»Das nicht, aber ein verborgenes Feuer wird ebenso leicht durch die Hitze, die es verbreitet, als durch seine Flamme verraten.«
»Du verstehst Dich auf diese Zeichen, liebe Minna,« erwiderte Brenda, indem sie ihr Köpfchen senkte und sich vergeblich Mühe gab, die Versuchung zu einer Antwort auf die Bemerkungen ihrer Schwester zu unterdrücken; »aber nur so viel kann ich Dir sagen, daß, wenn ich überhaupt je lieben werde, es nicht anders geschehen wird, als bis ich wenigstens ein paarmal dazu aufgefordert worden bin, was mir bis jetzt noch nicht begegnet ist. Aber laß uns unsern Streit nicht wieder anknüpfen, sondern lieber drüber nachdenken, warum uns wohl Norna jene schreckenvolle Erzählung mitgeteilt, und was sie darunter beabsichtigt.«
»Es wird eine Vorsicht gewesen sein,« erwiderte Minna, – »die ihr in unserer Lage und, ich will es nicht leugnen, zumal in der meinen, ihr vielleicht nötig erscheinen mochte, – aber ich bin gleich stark durch meine eigene Unschuld, wie durch Clevelands Ehre.«
Brenda hätte gern geantwortet, daß sie auf Clevelands Ehre nicht so sehr vertraue, als auf Minnas Unschuld; aber sie vermied es, das Thema wieder aufzunehmen und bemerkte nur: »wie es doch seltsam sei, daß Norna nicht mehr von ihrem Liebhaber gesagt habe, der sie doch unfehlbar in dem Elende, in das sie durch ihn gestürzt worden, nicht verlassen haben könne?«
»Es mag Angst und Kummer geben,« entgegnete Minna nach einer Pause, »wo die Seele so sehr mit sich im Streite ist, daß sie aufhört, selbst diejenigen Gefühle zu empfinden, die sie am meisten erfüllten; – möglich, daß die Sorge um ihren Geliebten in Schrecken und Verzweiflung unterging.«
»Oder er entfloh vielleicht von diesen Inseln aus Furcht vor der Rache unseres Vaters,« bemerkte Brenda.
»Wenn er aus Furcht oder aus Schwäche des Herzens,« nahm Minna, zum Himmel aufblickend, das Wort, »fähig war, dem Elend zu entfliehn, das er angerichtet hatte, so wird ihm, dies hoffe ich zu Gott, längst jene Strafe geworden sein, die die Vorsehung für den niedrigsten Verrat und für die allerschändlichste Feigheit aufbewahrt. – Komm, Schwester; man wartet schon auf uns beim Frühstück.«
Und Arm in Arm, mit größerm Vertrauen, als seit einiger Zeit unter ihnen geherrscht, gingen sie fort; der kleine Zwist, der soeben zwischen ihnen bestanden, hatte wie ein plötzlicher kurzer Windstoß die kleinen Nebelwolken, die sich zwischen ihnen gelagert, zerstreut und schönes Wetter gebracht.
Auf dem Wege zur Frühstücksstube kamen sie überein, daß es unnötig, ja unvorsichtig wäre, ihren Vater mit den Umständen ihres nächtlichen Besuches bekannt zu machen oder ihn überhaupt wissen zu lassen, daß sie jetzt von Nornas schwermütiger Geschichte mehr wußten als bisher.
Zweites Kapitel
Als die Schwestern in die Stube traten, um das Frühstück, eben so reichlich wie am vergangenen Morgen, zu nehmen, und wegen ihres späten Erscheinens vom Vater mit scherzhaftem Verweis empfangen wurden, fanden sie die Gesellschaft, die zum Teil schon mit dem Frühstück fertig war, mit einem ähnlichen alten norwegischen Spiel beschäftigt, wie wir ihrer bereits beschrieben haben.
Es schien aus jenen Geschichten der Skalden entlehnt zu sein, in denen oft Kämpen und Heldinnen dargestellt wurden, wie sie sich, um ihr künftiges Schicksal zu erfahren, an Zauberer oder Wahrsagerinnen wandten.
Eine alte Sibylle, die schon früher erwähnte Haushälterin, Euphane Fea, mußte sich in die Vertiefung eines breiten Fensters begeben, die mit Bärenfellen und andern Decken verhängt war, so daß das Ganze einer lappländischen Hütte nicht unähnlich sah. Eine wie in einem Beichtstuhl angebrachte Oeffnung gestattete der dahinter befindlichen Person jede gestellte Frage zu hören, ohne den Fragenden dabei zu sehen. Hier weilte die Voluspa oder Sibylle, um aus dem Stegreif sogleich Antwort auf jede Frage zu geben. Man nahm an, daß der Vorhang sie verhindere, zu wissen, wer diese oder jene Frage getan, und der absichtliche oder zufällige Bezug, den die Antworten unter solchen Umständen haben mußten, bot oft Stoff zum Gelächter, zuweilen aber auch Ursache zu ernster Betrachtung. Zur Sibylle wählte man gewöhnlich eine Person, die in der altnorwegischen Poesie zu Hause war und zu improvisieren verstand; keine seltene Fähigkeit in einem Lande, wo das Gedächtnis der Bewohner mit alten Versen angefüllt, und wo die Regeln der Metrik nur auf ungemein einfachen Grundsätzen beruhten. Die Fragen wurden gleichfalls in Versen vorgelegt; da aber die Kunst, aus dem Stegreife zu reimen, obwohl ziemlich allgemein, doch nicht jedem geläufig war, war es erlaubt, sich eines Dolmetschers zu bedienen, der den Frager bei der Hand faßte und dem alsdann das Geschäft oblag, den Inhalt der Frage in Verse zu übertragen und sie laut auszusprechen.
Bei dieser Gelegenheit hatte man zum Dolmetscher einstimmig Claud Halcro gewählt, der auch nach kurzem Kopfschütteln und einigem Zögern zur Uebernahme des Amtes sich bereit erklärte.
Gerade aber als das Spiel beginnen sollte, fand plötzlich eine Rollenveränderung statt. Norna vom Fitful-Head, die jedermann, mit Ausnahme der beiden Schwestern, viele Meilen weit entfernt wähnte, trat plötzlich ein und schritt, ohne jemand zu grüßen, langsam und majestätisch auf das Gezelt von Bärenfellen zu, wo sie der dort sitzenden Sibylle ein Zeichen gab, das Heiligtum zu verlassen. Die alte Euphane kam zum Vorschein, schüttelte ihr Haupt und schien von Angst überwältigt; auch gab es in der Tat nur wenige in der Gesellschaft, die bei der plötzlichen Ankunft der allgemein gefürchteten Norna ihre völlige Fassung behielten.
Sie stand einen Augenblick am Eingange des Zeltes still, blickte, indem sie das Bärenfell hob, hinauf nach Norden, gleich als erflehe sie, von dort Beistand und Eingebung, und nachdem sie den überraschten Gästen ein Zeichen gegeben, einer nach dem andern näher zu treten, schritt sie in das Gezelt und war vor aller Augen verschwunden.
Jetzt aber schien es eine andere Unterhaltung werden zu wollen, als die Gesellschaft früher beabsichtigt hatte, und da die meisten fürchteten, sie würde mehr als Scherz darbieten, zeigte niemand eine große Bereitwilligkeit das Orakel zu befragen, Nornas Charakter und Wesen waren, so glaubten fast alle Anwesenden, zu ernst für die Rolle, die sie übernommen, die Männer flüsterten miteinander, und die Frauen versinnlichten, wie Claud Halcro meinte, das alte Dichterwort:
»Zu einem Haufen nur trieb sie die Schreckensangst.«
Diese Pause ward aber durch die laute, männliche Stimme des alten Udallars unterbrochen. »Nun, und warum ist das Spiel gestört, meine Herren?« rief er, »fürchtet ihr euch etwa, weil meine Verwandte gekommen ist, die Voluspa zu spielen? Freundlich ist es von ihr, diese Rolle zu übernehmen, zu der niemand auf den Inseln besser als sie geeignet ist; wir wollen unsern Scherz dadurch nicht stören lassen, sondern ihn um so lustiger fortsetzen.«
Noch immer währte das Schweigen der Gesellschaft, und Magnus fuhr fort: »Nimmer soll es heißen, daß meine Verwandte in ihrem Winkel gesessen habe, als sei sie eine unsrer alten Bergriesinnen, und daß man bloß aus Furcht sie nicht befragt hätte. Ich selbst will der Erste sein, – aber der Vers geht mir jetzt schwerer von der Zunge als früher vor einigen zwanzig Jahren; Ihr müßt mir zur Seite stehen, Claud Halcro.«
Hand in Hand nahten sie sich darauf dem Gezelt, und nach einer augenblicklichen Beratung miteinander sprach Halcro die Frage seines Gönners aus, der, wie eben die meisten angesehenen Shetländer, sich von Jugend auf mit Fischerei und Handel beschäftigt und jetzt über den Ausgang seiner Walfischjagd durch den Barden eine Frage an die Sibylle richten ließ.
»Finstre Mutter, Wohl und Weh
Kündest Du von Fitful-Höh.
Mutter, deren Auge schauet,
Dorthin wo kein Dunkel grauet, –
Jetzt nach Grönlands frost'gem Strand
Sei Dein Seherblick gesandt;