Während sie so sprach, regte sie die verlöschende Flamme der Lampe wieder an und fuhr dann mit hohler Stimme und abgebrochenen Worten fort:
»Ich darf keine Zeit mit Worten verlieren. – Meine Liebe Wurde entdeckt, aber nicht meine Schuld. Erlend langte zornig auf Pomona an und führte mich in unsere einsame Wohnung auf der Insel Hoy. Er gebot mir, meinen Geliebten nicht wiederzusehen und Magnus, dem er die Beleidigungen meines Vaters verzeihen wollte, als meinen Gatten zu empfangen. Ach, ich verdiente leider nicht mehr seine Zuneigung – mein einziger Wunsch war, der Wohnung meines Vaters zu entfliehen und meine Schande in den Armen meines Geliebten zu verbergen. Ich muß ihm Gerechtigkeit widerfahren lassen, – er war treu – nur allzu treu – seine Untreue hätte mich den Verstand kosten können; die unglücklichen Folgen seiner Treue kosteten mich zehnfach mehr.«
Sie hielt inne; nach einer kurzen Pause aber fuhr sie im wilden Tone des Wahnsinns fort: »Sie hat mich zu der mächtigen, verzweiflungsvollen Herrscherin über Meer und Wind gemacht!«
Wieder hielt sie inne und fügte gefaßter hinzu: »Mein Geliebter kam heimlich nach Hoy, um mit mir über die Mittel zu meiner Flucht zu beraten; ich versprach ihm eine Zusammenkunft, um den Zeitpunkt zu verabreden, wann sein Schiff in die Meerenge einlaufen sollte. Ich verließ das Haus um Mitternacht.«
Hier schien sie kaum Atem schöpfen zu können, und nur langsam, fuhr sie in ihrer Erzählung fort: »Ich verließ das Haus um Mitternacht – mein Weg führte mich bei meines Vaters Stube vorüber; ich sah die Tür offen, – ich glaubte, er bewache uns, und damit das Geräusch meiner Schritte ihn nicht aus seinem Schlummer wecke, schloß ich die unglückselige Tür – eine unbedeutende Handlung – aber Gott im Himmel, welche Folgen hatte sie! – Am Morgen war das Gemach mit einem erstickenden Dampfe angefüllt – mein Vater war tot – tot durch mich! – tot durch meinen Ungehorsam, tot durch meine Schande! – Alles, was jetzt folgt, ist Nacht und Finsternis – ein gräßlicher, erstickender, furchtbarer Nebel hüllte alles ein, was ich tat und sprach, alles was getan und gesprochen wurde, bis ich überzeugt war, daß mein Schicksal erfüllt sei, und ich nur einherschritt als das kalte schreckensvolle Wesen, das Ihr jetzt in mir erblickt, die Gebieterin der Elemente, – die Teilnehmerin an der Macht jener Wesen, denen der Mensch und seine Leidenschaften eine Lust gewähren, derjenigen vergleichbar, die der Fischer bei dem Schmerze des Haifisches empfindet, wenn er ihm die Augen ausbohrt, und ihn noch einmal seinem Elemente überläßt, um in Blindheit und Todesangst die Wellen noch einmal zu durchschneiden. Sie, die Ihr vor Euch seht, Mädchen, ist von den Torheiten frei, deren Spiel Eure Herzen sind. – Ich bin es, die das Opfer brachte – ich bin es, die ihrem Lebensspender dasjenige raubte, was er ihr gab. – Das dunkle Wort ist durch meine Tat ausgelegt, und ich bin der Menschheit entnommen worden, um an Macht, aber auch an Jammer und Elend bevorzugt zu sein vor anderen.«
Als sie dieses sprach, flammte die Lampe, die bisher nur geglimmt hatte, plötzlich noch einmal hell auf, dann schien sie verlöschen zu wollen ...
»Nichts mehr nun,« rief Norna, sich selbst unterbrechend, – »er kommt – er kommt. – Genug, daß Ihr mich kennt und das Recht, das mir zusteht, Euch Zu raten und Euch zu gebieten. – Nahe Dich jetzt, stolzer Geist! wenn Du willst.«
So sprechend, löschte sie die Lampe aus und verließ mit dem ihr eigentümlichen feierlichen Ernste, wie Minna aus dem abgemessenen Schall ihrer Schritte wahrzunehmen meinte, den Raum.
Ende des ersten Bandes.
Zweiter Band
Erstes Kapitel
Minna, durch diese grause Erzählung, die mancherlei auf Norna bezüglichen Winken aus ihres Vaters oder anderer Mund Deutung gab, in argen Schrecken gesetzt, saß eine Weile wie versteinert, so daß sie nicht einmal die Schwester anzureden vermochte. Als sie sich endlich dazu aufraffte, erhielt sie keine Antwort, und als sie die Hand der Schwester nahm, fühlte sie, daß sie kalt war wie Eis. In schreckliche Angst versetzt, stieß sie Fenster und Fensterläden auf, um der frischen Luft und dem bleichen Schein einer nördlichen Sommernacht Zutritt zu schaffen. Nun sah sie, daß ihre Schwester in Ohnmacht lag. Alle Gedanken an Norna, ihre Erzählung, ihre geheimnisvolle Verbindung mit der unsichtbaren Welt, alles, alles schwand im Nu aus ihrer Seele. Ohne auch nur einen Augenblick zu fürchten, daß ihr auf dem langen dunklen Gange irgend eine Erscheinung in den Weg treten könne, eilte sie ins Hausinnere, die alte Haushälterin zum Beistand zu holen, die auch gleich allerhand Mittel anwandte, das arme Mädchen wieder zu sich zu bringen: aber ihr Nervensystem war so erschüttert worden, daß sie, aus ihrer Ohnmacht wieder erwacht, trotz aller Anstrengung ruhig zu bleiben, wieder und wieder in krampfhafte Zufälle sank, die eine Zeitlang anhielten. Aber hierüber siegte die Erfahrung der alten Euphan-Fea, die in der einfachen Arzneikunde der Shetländer aufs beste bewandert war und der Kranken einen aus allerhand Kräutern bereiteten Trank reichte, der diese auch bald in Schlummer versenkte. Minna suchte nun auch ihr Lager auf, aber der Schlummer schien ihre Augen zu fliehen; und wenn sie auch hin und wieder in Schlaf zu sinken schien, glaubte sie immer die Stimme der Vatermörderin zu hören und fuhr erschreckt von ihrem Lager in die Höhe.
Die frühe Stunde, zu der sie aufzustehen gewohnt waren, fand die beiden Schwestern in einem weit andern Zustande als er sich nach den Erlebnissen der letzten Nacht hätte vermuten lassen. Ein gesunder Schlaf hatte Brenda wieder gekräftigt und ihrer lachenden Wange die Rosenfarbe wiedergegeben; die vorübergehende Unpäßlichkeit hatte in ihren Zügen so wenig eine Spur zurückgelassen, wie die phantastische Erzählung einen tiefen dauernden Eindruck auf ihre Phantasie. – Minnas Blick dagegen war schwermütig, und sie senkte das von Wachen und Angst ermattete Auge. Anfangs sprachen sie nur wenig miteinander, gleich als scheuten sie sich einen Gegenstand zu berühren, der, wie jener in letzter Nacht, Schrecken über Schrecken für sie brachte. Erst als sie ihr gewohntes Morgengebet verrichtet hatten, gewahrte Brenda Minnas Blässe; als sie sich durch einen Blick in den Spiegel überzeugt hatte, daß ihr Gesicht nicht gleiche Spuren der Unruhe zeige, küßte sie Minnas Wange und sprach liebevolclass="underline"
»Claud Halcro hatte recht, liebe Schwester, als er uns in seiner überschwenglichen Weise Nacht und Tag nannte.«
»Und warum fällt Dir das gerade jetzt ein?« fragte Minna.
»Weil,« erwiderte Brenda, »eine jede von uns zu der Zeit am regsten und lebensvollsten ist, nach der er uns zu nennen liebte. Habe ich mich doch in der letzten Nacht fast zu Tode geängstigt, über Dinge, die Du mit Festigkeit anhören konntest. Nun aber, beim hellen Tage, kann ich ganz ruhig daran denken, während Du bleich aussiehst, wie ein Geist, der von dem Aufgang der Sonne überrascht wurde.«