»Ich muß Zeit zur Ueberlegung haben,« sagte Minna, »muß wägen können, was Ihr gesprochen, bevor ich meine Gefühle völlig begreifen kann. So viel aber kann ich schon jetzt sagen, daß der Mann, der mit Grausamkeit dem elenden Seeräuberhandwerk obliegt, der seine Gewissensbisse unter einer rohen Außenseite zu verbergen suchen muß, nie der Geliebte sein kann, den Minna Troil in Cleveland zu finden meinte – und daß, wenn sie ihn dennoch liebt, sie ihn nur noch als Büßer, nicht aber als Helden mehr lieben kann.«
Nach diesen Worten entwand sie sich ihm, – (denn noch immer suchte er sie zurückzuhalten), – und winkte ihm gebieterisch, ihr nicht zu folgen.
– – – »Da geht sie,« sprach Cleveland, ihr nachblickend, »ungestüm und launenvoll, wie sie ist – ha! darauf war ich nicht vorbereitet. Sie erschrak nicht, als ich ihr mein gefährliches Handwerk nannte, aber die schlimmen Seiten desselben überraschten sie; und nun ist mein ganzes Verdienst, einem nordischen Kämpen oder einem Seekönig zu gleichen, auf einmal verloren, weil eine Seeräuberbande keine Aehnlichkeit mit einer Heiligenschar aufweist... Ich wollte, Nackam, Hawkins und alle andern lägen tief unten im Schlunde von Portland ... Ich wollte, das Pentland-Haff hätte sie an den Strand der Hölle gespült statt nach Orkney hinauf... Aber ich will die Jagd auf diesen Engel nicht aufgeben, was auch jene Teufel unternehmen können... Ich will – ich muß nach Orkney, bevor der Udaller dort anlangt; denn unser Zusammentreffen möchte selbst seinen rohen Verstand in Schrecken setzen; obgleich man, Gott sei Dank! in diesem rauhen Lande uns nur von Hörensagen, durch unsre alten Freunde, die ehrlichen Holländer kennt, die sich gar wohl in acht nehmen, schlecht von Leuten zu reden, durch die sie Geld verdienen. – Stände Fortuna mir jetzt bei diesem schwärmerischen Weibe zur Seite, nie wollte ich ihr Glücksrad ferner auf den Wellen verfolgen, sondern hier – hier unter diesen Felsen mich ruhig niederlassen, so glücklich, als wären es eben so viele Bananen- und Palmenhaine.«
Unter solchen Betrachtungen kehrte Cleveland, der Seeräuber, nach dem Herrenhause von Burgh-Westra zurück.
Viertes Kapitel
Wir wollen nicht bei den Festlichkeiten dieses Tages verweilen, von denen wir nichts zu berichten wüßten, was die besondere Teilnahme unserer Leser erregen könnte. Die Tafel seufzte unter dem gewöhnlichen Ueberfluß – die Punschbowle ward mit dem gewöhnlichen Eifer gefüllt und geleert – die Männer zechten, die Weiber lachten – Claud Halcro reimte und sang, und der Udaller trank und sang, und der Abend endete wie gewöhnlich in dem Tanzraume.
Dort war es, wo Cleveland zu dem zwischen seinen Töchtern sitzenden Hausherrn trat und diesem seine Absicht mitteilte, sich nach Kirkwall in einer kleinen Brigg zu begeben, die Bryce Snailsfoot, der mit seinem Warenlager unglaublich schnell aufgeräumt, gedungen hatte, um neuen Vorrat zu holen.
Magnus Troil, hierdurch nicht eben angenehm berührt, fragte Cleveland in scharfem Tone, seit wann er die Gesellschaft des Hausierers der seinigen vorzuziehen gelernt habe. Cleveland antwortete mit seiner derben Offenheit: »daß Zeit und Flut auf niemand warte, und daß er seine eigenen Gründe habe, sich früher als der Udaller nach Kirkwall zu begeben, – daß er aber hoffe, ihn mit seinen Töchtern dort zur bevorstehenden Marktzeit zu treffen und dann vielleicht in ihrer Gesellschaft nach Shetland zurückzukehren.«
Unterdes hielt Brenda den Blick fest auf ihre Schwester gerichtet und bemerkte, daß deren bleiche Wangen noch bleicher wurden, daß sie die Lippen zusammenpreßte und die Brauen leicht verzog, so sehr sie sich auch bemühte, diese Zeichen einer gewaltsamen innern Bewegung zu unterdrücken. Aber sie sprach nicht, und als Cleveland dem Udaller Lebewohl gesagt und sich, der Sitte gemäß, auch ihr näherte, hörte sie seine Abschiedsworte an, ohne etwas darauf zu erwidern. Aber auch ihrer Schwester stand eine Prüfung bevor, denn Mordaunt Mertoun, einst der besondere Günstling ihres Vaters, nahm jetzt Abschied, ohne auch nur einen einzigen freundlichen Blick von ihm zu erhalten; ja es lag in dem Ton, mit dem Magnus dem Jüngling eine glückliche Reise wünschte und ihm empfahclass="underline" »wenn er unterwegs ein hübsches Mädchen treffen sollte, nicht gleich zu denken, sie sei in ihn verliebt, wenn er sie lächeln sähe« – ein solcher Spott, daß Mertouns Wangen erglühten; aber er dachte an Brenda und nahte sich, die Kränkung hinnehmend, den Schwestern, um Abschied von ihnen zu nehmen. Minna, jetzt milder gegen ihn gestimmt, nahm sein Lebewohl nicht ohne Teilnahme auf; Brenda aber verriet ihre freundlichen Gesinnungen gegen ihn durch eine Träne so deutlich, daß es selbst dem alten Udaller nicht entging, der halb verdrießlich ausrief: »Was, soll das heißen, Mädchen? das mag alles gut sein, denn er war ein alter Bekannter; aber Du kennst meinen Willen und weißt, daß er es nicht länger sein soll.«
Mordaunt, langsam aus dem Hause tretend, hatte die neue Kränkung zwar nur halb vernommen und wandte sich um, in der Absicht, etwas darauf zu erwidern; gab aber, als er sah, daß Brenda das Gesicht mit dem Schnupftuch bedeckte, um ihre Bewegung zu verbergen, seinen Vorsatz auf – denn der Gedanke, daß sie über seinen Weggang bekümmert sei, tilgte im Nu jeden Groll an die Unfreundlichkeit des Vaters. Er ging, die andern Gäste folgten seinem Beispiel; und viele von ihnen nahmen, wie Cleveland und er, noch an diesem Abend Abschied, um am nächsten Morgen sich nach den heimatlichen Hütten zurück zu begeben.
Minna und Brenda, deren Kummer zwar das verschlossene Wesen, das sich zwischen sie eingedrängt hatte, nicht ganz entfernen konnte, aber doch das Eis ihrer Herzen schmolz, hielten sich umschlungen und weinten bitterlich – und wenn auch keine von ihnen sprach, so wurden sie einander doch mit jedem Augenblick teurer; denn sie fühlten, daß die Tropfen, die ihren Augen entquollen, aus einer und derselben Ursache flossen. Und wenn auch Brendas Tränen reichlicher strömten, so war Minnas Gram dennoch tiefer, denn lange nachdem sich die Jüngere an dem Busen ihrer Schwester, einem Kinde gleich, in den Schlaf geseufzt, lag Minna noch wachend, vertieft in die kummervollen Gedanken, die noch immer Tränen aus ihren Augen lockten. Da vernahm sie zu ihrer nicht geringen Verwunderung plötzlich die Töne einer nahen Musik unter ihrem Fenster. Anfangs hielt sie es für eine Grille von Claud Halcro, dessen Uebermut sich dann und wann in solchen Serenaden äußerte. Aber es war nicht die Geige des alten Sängers, sondern eine Guitarre, deren Töne ihr Ohr berührten, ein Saitenspiel, das auf diesen Inseln niemand als Cleveland zu spielen verstand, der während seines Umganges mit den südamerikanischen Spaniern dieses Instrument mit ungemeiner Fertigkeit zu handhaben gelernt hatte. Vielleicht hatte er dort auch das Lied gelernt, das er jetzt unter dem Fenster eines thulischen Mädchens sang, und das besser in jenen als diesen so nördlichen rauhen Himmelsstrich zu passen schien, denn es sprach von irdischen Freuden, die hier in, diesem wilden Klima unbekannt waren:
1.
Deckt Schönheit Schlummer,
Wacht Liebeskummer,
Und singt sein Klagelied allein.
Laß Harmonie,
Die Melodie,
Sanft wie ihr Ruhelager sein.
2.
Durch Palmengebüsche
Haucht Balsamfrische,
Belebend ringsum die Natur,
Her durch die Luft
Trägt Zauberduft