Halcro ließ sich nicht zweimal dazu auffordern, sondern die Hand des Kapitäns mit der seinigen fassend, wie es die Sitte des Spiels gebot, sprach er die Frage, die der Udaller dem Fremden vorgeschrieben, in folgenden Worten aus:
»Finst're Mutter, Wohl und Weh
Kündest Du von Fitful-Höh.
Eine Barke voll und schwer
Liegt zu Kirkwall, ferne her.
Viel Geschütz mehrt ihre Fracht,
Glänzend ist der Mannschaft Tracht.
Gold und Seid' aus fremdem Land
Füllen sie bis an den Rand.
Mutter, sprich, hat dieser Mann
Auch wohl einen Teil daran?«
Eine Pause von ungewöhnlicher Länge trat ein, ehe das Orakel eine Antwort gab, und als diese erfolgte, geschah es in einem dumpferen, aber eben so entscheidenden Tone als bisher:
»Gold ist herrlich, hell und schön,
Blut ist dunkel anzuseh'n,
Nach der Bai schaut' ich hinaus,
Dort hält ein Falk, nach wildem Strauß
Fest seine Beute mit höhnischer Wut;
Krallen und Federn, sie triefen von Blut;
Schaue der Frager die Hände nur an,
Färbte sie Blut, hat teil er daran.«
Cleveland, dessen Mund ein verächtliches Lächeln umzog, streckte seine Hand hin. – »Wenige nur,« sprach er, »sind so oft wie ich an der spanisch-amerikanischen Küste gewesen, ohne mehr denn einmal mit Küstenwache in Konflikt zu kommen, aber nie hat es einen Blutflecken an meiner Hand gegeben, den nicht ein nasses Tuch auf der Stelle fortgebracht hätte.«
»Ja, ja mit den Spaniern unterhalb der Linie gibt es keinen Frieden,« fügte Magnus Troil bei, »hundertmal haben mir das Seeleute, wie der alte Kommodore Rummelaer, gesagt, der bis in die Honduras-Bai hinunter gekommen ... Ich hasse alle Spanier, seitdem sie 1558 auf der Fair-Insel alle Lebensmittel geraubt haben. Davon hat mir mein Großvater genug erzählt; hier im Hause liegt auch noch irgendwo eine alte holländische Chronik, in der zu lesen steht, wie sie vor langer Zeit in den Niederlanden gehaust haben.«
»Recht, recht, mein würdiger Freund,« erwiderte Cleveland, »eifersüchtig sind sie auf ihre indischen Besitzungen wie ein alter Mann auf seine junge Braut, – und wenn sie einem nur ankommen können, heißt es gleich: auf Lebenszeit in die Bergwerke! – Und so bekriegen wir sie auf Leben und Tod, mit festgenagelter Flagge.«
»Das ist der rechte Weg,« rief der Udaller, »die alte britische Flagge darf nicht gesenkt werden. Denke ich an die hölzernen Wälle, möchte ich fast selbst ein Engländer sein, wenn ich nicht dann unsern Nachbarn, den Schotten zu ähnlich würde. – Aber genug – niemand soll beleidigt werden, – hier ist jedermann gut Freund und willkommen. – Nun, wir wollen das Spiel fortsetzen. Brenda, an Dir ist die Reihe; Du weißt ja, wie uns allen bekannt ist, nordischer Reime die Menge.«
»Aber keine, die sich zu diesem Spiele eignen, Vater,« sagte Brenda, zurücktretend,
»Dummes Zeug,« entgegnete ihr Vater, sie vorwärts drängend, während Halcro ihre abwehrende Hand ergriff, – »laß nicht falsche Scham unsere harmlose Freude stören; sprecht Ihr für Brenda, Halcro,– Euer Geschäft ist's ja, die Gedanken der Mädchen auszulegen.«
Der Sänger neigte sich zu der liebenswürdigen Jungfrau mit der Ehrfurcht eines Poeten und der Galanterie eines Weltmannes, und nachdem er ihr flüsternd bemerkte, daß sie ja auf keine Weise für das, was er spräche, verantwortlich wäre, blickte er auf, lächelte, als ob ihm plötzlich eine Idee gekommen, und sprach dann:
»Finst're Mutter, Wohl und Weh
Kündest Du von Fitful-Höh.
Sprich jetzt aus, was schüchtern still
Nicht die Schönheit fragen will.
Tauch' Dein Wort in Milch und Wein,
Hüll' es sanft in Seide ein,
Sag', wird dieses Herz, so rein,
Glücklich in der Liebe sein?«
Die Seherin antwortete fast im nämlichen Augenblick aus ihrem Gezelt heraus:
»Wer Jungfrau Brust, noch nicht erfüllt
Von Liebe, ist das Ebenbild
Von jenem glänzend reinen Schnee
Auf Ronas fels'ger Wolkenhöh'. –
Doch von dem Sonnenstrahl berührt,
Wird er dem Späherblick entführt.
Und träufelnd in den Talgrund nieder
Erweckt er Gras und Kräuter wieder,
Tränkt Herden mild, ruft Blumen wach
Und schmückt des Schäfers Laubendach.«
»Gut gesprochen,« rief der Udaller und hielt die errötende Brenda, die hinwegeilen wollte, bei der Hand, – »schäme Dich nicht, Mädchen, die Hausfrau eines ehrlichen Mannes und Mittel eines alten Norweger Namens zu sein, Nachbarn Glück zu bringen, Armen beizustehen und Fremden Hilfe zu leisten, denn solches ist das ehrenvollste Los, das einem jungen Mädchen werden kann, und ich wünsche es einer jeden, die hier zugegen ist.«
»Nun, an wem ist jetzt die Reihe? Hier gilt's gute Männer zu bekommen, – Maddie Greatsettar – und Du, meine hübsche Klara, wollt Ihr nicht auch Euren Teil davon?«
Lady Glowrowrum schüttelte mit dem Kopfe und meinte, sie wisse nicht, ob sie einwilligen könne – – – – –
»Genug – genug! unterbrach sie Magnus, »keinen Zwang! aber das Spiel soll fortgehen, bis wir dessen überdrüssig werden. Hierher, Minna, Du stehst unter meinem Kommando. Tritt näher, Mädchen; es gibt mancherlei, dessen man sich weit mehr schämen müßte als solches alten, unschuldigen Spieles. Komm, komm, ich selbst will für Dich sprechen – weiß ich freilich nicht, ob mir auch noch Verse genug dazu einfallen werden.«
Eine leichte Röte flog über Minnas Wange; schnell aber gewann sie die Fassung wieder, stand ruhig bei dem Vater, wie erhaben über den kleinen Scherz, zu dem sie durch ihre augenblickliche Lage den Anlaß gab, und sah zu, wie der Vater, nachdem er sich die Stirn gerieben und andere Mittel angewandt hatte, seinem Gedächtnisse zu Hilfe zu kommen, endlich zu dem die Seherin verhüllenden Gezelte trat ... Auf weniger galante Weise als Halcro sprach nun der Udaller:
»Dunkle Mutter, sag' uns an,
Hier die Maid will einen Mann,
Sag' uns, wird sie zeitig frei'n,
Und was wird Ihr Los dann sein?«
Ein tiefer Seufzer wurde hinter dem Gezelt gehört, wie wenn der Gegenstand, über den sie das Urteil aussprechen sollte, das Mitleid wecke; dann gab sie wie früher die Antwort:
»Des Mädchens Herz, noch unerfüllt
Von Liebe, ist ein Ebenbild
Von jenem unschuldsgleichen Schnee
Auf Ronas riesger Wolkenhöh';
Von jeder Erdenfarbe rein.
Scheint er ein Himmelsteil zu sein. –
Doch von des Sturmes wilder Kraft
Wird schleunig er hinweggerafft,
Und nur zerstörend stürzt die Flut,
Vom Fels herab mit grimm'ger Wut.«
Den Udaller erfüllte diese Antwort mit großem Zorn... »Beim Gebein des Märtyrers,« rief er aus, und sein kräftiges Gesicht färbte sich dunkelrot, »das nenn ich Höflichkeit mißbrauchen, und hätte es irgend wer anders als Ihr gewagt, den Namen Meiner Tochter mit Zerstörung zusammenzubringen, hätte er besser getan, seiner Zunge einen Zaum anzulegen! doch komm nur heraus, Du schwarzgallige Hexe,« fügte er gleich mit gutmütigem Lächeln hinzu, »ich hätte eben bedenken sollen, daß Du nicht lange Freude an einer Sache haben kannst, die nach Fröhlichkeit schmeckt. Nun, Gott helfe Dir.« Seine Aufforderung erhielt aber keine Antwort, und deshalb fuhr er nach einer kurzen Weile fort: – »Sei nicht böse auf mich, gute Norna, wenn ich auch ein barsches Wort gesprochen – Du weißt, ich meine es gut mit jedermann und zumal mit Dir, – komm, komm, wir wollen Frieden machen! – Kein Wort hätt ich verloren und wenn Du mir Schiffsunglück oder schlimmen Fang vorgesagt hättest; aber Minna und Brenda, weißt Du, gehen mich näher an. – Noch einmal, komm heraus, gib mir die Hand und laß die Sache aus sein.«