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»Ja, ja, es ist ein Traum,« erwiderte Minna, die Blicke senkend, »und schlecht nur steht es einer Tochter Hialtlands an, wie ein freies Weib zu denken und zu handeln, – unsere Augen dürfen nur auf dem Boden ruhen, und unsere Schritte müssen nur langsam und zögernd sein, wie die eines Menschen, der einem Zuchtmeister gehorcht.«

»Es gibt Länder,« sagte Cleveland, »wo das Auge frei auf Palmen und Kokoswäldern schauen darf, wo sich der Fuß wie eine segelnde Galliote über mit Blumen durchwirkte Fluren und durch aromatisch duftende Auen leicht bewegen kann; wo jede Unterwerfung unbekannt ist, außer der des Tapfersten, und der aller unter die Gewalt der Schönheit.«

Minna zögerte einen Augenblick, ehe sie antwortete. »Nein, Cleveland,« versetzte sie dann, »mein rauhes Vaterland hat, so wüst wie Ihr es auch denken mögt und so unterdrückt wie es tatsächlich ist, dennoch Reize für mich, die mir kein anderes Land auf Erden zu bieten vermöchte. Vergebens bemühe ich mich, mir jene Bäume und Wälder vorzustellen, die mein Auge nie gesehen hat, aber meine Phantasie kann sich keinen erhabnern Anblick denken als diese Wellen, wenn der Sturm sie peitscht, und keinen lieblichern, als wenn sie, wie jetzt, in ungetrübter Ruhe, ans Ufer heranrollen. Nicht die herrlichste Szene in einem fremden Lande – nicht der glänzendste Sonnenstrahl, der je die köstlichste Landschaft beschien, könnte meine Gedanken, selbst nur auf einen Augenblick, von den erhabnen Klippen, den nebelumhüllten Felsen und dem weit hinaus wogenden Ozean abziehen. – Hialtland ist das Land meiner Vorfahren, das Land meines noch lebenden Vaters; auf Hialtland will ich leben und sterben.«

»Dann will auch ich auf Hialtland leben und sterben,« rief Cleveland. »Ich begebe mich nicht nach Kirkwall, denn meine Gefährten sollen von meinem Dasein nichts erfahren, konnte ich mich ihnen anderwärts doch kaum entziehen. Euer Vater liebt mich, Minna; wer weiß, ob stete Aufmerksamkeit und Fürsorge ihn nicht endlich bestimmen könnten, mich in seine Familie aufzunehmen. Wer möchte wohl die Länge der Reise scheuen, wenn das Ende Glückseligkeit verheißt?«

»Träumt nicht von einem solchen Erfolge, er ist unmöglich,« sagte Minna, »so lange Ihr in dem Hause meines Vaters wohnt, – so lange Ihr seinen Beistand empfangt und sein Mahl teilt, werdet Ihr ihn immer als einen großmütigen Freund und herzlichen Wirt erblicken, aber berührt nur etwas, was auf seinen Namen und seine Familie Bezug hat, und der freimütige Udaller wird augenblicklich vor Euch dastehen als der stolze Abkömmling eines norwegischen Jarls. Ein augenblicklicher Verdacht ist auf Mordaunt Mertoun gefallen, und er hat den Jüngling aus seiner Gunst verbannt, den er noch vor kurzem wie einen Sohn liebte. Nur einer wird sich mit seinem Hause verbinden, der von untadelhafter nordischer Abkunft ist.«

»Das kann bei mir sehr wohl der Fall sein, wenigstens so weit mir etwas davon bekannt ist,« erwiderte Cleveland.

»Wie? Ihr von nordischer Abkunft?« fragte Minna.

»Ich habe Euch ja schon gesagt,« antwortete Cleveland, »daß ich von meiner Familie gar nichts weiß; ich verlebte meine früheste Jugend auf einer einsamen Pflanzung auf dem Schildkröteneiland unter Aufsicht meines Vaters, der damals ein ganz anderer Mann war, als er späterhin wurde. Wir wurden von Spaniern beraubt, und gerieten in solche Armut, daß mein Vater in seiner Verzweiflung und seinem Rachedurst die Waffen ergriff und als Häuptling einer kleinen Schar, die sich in demselben Verhältnis befand, Flibustier wurde, wie man diese Aufwiegler gegen spanisches Joch nannte – und mit wechselndem Glück gegen Spanien kreuzte, bis er, als er den Gewalttätigkeiten seiner Gefährten Einhalt tun wollte, unter ihren Händen fiel. Aber woher mein Vater stammte und wie sein Geburtsland hieß, weiß ich nicht, schöne Minna, noch habe ich je mich darum gekümmert.«

»Er war also Wohl ein Brite, Euer unglücklicher Vater?« fragte Minna. »Ich zweifle nicht daran,« erwiderte Cleveland; »sein Name, zu furchtbar, um ihn öffentlich zu nennen, lautet englisch; und seine Kenntnis der englischen Sprache und Literatur sowie die Mühe, die er sich in früherer Zeit gab, mich darin zu unterrichten, sind mir Bürgschaft für seine englische Abkunft. Und allein meinem Vater verdanke ich jene besseren Gefühle und Grundsätze, die mich Eurer Aufmerksamkeit und Eures Beifalls einigermaßen würdig machen. Bei dem allen scheint es mir aber oft, als wohnten mir zwei verschiedene Charaktere inne, denn es kommt mir fast unglaublich vor, daß ich ein und derselbe sei, wenn ich mich hier an dem einsamen Strande mit Minna Troil sehe, dem lieblichsten Mädchen, das je mein Auge sah und ihr mein Herz ausschütten darf – mit dem unerschrockenen Anführer jener kühnen Bande, deren Name dem Sturmwind gleich Furcht und Angst verbreitete.«

»Solch kühne Sprache gegen die Tochter von Magnus Troil wäre Euch nicht erlaubt, wäret Ihr nicht der tapfere, unerschrockene Anführer, der mit so geringen Mitteln seinen Namen so furchtbar machte. Mein Herz kann, wie bei den Jungfrauen früherer Tage, eben nicht durch schöne Worte, sondern nur durch mutige Taten gewonnen werden.«

»Ach, dieses Herz!« rief Cleveland; »was kann ich tun – was kann ein Mann tun, seine Teilnahme zu erwecken?«

»Begebt Euch zu Euren Freunden – verfolgt Euer Glück und überlaßt das übrige dem Schicksale,« antwortete Minna; – »wenn Ihr einst wiederkehrt als der Befehlshaber einer mächtigen Flotte, wer weiß, was geschehen kann?«

»Und wer steht dafür, daß, wenn ich wiederkehre – überhaupt je zurückkehre – Minna Troil nicht die Braut oder Gattin eines andern ist? – Nein, Minna, nicht der Laune des Schicksals will ich den einzigen Gegenstand anvertrauen, den ich auf meinem stürmischen Lebenspfade erstrebenswert fand.«

»Hört mich an, »sagte Minna; »ich will mich, wenn Ihr anders ein solches Verhältnis eingehen könnt, durch das Versprechen Odins, jenen heiligsten der alten nordischen Gebräuche, der noch unter uns aufrecht erhalten wird, an Euch binden und Euch geloben, nie einem andern meine Gunst zu schenken, bis Ihr etwa selbst auf die Ansprüche verzichten solltet, die ich Euch eingeräumt habe. – Wird Euch das genügen? – Mehr kann ich – mehr will ich nicht geben.«

»So bin ich,« antwortete Cleveland nach einer Pause, »gezwungen, damit zufrieden zu sein, aber erinnert Euch, daß Ihr selbst mich in ein Leben zurückjagt, das die Gesetze des Königreichs England als Verbrechen brandmarkten – zu einem Gewerbe zurücktreibt, das durch die kühnen Männer, die es ausübten, mit Schimpf und Schande bedeckt ward.«

»Ich bin über solche Vorurteile erhaben,« erwiderte Minna, »im Kriege gegen England betrachte ich ihre Gesetze nur, als ob Ihr gegen einen Feind kämpftet, der in der Fülle seines Stolzes und seiner Macht erklärte, seinem Gegner keine Gnade zugestehen zu wollen ... Ein braver Mann wird darum nicht schlechter, und Missetaten Euer Gefährten können Eurem Rufe nicht zum Schaden sein.«

Cleveland blickte sie mit staunender Bewunderung an, in die sich aber auch ein Lächeln über ihre Einfalt zu stehlen schien.

»Ich hätte nicht geglaubt,« sprach er, »daß ein so hoher Mut mit solcher Unkenntnis der Gegenwart vereint zu finden sei. Und hinsichtlich meines Betragens werden die, die mich am besten kennen, gerne bekennen, daß ich auf Gefahr meines Einflusses, ja meines Lebens hin, stets alles mögliche getan habe, die Wildheit meiner Gefährten im Zaume zu halten; aber wie kann man Menschen Menschlichkeit lehren, die vor Rache gegen eine Welt glühen, die sie ausgestoßen hat? Wie kann man sie zur Mäßigung in den Freuden bewegen, die der Zufall ihnen in den Weg streut zur Abwechslung in einer Lebensbahn, die sonst nur eine fortgesetzte Reihe von Gefahren und Mühseligkeiten wäre? Aber dieses Versprechen, der einzige Lohn meiner treuen Anhänglichkeit – laßt es mich wenigstens ohne Verzug empfangen.«