»Den Körper laß der Erdenschicht,
Die Seel' in Gottes Huld«
wiederholte sie leise vor sich hin, »aber,« schloß sie, »ich will schweigen und meine Lippen verschließen.« –
»Wer spricht hier?« rief Claud Halcro, nicht ganz ohne Furcht; denn selbst sein langer Aufenthalt in fremden Ländern hatte seinen Aberglauben nicht völlig vertilgen können. Von Schrecken und Angst ergriffen, war Minna unfähig, auch nur eine Silbe zu antworten, und Halcro, seine Augen fest auf die große weibliche Gestalt gerichtet, die er nur undeutlich sah, denn sie stand im Schatten des Hauses, und der Morgen war trübe und nebelig, begann sie in altnorwegischen Versen zu beschwören, die ihm als gerade passend für die Gelegenheit einfielen, und die in ihrer Ursprache etwas Wildes und Ueberirdisches hatten...
Sankt Magnus gebeut Dir zu weichen sofort,
Sankt Ronald befiehlt Dir's mit Weisheit und Wort.
Bei der Messe Sankt Martins, bei Mariens Gewalt,
Verlaß diesen Ort, Du Unglücksgestalt.
Willst Du Gutes, heilige Dich;
Willst Böses, verschlinge die Erde Dich;
Entstiegst Du der Luft, umwölke Dich,
Gebar Dich die Erde, begrabe Dich.
Den Zauberkreis suche als Fee,
Als Nixe die See; – Doch warst Du auf Erden hier
Kummersklave einst wie wir.
Hast vielleicht auch Du getragen,
Einst des Lebens herbe Plagen,
Kehr in die Gruft, denn Dein Sarg harrt auf Dich,
Dein Gespiele, der Wurm, erwartet Dich; –
Fort, unsteter Geist, die Erde berge Dich! –
Nur der Posaune Schall erwecke Dich! –
Hinweg von hier, des Kreuzes Zeichen
Gebeut Dir, eilig zu entweichen! –
»Ich bin es, Halcro,« erwiderte Minna, aber in einem so leisen Tone, daß es für die Antwort eines Geistes hätte gelten können. »Du, Du?«, fragte Halcro, dessen Furcht plötzlich in das größte Staunen überging, »bei bleichem Mondschein, – wer hätte denken können, Dich, meine liebenswürdige Nacht, so in ihrem eigenen Elemente herumwandern zu sehen? – Aber Du sähest sie gewiß so gut als ich – kühn genug von Dir, daß Du ihnen folgtest.«
»Wem? – Wem? –« rief Minna, in der Hoffnung, über den Gegenstand ihrer Furcht und ihrer Angst Näheres zu erfahren.
»Die Totenlichter, die um den Hafen tanzten, bedeuten nichts Gutes; ich stehe dafür. Weißt Du nicht, was das alte Lied sagt:–
Wenn Lichterkranz
Verbreitet Glanz, –
Ob's helles Tageslicht,
Ob Nacht die Welt umflicht –
Fehlt's auch an Leichen nicht.
Ich bin schon halb bis zum Hafen gewesen, aber sie waren verschwunden; doch schien es mir, als ob ein Boot abstieße, ein Fischerboot vielleicht. –Wollte ich doch, wir hätten erst gute Nachrichten von der Fischerei – Norna verließ uns im Zorn – und jetzt diese Totenlichter! – Nun, Gott helf uns! ich bin ein alter Mann und kann nur wünschen, daß alles glücklich vorüber wäre. – Aber wie, meine schöne Minna, Tränen in Deinen Augen? Und, wie ich beim hellen Mondenschein sehe, barfuß? Gab's denn, beim heiligen Magnus, keine shetländische Wolle, weich genug für diese allerliebsten Füßchen, die so lieblich in Lunas Strahlen glänzen? Wie, Du schweigst? vielleicht böse über mein Geplauder?« fügte er mit ernstem Tone hinzu, »schäme Dich, albernes Mädchen! Bedenke, ich bin alt genug, Dein Vater sein zu können, und stets habe ich Dich wie mein Kind geliebt.«
»Ich bin nicht böse,« sagte Minna, sich zum Reden zwingend, – »aber hörtet Ihr denn nichts? sie müssen an Euch vorüber gekommen, sein.«
»Sie, sie? von wem sprichst Du denn?« fragte Claud Halcro, »meinst Du etwa die Totenlichter? – Nein, bei mir sind sie nicht vorüber gekommen, aber, wie ich fast vermute, bei Dir, denn Du siehst ja bleich aus wie der Tod. – Komm, komm, Minna,« fügte er hinzu, indem er eine Seitentür des Gebäudes öffnete, »solche Spaziergänge im Mondenschein taugen besser für alte Poeten als für junge Mädchen, – Und wie leicht Du gekleidet bist, Mädchen, Mädchen! Du solltest sorgsamer sein in einer shetländischen Nacht, sie ist reicher an Rasse als an Düften. – Hinein mit Dir, Mädchen, denn wie John Dryden, der ruhmgekrönte Dichter sagt, – oder, wie er nicht sagt – denn ich kann mich nicht recht erinnern, wie seine Verse klingen – wie ich vielmehr in einem niederländischen Liede sagte, als meine Muse noch in ihrer Kindheit war:
Sittsame Maid sich dann erst erhebt,
Wenn vom Frühstrahl die Erde belebt;
Bis er den Kuß der Rose geschenkt,
Bleibe die seidene Wimper gesenkt.
Mägdleins Füßchen, zart und fein,
Darf vom Tau benetzt nicht sein.
Bis der Tag die Blumen erschlossen
Und sie den Balsamduft ergossen.
»Halt, was kommt doch jetzt? laßt sehen.« – Wenn der Geist des Rezitierens sich auf Claud Halcro herabsenkte, vergaß er Zeit und Ort, und hätte recht wohl seine Gefährtin eine halbe Stunde lang in der Nachtluft zurückhalten können, um ihr dichterisch zu beweisen, weshalb sie eigentlich um diese Zeit schon zu Bett sein müsse. Aber sie unterbrach ihn, indem sie sich, wie um sich vorm Hinfallen zu schützen, zitternd an ihn hielt und mit kaum hörbarer Stimme fragte: »Seht Ihr denn niemand in dem Boote, das soeben in See stieß?«
»Wie hätte ich denn etwas unterscheiden können?« antwortete Halcro, »da die Entfernung und das Dämmerlicht mir kaum zu erkennen erlaubten, daß es ein Boot und kein Raubfisch war.«
»Aber es muß doch jemand in dem Boote gewesen sein,« fuhr Minna fort, kaum sich dessen bewußt, was sie sprach.
»Ohne Zweifel,« antwortete der Poet, »Boote gehen nicht von selbst gegen den Wind an: aber komm, komm, hier länger zu bleiben ist Torheit, und also – wie die Königin in einem alten, von dem wackern Will D'Aoenant wieder auf die Bühne gebrachten Trauerspiele sagt: »Zu Bett – zu Bett – zu Bett.«
Sie trennten sich. Minna schleppte sich mühsam über mehrere weitläufige Gänge in ihr Zimmer zurück, wo sie vorsichtig ihren Platz neben der noch immer sanft schlummernden Schwester wieder einnahm. – Ihre Seele war von unendlicher Angst gefoltert. Daß sie Cleveland gehört hatte, davon war sie überzeugt, – die Tenorstimme ließ in dieser Hinsicht keinen Zweifel. War sie auch nicht ebenso fest überzeugt, die Stimme des jungen Mordaunt Mertoun, im heftigen Streit mit ihrem Geliebten begriffen, erkannt zu haben, so machte doch diese Vermutung einen gewaltigen Eindruck auf ihre Seele. Der schwere Seufzer, mit dem der Streit zu endigen schien, – die furchtbare Vorstellung, daß der Sieger den leblosen Körper seines Opfers fortgeschleppt habe, – alles dieses schien ihr zu beweisen, daß der Kampf ein schreckliches Ende genommen. Wer aber von den beiden unglücklichen Männern war gefallen? – wer hatte den unheilvollen blutigen Sieg erfochten? Das waren Fragen, auf die die leise Stimme ihrer innern Ueberzeugung erwiderte, daß, Charakter, Temperament und Gewandtheit recht erwogen, aller Wahrscheinlichkeit nach Cleveland den Zwist überlebt habe. Zwar flößte ihr diese Zuversicht einen unwillkürlichen Trost ein,; fast mit Abscheu aber wies sie ihn ebenso schnell von sich, als sie an Brenda dachte, die durch Clevelands Schuld vielleicht auf alle Zeit unglücklich geworden sei!