»Du bist glücklich, Brenda!« antwortete ihre Schwester ernst, »daß Du eine solche Szene des Schreckens und Wundervollen so schnell vergessen kannst.«
»Ihre Schrecken,« sagte Brenda, »können nie vergessen werden, man müßte denn annehmen dürfen, dem unglücklichen Weibe habe erregte Phantasie nur eingebildetes Verbrechen angedichtet.«
»Du glaubst also,« fragte Minna, nichts von jener Erscheinung am Zwerggestein, jenem wundersamen Orte, von dem man so manche Sagen erzählt, und der seit Jahrhunderten als das Werk eines Dämons und als seine Behausung betrachtet wird?«
»Ich halte unsere unglückliche Verwandte,« erwiderte Brenda, »für keine Lügnerin, – und darum glaube ich, daß sie sich während eines Gewitters am Zwerggestein befunden hat, daß sie hineingegangen, um Schutz vor dem Sturm zu suchen, und daß sie, während einer Ohnmacht oder vielleicht auch während eines Schlummers, einen Traum hatte, der mit den Volkssagen zusammenhing, mit denen sie sich rastlos beschäftigte; aber mehr kann ich davon nicht glauben.«
»Bloß traf die Begebenheit,« unterbrach sie Minna, »völlig mit dem finstern Spruche der Erscheinung überein.«
»Nimm es mir nicht übel, Minna,« erwiderte Brenda, »ich glaube, die Erscheinung hätte gar nicht stattgefunden, oder sie sich ihrer wenigstens nicht erinnert, wäre nicht die Begebenheit eingetroffen, Sie selbst sagte uns ja, daß sie die furchtbare Szene fast vergessen gehabt hätte bis nach dem so schrecklichen Tode ihres Vaters, und wer steht uns dafür, daß das, wessen sie sich zu erinnern glaubte, kein bloßes Werk ihrer Einbildungskraft ist, die durch den schrecklichen Vorfall in Unordnung kommen mußte?«
»Brenda,« antwortete Minna, »Du hörtest ja unseren guten Pfarrer in der Kreuzkirche sagen: menschliche Weisheit sei schlimmer als Torheit, wenn sie in Geheimnisse dringen wolle, die über ihre Sphäre hinausgehen, und daß, wenn wir nicht mehr glauben wollten, als wir begreifen könnten, wir die Beweise unserer eigenen Stimme verleugnen müßten, die uns mit jedem Augenblick Gegenstände zeigten, die eben so wirklich vorhanden als unerklärbar wären.«
»Du bist zu gelehrt, Schwester,« erwiderte Brenda, »daß Du zu dem Beistande des guten Pfarrers Deine Zuflucht zu nehmen brauchtest; seine Lehre, glaube ich, hatte nur Bezug auf die Geheimnisse unserer Religion, die wir allerdings ohne Zweifel und Einrede zu glauben verpflichtet sind, – aber bei Vorfällen des gewöhnlichen Lebens können wir, da uns Gott Vernunft gegeben hat, unmöglich unrecht tun, wenn wir Gebrauch davon machen. Du aber, meine liebe Minna, hast eine lebhaftere Phantasie als ich und bist geneigt, all diese wundervollen Geschichten für wahr zu halten, weil Du gern an Zauberer, Zwerge und Wassergeister denken magst, und gern selbst einen kleinen dienstbaren Geist mit einem grünen Gewande und glänzenden Flügelpaar, buntfarbig wie das Gefieder des Stars, um Dich hättest. Aber Du holst ja so tief Atem, Minna?«
»Ich seufzte nur,« antwortete Minna nicht ohne Verwirrung, »weil ich mich wunderte, wie es Dir möglich sei, mit dem Unglück dieses merkwürdigen weiblichen Wesens Deinen Scherz zu treiben?«
»Ich treibe keinen Scherz damit, da sei Gott vor,« erwiderte Brenda nicht ohne Verdruß. »Du bist es Minna, die alles, was ich in Güte und Freundlichkeit zu Dir spreche, zum Strengen und Bösen wandelt. Ich betrachte Norna wie ein mit außerordentlichen Fähigkeiten begabtes Weib, denen sich aber oft ein starker Anflug von Wahnsinn beigesellt; auch halte ich sie für die beste Wetterkundige von ganz Shetland. Aber an eine Macht ihrerseits über die Elemente glaube ich ebensowenig, wie an die Ammenmärchen des Königs Erich, der den Wind dorther wehen ließ, wohin er seine Mütze drehte.«
Minna, leicht gereizt durch die Hartnäckigkeit ihrer Schwester, erwiderte mit einiger Herbheit: »Und dennoch, Brenda, – dieses Weib – dieses halb wahnsinnige Weib, diese Erzbetrügerin ist eben dieselbe Person, von der Du in diesem Augenblicke in Deiner vorzüglichsten Herzensangelegenheit Rat begehrst!«
»Ich weiß nicht, was Du meinst,« antwortete Brenda, hoch errötend, und versuchte sich den Händen ihrer Schwester zu entziehen, die aber, ohne ihr Zeit zu weiterer Rede zu lassen, mit etwas milderem Tone hinzusetzte: »Ist es nicht seltsam, Brenda, daß Du, trotzdem Dich dieser Fremde, dieser Mordaunt, hintergangen, trotzdem er sich – ohne eingeladen zu sein – wieder hierher gefunden hat, ihm freundlich entgegentrittst, ihn freundlich ansehen, ja freundlich mit ihm reden kannst? ... Sollte Dir nicht gerade das beweisen, daß es wirklich Zauberei gibt und daß Du selbst ihre Macht empfindest? Nicht umsonst trägt Mordaunt jene Zauberkette, – denke daran, Brenda, und nimm Dich in acht!«
»Ich habe nichts mit Mordaunt zu schaffen,« erwiderte Brenda kurz. »Auch kümmere ich mich nicht darum, was er oder andere junge Männer um den Hals tragen. Ich könnte alle goldnen Ketten der Beamten in Edinburg sehen, von denen Lady Glowrowrum so viel zu erzählen pflegt, ohne für irgend einen der Träger Neigung zu empfinden.« Und nachdem sie so die allgemeine Frauenregel beobachtet hatte, sich auf solche Anklage nicht schuldig zu bekennen, fuhr sie in einem veränderten Tone fort: »Aber sieh, die Wahrheit zu sagen, Minna, ich glaube, Du und Ihr alle habt diesem jungen Freunde, der so lange Zeit unser vertrauter Gespiele war, zu schnell das Urteil gesprochen. Sei überzeugt, Mordaunt ist mir nicht mehr, als er Dir ist – Du weißt ja selbst am besten, daß er keinen Unterschied zwischen uns beiden machte, daß er mit uns wie ein Bruder mit seinen Schwestern umging; und doch kannst Du Dich sogleich von ihm abwenden, weil ein abenteuerlicher Seemann, von dem wir nichts wissen, und ein herumziehender Krämer, der uns allen als Lügner, Schelm und Betrüger bekannt ist, Nachteiliges über ihn berichten. Nie werde ich glauben, daß er sich gerühmt habe, er brauche nur eine von uns zu wählen, und daß er nur abwarten wolle, wer von uns Burgh-Westra und den Bredneß-See erhalten solle. – Ich kann mir es nicht denken, daß er davon sprach – ja daß er daran dachte, je zwischen uns zu wählen.«
»Vielleicht,« entgegnete Minna kalt, »war es Dir bereits bekannt, daß seine Wahl schon getroffen sei?«
»Ich will dergleichen nicht hören,« rief Brenda, ihrer gewöhnlichen Lebhaftigkeit Raum gebend, »selbst von Dir, Minna, nicht. Du weißt, daß ich mein ganzes Leben hindurch die Wahrheit gesprochen habe, weißt, daß, ich die Wahrheit liebe, und so sage ich Dir denn, daß Mordaunt nie einen Unterschied zwischen uns machte, bis ...«
Hier stockte sie, weil ihr etwas einzufallen schien, was nicht im vollen Einklange zu stehen schien mit dem, was sie auf der Zunge hatte, und ihre Schwester fragte mit leisem Lächeln: »Und bis wann denn, Brenda? – Ich glaube, Deine Wahrheitsliebe scheint vor dem, was Du sagen wolltest, zurückzuschrecken?«
»Wenn ich es doch einmal sagen soll, Schwester, bis Du – bis Du aufhörtest,« entgegnete Brenda entschlossen, »ihm die Gerechtigkeit, die er verdiente, widerfahren zu lassen; daß er seine Freundschaft gegen Dich, die Du so gering achtest, nicht lange mehr wegwerfen wird, scheint mir freilich nicht zweifelhaft.«
»Immerhin,« sagte Minna, »werde ich Deine Nebenbuhlerin weder in seiner Liebe noch in seiner Freundschaft sein. – Aber erinnere Dich, Brenda! – Hier ist von keiner Lästerung Clevelands die Rede – der überhaupt einer solchen unfähig ist – auch von keiner Verleumdung des Hausierers – denn alle unsere Freunde und Bekannte behaupten ja, daß es allgemein auf der Insel heiße, die Töchter von Magnus Troil warteten nur darauf, welche von beiden für sich auszusuchen Mordaunt belieben werde ... Mordaunt Mertoun, der weder was ist in der Welt, noch was hat in der Welt, wenn es seinem Vater einfällt, die Hand von ihm abzuziehen! ... Will es sich geziemen, daß solche Rede über uns, die Abkömmlinge eines norwegischen Jarls, die Töchter des angesehensten Udallers dieser Inseln, gesprochen werde? Wäre es sittig und mädchenhaft, sich solchem Gerede zu unterwerfen, selbst dann, wenn wir nur armselige Mägde wären?«