Der reichen Blumenbeete Spur.
3.
Darum erwache,
Nur leise, schwache
Gebilde ruft ein Traum hervor.
Dein Schlaf enteile.
Am Fenster weile,
Und leih dem Liebesklang Dein Ohr!
Clevelands Stimme war weich, voll und männlich und stimmte vortrefflich mit der spanischen Melodie überein, die zu den Worten, vermutlich eine Uebertragung aus derselben Sprache, gesetzt worden war. Seine Aufforderung wäre ohne Zweifel nicht fruchtlos geblieben, hätte Minna ihr Lager verlassen können, ohne ihre Schwester zu erwecken. Aber das war unmöglich; denn Brenda, welche, wie wir bereits erwähnt haben, vor ihrem Entschlummern bitterlich geweint hatte, ruhte jetzt an der Brust ihrer Schwester, und hatte den einen Arm um sie geschlagen, wie ein Kind, welches sich, seine Wärterin umschlingend, in den Schlaf weint. Es war daher Minna unmöglich, sich ihrem Arm zu entwinden, wenn es auch im ersten Augenblick ihre Absicht war, ihr Nachtgewand umzuwerfen und an das Fenster zu eilen, um mit Cleveland zu sprechen, welcher, wie sie nicht zweifelte, zu diesem Mittel gegriffen habe, um eine Unterredung mit ihr herbeizuführen. Dieser Zwang war allerdings ärgerlich; denn es war mehr als wahrscheinlich, daß ihr Geliebter gekommen sei, ihr sein letztes Lebewohl zu sagen; aber daß Brenda, welche jetzt feindselig gegen Cleveland gesinnt schien, erwachen und Zeuge dabei sein sollte, war ein unerträglicher Gedanke. Eine kurze Pause fand statt, in welcher Minna mehr als einmal versuchte, den Arm ihrer Schwester so sanft wie möglich von sich los zu machen, aber jedesmal, wenn sie den Versuch wagte, murmelte die Schlummernde, wie ein Kind, das man in seinem Schlafe stört, ein paar verdrießliche Töne, bis Minna sich überzeugte, daß die Schwester, wenn sie sie nicht in Ruhe ließe, wieder munter werden würde.
Zu ihrem größten Verdruß sah Minna sich also genötigt, still und ruhig zu liegen; während ihr Geliebter, dem Anschein nach entschlossen, ihr Ohr durch Musik zu gewinnen, folgendes Bruchstück aus dem Liede eines Seemanns anstimmte:
Lebwohl, lebwohl, Dein soll, o Leben!
Mein letzter sanfter Ton noch sein,
Der nächste stimmt, mit rauhem Streben,
Bald in den Lärm des Seevolks ein.
Die Stimme, die, Dein Auge schauend,
Nur stammelte von Liebesqual,
Gibt bald, den Sturmwind überschreiend,
Nur roher Mannschaft das Signal.
Das Auge, das emporzublicken
Kaum wagte, schaut nun kühn bald auf,
Und muß, dem Feind den Tod zu schicken,
Scharf richten den Kanonenlauf.
Das Erdenglück, das mir geboten,
Der Lieb' und Hoffnung Sonnenlicht,
Ich rechn' es fortan zu den Toten,
Nur Deiner, ach, vergeh ich nicht.
Wieder schwieg er, und aufs neue versuchte Minna, der die Serenade galt, sich aus den Armen ihrer Schwester zu winden, ohne diese zu erwecken. Es war unmöglich, und ihr blieb jetzt nur noch der traurige Gedanke, daß Cleveland, der trotz seines feurigen Temperaments sich ihrem Willen so unverdrossen fügte, in seiner Verzweiflung forteilen würde, ohne ein einziges Wort von ihr vernommen zu haben. Ach, hätte sie sich doch nur einen Augenblick wegstehlen können, um ihm Lebewohl zu sagen – um ihn vor neuem Streit mit Mordaunt Mertoun zu warnen – um ihn zu beschwören, daß er sich von den furchtbaren Gefährten losmache; – ach, wäre ihr dieses nur möglich gewesen, welche heilsamen Folgen hätten solche Ermahnungen beim Abschied auf seinen Charakter, ja, sein ganzes zukünftiges Leben haben können?
Von diesem Gedanken dem Tantalus gleich gefoltert, war Minna eben im Begriff, noch einen entscheidenden Versuch zu ihrer Befreiung zu machen, als sie plötzlich Stimmen unter ihrem Fenster vernahm, die, wie sie zu unterscheiden glaubte, Cleveland und Mertoun angehörten. Es wurde ein heftiger Wortwechsel geführt, gleichsam als fürchteten sie gehört zu werden, in gedämpftem Tone. Schrecken erfaßte sie, und ihr Verlangen, aufzustehen, wurde so heftig, daß es ihr endlich gelang, sich aus Brendas Armen loszumachen, ohne die Schläferin zu wecken. Schnell und still warf sie einen Teil ihrer Kleidung über, in der Absicht, sich ans Fenster zu schleichen. Aber ehe sie dies Vorhaben noch zu Ende führen konnte, verstummten die Stimmen, und Minna vernahm nur ein heftiges Ringen und Schlagen; gleich darauf war alles still, und nur ein tiefer Seufzer drang zu ihr herauf. Hierdurch aufs höchste erschreckt, flog Minna zum Fenster und versuchte es zu öffnen, denn der Kampf hatte so dicht an der Mauer stattgefunden, daß sie nichts hätte sehen können, ohne den Kopf hinauszustecken. Der eiserne Riegel war verrostet und wollte nicht weichen, und die Eile, mit der sie ihn fortschieben wollte, erschwerte, wie es bei solchen Gelegenheiten zu gehen pflegt, die Arbeit; als es ihr endlich gelang und sie fast mit dem halben Körper zum Fenster hinaus lag, war in dem hellen Mondschein von Männern, die den Lärm bewirkt hatten, nichts als der Schatten eines um eine Ecke biegenden Körpers in langsamer Fortbewegung zu sehen: dem Anscheine nach der eines Mannes, welcher einen andern auf seinen Schultern trug: ein Umstand, der Minnas Herzensangst aufs höchste steigerte. Das Fenster war nicht über acht Fuß vom Boden entfernt; nicht einen Augenblick besann sie sich, hinabzuspringen und dem Schatten, der sie in solchen Schrecken gesetzt hatte, zu folgen.
Aber als sie die Ecke erreichte, um die sie den Schatten hatte biegen sehen, zeigte sich keine Spur, welchen Weg die beiden Gestalten genommen, und nach kurzer Ueberlegung mußte sie sich sagen, daß jeder Versuch, die Verfolgung fortzusetzen, ebenso ungewiß wie fruchtlos sein müsse. Außer den zahlreichen Vorsprüngen und Vertiefungen des winkelreichen Herrenhauses und seiner vielen Nebengebäude, – außer den verschiedenen Kellern, Vorratskammern, Ställen und ähnlichen Gegenständen, die sich ihr in den Weg stellten, zog sich auch noch bis zu dem kleinen Hafen eine niedere Bergreihe hin, die eigentliche Fortsetzung der Felskette, die die Schutzwehr des Hafens bildete. In diesen Klippen waren mannigfache Höhlen, Schluchten und Vertiefungen, in denen sich der Körper, dem der Schatten angehörte, mit seiner Unglückslast leicht verbergen konnte; denn ein Unglück, davon war sie überzeugt, mußte vorgefallen sein.
Minnas nächster Gedanke war, die Ihrigen wach zu rufen; aber was konnte sie ihnen mitteilen, und über wen? – Anderseits aber war dem Verwundeten, dem, ach vielleicht gar tödlich Verwundeten! – Hilfe und Beistand nötig, und von diesem Gedanken mächtig erfaßt, wollte sie eben ihre Stimme erheben, als sie diejenige Claud Halcros vernahm, der dem Anschein nach auf dem Rückweg vom Hafen begriffen war und ein Bruchstück eines alten norwegischen Liedes sang
Einst sollst Du, was von mir Dir blieb,
Verteilen, Mutter mein,
Dem Hungrigen und Durst'gen gib,
Das Weißbrot und den Wein.
Und meiner Rosse große Zahl
Verteil sie, Mutter mein,
Und meine Güter allzumal
Und meiner Schlosse neun.
Doch teile meine Rache nicht,
Laß ruhen jede Schuld;
Den Körper laß der Erdenschicht,
Die Seel' in Gottes Huld. –
Der seltsame Anklang dieser Zeilen auf die Lage, in der sie sich befand, erschien Minna wie eine Warnung vom Himmel. Unsere Erzählung spielt in einem Lande des Aberglaubens und der Ahnungen; wir werden daher von Lesern kaum verstanden werden, deren nüchterne Einbildungskraft nicht fassen kann, wie mächtig solche Vorstellungen auf den menschlichen Geist einwirken; im siebzehnten Jahrhundert, und am Hofe von England, wurde eine zufällig in einem Dichter aufgeschlagene Verszeile als Verkünderin künftiger Begebenheiten betrachtet; es ist daher wohl kein Wunder, daß ein Mädchen auf den entlegenen, rauhen Shetland-Inseln Verse als eine Eingebung vom Himmel ansah, die zufälligerweise einen auf ihre Lage bezüglichen Sinn trugen.