»Nicht hier, nur in Kirkwall kann ich es ablegen. – Wir müssen zum Zeugen unseres Bündnisses den Geist anrufen, der über dem alten Ringe von Stennis schwebt; doch vielleicht fürchtet Ihr Euch, den Namen des greisen Vaters der Erschlagenen, den Namen des Ernsten und Schrecklichen, zu nennen?«
Cleveland lächelte,.
»Seid wenigstens so gerecht, mir einzuräumen, Minna, daß ich selbst von Furcht vor wirklichen Schrecken so gut wie nichts kenne, und daß Furcht vor Geistern keinen Eindruck auf mich macht.«
»Ihr glaubt also nicht daran,« sprach Minna, »und eignet Euch also besser zu einem Liebhaber für Brenda als für mich.«
»An alles will ich glauben, woran Ihr selbst nur glaubt,« erwiderte Cleveland; »alle Bewohner Walhallas, von dem Ihr Euch so oft mit dem alten Narren Halcro unterhaltet, – sie alle sollen für mich zu lebendigen und wirklichen Wesen werden. Aber, Minna, verlangt nicht von mir, daß ich mich vor ihnen fürchte!«
»Furcht! nein – sie fürchten, nein!« entgegnete die Jungfrau; »denn weder vor Thor noch vor Odin, wenn sie mit all ihren Schrecken naheten, wichen wir zurück. Aber mit solchen prahlerischen Worten bietet Ihr einem Gegner Trotz, wie Euch noch keiner entgegentrat.«
»Nicht in dieser nördlichen Breite, wo wir bisher nur Engel begegneten,« antwortete ihr Geliebter mit einem Lächeln, »aber ich habe mit den Dämonen der Linie zu schaffen gehabt, die wir Räuber für eben so mächtig und boshaft halten, wie die des Nordens.«
»Habt Ihr denn jene Wunder erblickt, die über der sichtlichen Welt erhaben sind?« fragte Minna mit einem Anflug von Furcht.
Cleveland nahm ein ruhiges Gesicht an und erwiderte: – »Kurze Zeit vor dem Tode meines Vaters wurde mir, obgleich ich damals noch sehr jung war, der Befehl über eine Schaluppe anvertraut, mit dreißig der entschlossensten Kerle bemannt, die je die Muskete führten. Wir kreuzten lange mit schlechtem Erfolg, denn wir nahmen nichts als armselige Fahrzeuge, die entweder auf Schildkrötenfang auszogen oder nur mit andern erbärmlichen Dingern beladen waren. Endlich verloren wir die Geduld und beschlossen, bei einem Dorfe ans Land zu gehen, wo wir auf die mit Schätzen beladenen Maultiere eines spanischen Gouverneurs treffen sollten. Wir nahmen den Platz, aber während ich bemüht war, die Bewohner der Wut meiner Gefährten zu entreißen, entflohen die Maultiere mit ihrer köstlichen Ladung in den nahen Wald. Dieser Vorfall nahm mir ganz die Gunst meiner Untergebenen; längst schon mit mir unzufrieden, brachen sie in völligen Aufruhr aus. In einer feierlichen Beratung ward ich meines Amtes entsetzt und, als zu menschlich für unser Gewerbe, verurteilt, an eine jener kleinen, buschigen Inseln ausgesetzt zu werden, die in Westindien unter dem Namen Kays bekannt sind und nur von Schildkröten und Seevögeln bewohnt werden.
Auf vielen von ihnen sollen Dämonen Hausen, auf andern Geister von indianischen Häuptlingen, die von den Spaniern, um ihnen das Geständnis ihrer verborgenen Schätze abzupressen, zu Tode gefoltert wurden. Mein Verbannungsort, Coffin-Kay genannt, ungefähr anderthalb Meilen südöstlich von Bermudas gelegen, war als Wohnsitz übernatürlicher Bewohner dergestalt berüchtigt, daß ich überzeugt bin, nicht Mexikos ganzer Reichtum hätte einen einzigen der Bösewichter, die mich ans Land setzten, bewegen können, dort bei hellem Tage auch nur eine einzige Stunde allein zu bleiben. Und hier ließen sie mich nun auf einem dürren, sandigen Flecke zurück, mitten im unbegrenzten atlantischen Meere und, ihrem Wahne nach von schlimmen Dämonen gepeinigt.«
»Und was geschah?« fragte Minna lebhaft,
»Ich fristete mein Leben,« antwortete der Abenteurer, »von Seevögeln, die dumm genug waren, mich soweit herankommen zu lassen, daß ich sie mit meinem Stecken totschlagen konnte, und von Schildkröteneiern, als die Vögel gescheiter wurden und meine Nähe flohen.« »Und die Dämonen, von denen Ihr spracht?« unterbrach ihn Minna.
»Ich hatte eine geheime Furcht vor ihnen,« sagte Cleveland, »bei hellem Tage oder in völliger Dunkelheit zwar nicht, aber in der Nebeldämmerung des Morgens, oder wenn der Abend zu grauen anfing, sah ich in den ersten Wochen viel dunkle undeutliche Gespenster: bald an einen Spanier im weiten Mantel mit dem breiten Hut, bald an einen holländischen Matrosen mit der rauhen Kappe und in den Pluderhosen, bald an einen Indianer mit Federkrone und Rohrlanze erinnernd.«
»Und Ihr habt nie versucht, sie anzusprechen?«
»Ich trat jedesmal näher,« erwiderte der Seemann; »aber, immer – es tut mir leid, Eure Erwartung täuschen zu müssen, schöne Freundin, – wurde das Gespenst entweder zu einem Busch oder einem Stück Treibholz oder einem Nebelkreis oder irgend einem andern harmlosen Dinge; bis ich mich nicht länger durch solche Gebilde quälen ließ, und mich vor Gespenstern so wenig auf meiner Insel fürchtete, wie in der Kajüte eines Schiffes, im Kreise meiner Gefährten.«
»Aber wie lange bliebt Ihr denn auf der Insel?« sagte Minna.
»Vier Wochen lang habe ich dort ein elendes Dasein geführt,« antwortete Cleveland, »als ich endlich durch Fischer, die an der Insel anlegten, um Schildkröten, zu fangen, erlöst wurde. Aber die Zeit war mir nicht fruchtlos verstrichen, denn auf dem dürren Sandfleck fand ich die Eisenmaske, die mir seitdem zur Schutzwehr gegen Verräterei und Aufruhr geworden ist. Dort reifte der Entschluß in mir, das Uebergewicht, das mir Erziehung und Kenntnis gaben, das mich aber meinen Kameraden verhaßt machte, auf die roheste Weise in Geltung zu setzen, mir durch gefühllose Härte Einfluß zu sichern. Kurz, ich lernte, daß sich Herrschaft nur behaupten lasse, wenn ich wenigstens dem Aeußern nach denjenigen gleiche, über die ich sie ausüben wollte. Da traf mich die Kunde von dem Schicksal meines Vaters und entflammte mich. zu Zorn und Rache, denn er war als Opfer seines höheren Geistes und seiner bessern Sitten gefallen; bei seinen Leuten hieß er immer nur der vornehme Herr, und nur weil sie meinten, daß er auf eine günstige Gelegenheit warte, um sich auf ihre Kosten mit der besseren Gesellschaft auszusöhnen, gaben sie ihm den Tod. Bald stand ich wieder an der Spitze einer Schar von Abenteurern: doch nicht diejenigen suchte ich, die mich ausgesetzt, sondern die Schurken, die meinen Vater verraten hatten, und meine Rache war so schrecklich, daß alle, die mich früher gekannt, den mit mir vorgegangenen Wandel den Dämonen zuschrieben, die ihrer Meinung nach auf dem Sande vom Coffin-Kay ihr Wesen trieben: ja manche waren abergläubisch genug, zu sagen, daß ich ein Bündnis mit denselben eingegangen sei.«
Er hielt inne, fuhr aber, da Minna still blieb, nach einer Pause fort:
»Ihr schweigt, Miß Troil, und ich mag mir wohl durch meine Offenherzigkeit bei Euch geschadet haben; in Wahrheit aber kann ich behaupten, daß meine natürlichen Anlagen durch diese unheilvollen Verhältnisse, wenn auch unterdrückt, doch nicht erstickt wurden.«
»Ich bin ungewiß,« entgegnete Minna nach kurzem Besinnen, »ob Ihr so offenherzig gewesen wäret, hättet Ihr nicht gewußt, daß ich bald Eure Kameraden sehen und durch sie erfahren würde, was Ihr sonst vielleicht gern verborgen gehalten hättet.«
»Ihr tut mir Unrecht, Minna! grausames Unrecht! Von dem Augenblick an, wo Ihr mich als Abenteurer, Flibustier oder, wenn Ihr das rechte Wort verlangt, Seeräuber kanntet, durftet Ihr nicht weniger erwarten, als ich Euch erzählt habe.«
»Ihr sprecht nur zu wahr,« versetzte Minna, »als daß ich anderes hätte erwarten sollen, und ich weiß nicht, wie ich es anders erwarten konnte. Aber es schien mir, als schlösse der Krieg gegen die grausamen und abergläubischen Spanier etwas Erhabenes in sich, das dem furchtbaren Gewerbe, dem Ihr soeben seinen rechten Namen beigelegt, einen Hauch von edler Art verleihe – als müßten die Helden der westlichen Meere den Söhnen des Nordens gleichen, die in langen Gallioten an so manchen Küsten die Sünden des entarteten Roms zu rächen wußten. So dachte ich, so träumte ich – schmerzlich fühlte ich, daß ich erwacht und enttäuscht bin. Aber ich lege Euch den Irrtum meiner Phantasie nicht zur Last. Lebt wohl. Wir müssen uns jetzt trennen.« »So sagt mir wenigstens,« antwortete Cleveland, »daß Ihr nicht mit Entsetzen auf mich blickt, weil ich die Wahrheit redete.«