mich verlangte nach der Macht der Voluspae, jener begabten Frauen unseres Geschlechts: gleich ihnen wünschte ich den Elementen gebieten und die Geister längst entschlafener Höhlen hervorrufen zu können, um von ihnen den Bericht ihrer kühnen Taten und Kunde von ihren verborgenen Schätzen zu erhalten. Oft wenn ich bei dem Zwerggestein weilte, die Augen auf den Ward-Felsen gerichtet, der sich über dieses grauenvolle Tal erhebt, sah ich in der Mitte des dunklen Gesteins jenen wundervollen Karfunkel, der wie rote Glut demjenigen erscheint, der von unten hinaufsieht, aber sogleich dem unsichtbar wird, dessen kühner Fuß es wagt, die Höhe zu erklimmen, der er seinen Glanz verdankt. [An der Westseite des Zwerggesteins nämlich erhebt sich ein ungemein hoher, steiler Felsen, Ward Hill genannt, nahe an dessen Gipfel in den Monaten Mai, Juni und Juli gegen Mitternacht etwas Glänzendes und Schimmerndes sichtbar wird, das man oft selbst in weiter Entfernung bemerken kann. In früherer Zeit war sein Glanz stärker als jetzt, und obgleich schon mancher Fuß den Felsen erkletterte, um dem schimmernden Gegenstände nachzuspüren, ward doch noch nie etwas dergleichen gefunden. Der gemeine Mann spricht wie von einem zaubervollen Karfunkel davon; ich aber halte es für ein über die Felsenfläche weggleitendes Wasser, das, wenn es von der Sonne zu solcher Zeit beschienen wird, einen so wundervoll glänzenden Widerschein von sich gibt] Meine eitle Jugendbrust verlangte nach der Entschleierung dieses und hundert anderer Geheimnisse, die mir in den Sagen, die ich von Erlend erlernte, mehr angedeutet als erklärt wurden; und in meinem übermütigen Sinne forderte ich den Herrn des Zwerggesteins auf, Mir zur Erreichung jener, für bloß Sterbliche unzugänglichen Kenntnisse Beistand zu leisten.«
»Und der böse Geist vernahm Euren Ruf?« fragte Minna, der während dieser Erzählung das Blut zu starren begann.
»Still,« gebot Norna mit gedämpfter Stimme, »erzürne ihn nicht durch Vorwürfe, – er ist bei uns – eben jetzt hört er uns,« –
Brenda stand erschrocken auf. – »Ich will nach Euphanens Kammer,« rief sie, »mögt Ihr beide Eure Geschichten von Kobolden und Zwergen, so viel Ihr Luft habt, weiter erzählen; ich fürchte mich zu keiner andern Zeit vor ihnen, aber um Mitternacht und bei diesem bleichen Lampenschimmer mag ich nichts davon hören.«
Schon wollte sie das Zimmer verlassen, als Minna aufsprang und sie zurückhielt.
»Ist das Brendas Mut,« sprach Minna, »Brenda, die allen Sagen unserer Väter von übernatürlichen Wundern mit Unglauben begegnet? Was Norna mitzuteilen hat, betrifft vielleicht das Schicksal unsres Vaters und seines Hauses! – wenn ich zuhören kann, im Vertrauen darauf, daß Gott und meine Unschuld jeden bösen Einfluß von mir abwenden, hast Du, Brenda, die Du an keinen solchen Einfluß glaubst, um so weniger Ursache zu zittern. Glaube mir, der Schuldlose braucht sich nimmer zu fürchten.«
»Gefahr mag immerhin nicht vorhanden sein,« erwiderte Brenda, unfähig ihren natürlichen Hang zur Munterkeit zu unterdrücken, »aber wie jenes alte Scherzbuch sagt, große Furcht ist doch dabei. Minna,« fuhr sie flüsternd fort, »ich will doch lieber bei Dir bleiben, als Dich mit der furchtbaren Alten allein lassen; auch müßte ich über eine dunkle Treppe und über einen langen Gang, um bis zu Euphanen zu kommen, sonst hätte ich sie hierher geschafft, noch ehe fünf Minuten vergangen wären.«
»Rufe niemand her, Mädchen, bei Gefahr Deines Lebens,« rief Norna, »und unterbrich meine Geschichte nicht, noch einmal, denn nicht weiter erzählen darf ich sie, sobald das magische Licht hier erloschen sein wird.«
»Nun, Gott sei gedankt,« flüsterte Brenda vor sich hin, »die Flamme brennt nur noch matt in der Lampe; ich hätte wohl Lust, ihr den Rest zu geben, aber dann würde Norna mit uns im Dunkeln allein sein, und das wäre noch schlimmer.«
So sprechend, ergab sie sich in ihr Schicksal und nahm ihren Platz wieder ein, entschlossen, Nornas fernerer Geschichte mit allem nur erdenklichen Gleichmut zuzuhören. Norna aber begann auf folgende Weise wieder:
»An einem heißen Sommertag, gerade als ich gegen Mittag bei dem Zwerggestein weilte, meine Blicke auf den wundervollen Karfunkel gerichtet haltend, der seinen geheimnisvollen Glanz vom Wardfelsen zu mir herabsandte, beklagte ich mehr als je das unzulängliche menschlicher Wissenschaft, und wie unwillkürlich sprach ich die Worte einer alten Sage aus: