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»Seid, Felsenbewohner, dem Rufe hold,

Haims der Weise, mächt'ger Trolld,

Die Ihr das schwache Weib oft geehrt,

Jenen Zauberstab, den ihr gewährt

Mit gebietender Hand zu schwingen,

Weises und Starkes kühn zu vollbringen,

Und des Sturmes Wut zu empören

Und des Ozeans Welle zu wehren;

Ruhig noch? fehlt Euch die Macht,

Die Euch einst eigen um Mitternacht?

Seid Ihr nicht die Starten mehr,

Wie, verkläng Eu'r Name leer?

Schwand er leicht hin durch die Luft

Wie des Morgens Nebelduft?«

»Ich hatte,« fuhr Norna fort, »kaum diese Worte ausgesprochen, als der Himmel, der bisher ungewöhnlich heiter gewesen war, sich plötzlich so verdunkelte, daß es eher Mitternacht als Mittag zu sein schien. Ein einziger Blitzstrahl zeigte mir die wüste Landschaft, von Gestein, Heidekraut, Morästen und Abgründen rund um mich her; und ein einziger furchtbarer Donnerschlag rief alle Echos des Wardfelsens wach, die den Schall rastlos widerhallten, so daß es schien, als ob ein von dem Schlage losgerissenes Felsstück über Klippen und Felsen in das Tal hinabrollte. In demselben Augenblick begann der Regen so heftig zu strömen, daß ich mich, um Schutz davor zu, finden, durch die niedrige Oeffnung in das Innere des geheimnisvollen Gesteins flüchten mußte. Ich setzte mich auf das größere Steinlager am obern Ende der Felsenhöhle und versank, die Augen auf den kleinern Ruhesitz mir gegenüber richtend, in tiefes Sinnen über Ursprung und Art meiner seltsamen Zuflucht. War es wirklich, wie die Skalden berichten, das Werk jenes mächtigen Trollds? Oder, das Grabmal irgend eines skandinavischen Häuptlings, der hier mit seinen Waffen und Reichtümern, ja vielleicht mit seinem geopferten Weibe begraben ward, auf daß alles, was er im Leben am liebsten hatte, auch im Tode nicht von ihm getrennt würde? Oder der Wohnort eines frommen Eremiten aus späterer Zeit? Öder vielleicht das Werk irgend eines wandernden Künstlers, vom Zufall oder einer Grille zu diesem Unternehmen geführt? Ich schildere Euch die Gedanken, die damals meine Seele durchflogen, damit Ihr Euch überzeugt, daß dasjenige, was nun folgt, nicht die Vision einer in Vorurteilen befangenen, erregten Einbildungskraft, sondern eine ebenso wirkliche als schreckensvolle Erscheinung war. ... Der Schlaf war während meiner Betrachtungen nach und nach auf mich herabgesunken, als mich ein zweiter Donnerschlag plötzlich aus meinem Schlummer aufschreckte, und als ich meine Augen aufschlug, sah ich bei dem Dämmerlicht, dem die obere Oeffnung Zugang ließ, die unförmige und undeutliche Gestalt Trollds des Zwerges, mir gegenüber auf dem kleineren Steinlager, das sein viereckiger, mißgestalteter Körperklumpen ganz auszufüllen schien. Ich war bestürzt, aber nicht erschrocken, denn das Blut des alten Geschlechts von Lochlin floß warm in meinen Adern. Er sprach, aber seine Worte waren so altnorwegisch, daß nur wenige, außer meinem Vater und mir, ihren Inhalt verstanden hätten, – Worte, wie sie auf diesen Inseln gesprochen wurden, noch bevor Olav das Kreuz auf die Ruinen des Heidentums pflanzte. Auch ihr Sinn war dunkel und unverständlich, wie der, den die heidnischen, Priester im Namen ihrer Götzenbilder von dem Helga-Fels [Geheiligte Berge, von den skandinavischen Priestern zu ihrem Gottesdienste gebraucht] herab vor der versammelten Menge auszusprechen pflegten. Er lautete, wie folgt:

Zehn Säcula schon sah ich fliehen,

Seitdem ein Gast den Felsensäulen

Genaht, um meine Macht zu teilen. –

Besucher mein, Sollst mir willkommen sein;

Hochherzige Maid,

Vernimm den Bescheid:

Macht, von Dir begehrt,

Ueber Woge und Wind,

Sie sei Dir gewährt,

Du mutiges Kind;

Auf Felsen und Buchten, I

n bergigen Schluchten,

Auf jeglichen Höh'n,

Wo Winde nur wehn,

An jeglichem Strand

Im nordischen Land,

Doch hemmt so lange noch tatlose Ruh'

Dein Heldenbemühn,

Bis Deinem Lebensspender

Du Genommen, was er Dir verlieh'n!

»Ich antwortete ihm ungefähr auf dieselbe Weise, denn der Geist der alten Skalden unseres Geschlechts ruhte auf mir, und weit entfernt, das Gespenst zu fürchten, mit dem ich mich in einem so engen Raum eingeschlossen befand, fühlte ich ganz jenen hohen Mut, der die alten Kämpen und Druiden zum Kampf gegen die unsichtbare Welt beseelte, wenn sie der Meinung waren, daß die Erde ihnen fortan seine Feinde mehr darbieten könne, würdig von ihnen bezwungen zu werden. Ich antwortete ihm also folgendes:

»Dunkel sind Deine Worte,

Du, der Du häufest im Stein,

Doch wer Dich sucht an diesem Orte,

Nennt Furcht nicht sein.

Mag immerhin werden

Das Schlimmste mein Teil,

Die Qual ist auf Erden,

Im Tod nur ist Heil!«

»Der Dämon schielte nach mir, wie bestürzt und zugleich überwältigt, dann hüllte er sich in einen dicken, schwefelartigen Dampf und war vor meinen Augen verschwunden. Bis zu diesem Augenblick hatte ich nichts von Furcht gefühlt, nun aber ergriff sie mich, und ich eilte hinaus in die freie Luft, wo der Sturm vorüber und alles wieder heiter war. Nach einer kurzen atemlosen Pause flog ich heim, über die Worte der Erscheinung nachsinnend, die ich, wie es zuweilen zu gehen pflegt, damals nicht so deutlich in mein Gedächtnis zurückrufen konnte als späterhin. Es mag seltsam erscheinen, daß ein solcher Vorfall mit der Zeit, wie ein kurzer nächtlicher Traum, aus meiner Seele entschwinden konnte, – aber dennoch war dem so. Ich überredete mich selbst, es sei nur ein Spiel meiner Phantasie gewesen, – ich glaubte, zuviel in der Einsamkeit gelebt und mich zu sehr den durch meine Lieblingsstudien veranlaßten Empfindungen überlassen zu haben. Ich gab meine bisherigen Beschäftigungen einige Zeit lang auf und mischte mich unter die Jugend meines Alters. Bei einem Besuch in Kirckwall lernte ich Euren Vater kennen, den Geschäfte dorthin geführt hatten. Leicht wurde es ihm, in dem Hause der Verwandten wo ich mich aufhielt, Zutritt zu erhalten; man wünschte dort, wo möglich unsere Familien auszusöhnen. Euren Vater, Mädchen, hat die Zeit im Grunde mehr gestählt, als verändert. Es war dieselbe männliche Gestalt, dieselbe altnordische Offenheit der Sitte und des Herzens; derselbe redliche Mut und dasselbe ehrliche Wesen, vereint mit dem jugendlichen Scharfsinn, dem Wunsche zu gefallen, der Lust an allem und der Lebhaftigkeit des Geistes, die nie den Frühling unseres Daseins überlebt. Aber obgleich er der Liebe wert war, und ob auch Erlend schriftlich seine Neigung billigte, gab er dennoch einer andern – einer Fremden, Minna, einer unheilbringenden Fremden, – mit einem einnehmenden Wesen, und mit Künsten begabt, die den einfachen Sitten Deines Vaters unbekannt waren, den Vorzug. – Ja, so war's, und er wandelte in unserer Mitte wie ein Wesen aus einem erhabnem Geschlecht. – Ihr staunt mich an, gleichsam als sei es seltsam, daß sich die Aufmerksamkeit eines solchen Liebhabers auf mich lenken konnte; Wohl bietet Nornas Gestalt jetzt nichts mehr, was an die Reize von Ulla Troil erinnern könnte. – Der Wandel des belebten Körpers zum Leichnam ist kaum furchtbarer und schärfer, als der, den ich erfahren habe, die ja noch auf Erden wandelt. Schaut mich an, Mädchen – schaut mich an bei diesem dämmernden Lampenschein, – könnt Ihr glauben, daß diese widerwärtigen, vom Wetter verwüsteten Gesichtszüge – diese Augen, die durch das Anschauen von Schreckensgebilden fast zu Stein geworden, – diese graue Locke, die sich nur noch wie der Wimpel eines untersinkenden Schiffes bewegt, – daß sie, und die, der sie angehören, einst der Gegenstand zärtlicher Liebe sein konnten? – Aber die sinkende Flamme beginnt zu verlöschen, während ich meine Schande verkünde! – Wir liebten uns heimlich – wir sahen uns heimlich, bis ich ihm den letzten Beweis von unheilbringender, schuldiger Liebe gab! – Und nun wirf Deinen magischen Schimmer – breite noch einen Augenblick Deinen im Verlöschen so mächtigen Schein – gebiete ihm, der in unserer Nähe schwebt, halte seine dunklen Schwingen von dem Kreise fern, den Du beleuchtest – nur einen Augenblick leuchte noch, bis das Schlimmste erzählt ist, und dann sinke, wenn Du willst, in ein Dunkel zurück, schwarz wie die Nacht meines Kummers und meiner Schuld.«